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Opern-Kritik: Stadttheater Bielefeld – The Convert (Beten – zu wem?)

Von Christen zur Strecke gebracht

(Bielefeld, 13.4.2024) Die Bielefelder Produktion von Wim Henderickx‘ starker Oper „The Convert“ über eine Religionsgrenzen durchlässig machende Liebe zur Zeit der Kreuzfahrer hat das Zeug, dem Belgier den weiteren Weg ins Repertoire zu bahnen.

vonMichael Kaminski,

Während die Premiere läuft, sind Drohnen des Mullah-Regimes unterwegs nach Israel. Islamistischer Hass zielt auf die vermeintlich Ungläubigen. Doch wäre christliche Überheblichkeit fehl am Platz. Was Christen Menschen jüdischen Glaubens antaten, davon erzählt Wim Henderickx‘ nun am Stadttheater Bielefeld zur deutschen Erstaufführung gelangende Oper „The Convert“. Das Mittelalter zeigt sich in dem vor zwei Jahren in Antwerpen uraufgeführten Werk von seiner finstersten Seite – zur Zeit des ersten Kreuzzugs: Vigdis Adelaïs, Tochter aus nordfranzösischem Adel, liebt den gleichermaßen gebildeten und charmanten David. Weil der junge Mann jüdischer Religion ist, scheint die Verbindung aussichtslos. Das Paar brennt nach Südfrankreich durch. Dort konvertiert Vigdis zum Judentum. Aus der Ehe mit David gehen zwei Kinder hervor. Ein drittes trägt Vigdis bereits unter dem Herzen, als Kreuzfahrer das abgelegene Dorf heimsuchen, in dem die junge Familie sich niedergelassen hat.

Einmal in Fahrt wider die – ob nun Muslime oder Juden bleibt sich da gleich – vermeintlichen Heiden, richten sie ein Pogrom an, dem auch David zum Opfer fällt. Vigdis sagt ein christliches Gebet her. Die Kreuzritter lassen von ihr ab. Tochter und Sohn aber werden von der allerchristlichsten Soldateska verschleppt. Auf der Suche nach den Kindern gelangt die junge Mutter nach Ägypten, wo sie sich bald auf dem Sklavenmarkt wiederfindet, dann in den Fängen eines Vergewaltigers. Kurz darauf stirbt ihr Baby. Als sie erfährt, dass die beiden älteren Kinder bei den christlichen Großeltern leben, macht sie sich zurück nach Frankreich auf. Dort landet sie auf dem Scheiterhaufen. Bevor die Flammen nach ihr greifen können, kaufen sie zwei Rabbiner frei. Dennoch hat sie aller Lebensmut verlassen. Vigdis stirbt trostlos und völlig erschöpft.

Szenenbild aus Wim Henderickx‘ „The Convert“ am Stadttheater Bielefeld
Szenenbild aus Wim Henderickx‘ „The Convert“ am Stadttheater Bielefeld

„The Convert“ ist ein packendes Drama

Was in der Kurzfassung des Inhalts bisweilen an Stringenz zu fehlen scheint, verknüpfen Henderickx und sein in Englisch schreibender Librettist Krystian Lada durch zahlreiche Nebenmotive zu einer aufs Ganze gesehen schlüssigen Fabel. Stefan Hertmans‘ Romanvorlage „De bekeerlinge“ (deutscher Titel: „Die Fremde“) wandelt sich bei Henderickx und Lada zum genuinen Opernsujet. Rituelles, wie die Konversion der Titelfigur zum Judentum oder das über der Verstorbenen gesungene Kaddish, scheuen nicht vor monumentalem Gestus. Desto berückender die wenigen dem Liebes- und Ehepaar gegönnten Situationen weltenthobener Zweisamkeit. Hier wie dort beweist Henderickx melodischen Sinn. Der massive, oft von Elektronik grundierte Orchestersatz gewinnt durch Duduk (die sogenannten „armenische Flöte“), Kanun (eine Art Zither) und vor allem Oud (die nahöstliche Kurzhalslaute) orientalisierende Farben. So ergibt sich denn eine ins Gemüt greifende, von Fall zu Fall bald kontrastierende, bald amalgamierende Faktur aus Elementen christlicher, jüdischer und islamischer Musiktraditionen.

Szenenbild aus Wim Henderickx‘ „The Convert“ am Stadttheater Bielefeld
Szenenbild aus Wim Henderickx‘ „The Convert“ am Stadttheater Bielefeld

Bildmächtige Tableaus

Regisseur Nick Westbrock greift entschieden auf das Werk zu. Die Figuren bleiben tableauhaft an ihr jeweiliges Kollektiv rückgebunden. Wobei das Christentum seine Bindekräfte ausschließlich aus der kriegerischen Konfrontation mit der islamischen und jüdischen „Konkurrenz“ zu beziehen scheint. Freilich dürfen die Sklavenhandel treibenden – in Stück und Regie weniger scharf umrissenen – Muslime wohl kaum mehr Sympathie für sich beanspruchen. Weisheit und Güte sind den Vertretern des Judentums vorbehalten. Sicher mag dabei Schönfärberei mitbestimmen. Doch immerhin bietet die älteste der drei abrahamitischen Religionen der Titelfigur eine Heimat in Glaube und Gesellschaft, ohne ihr Hass auf Christentum oder Islam abzufordern. Dass final die religiös und gesellschaftlich im Letzten unbehauste Vigdis zwischen christlichem Herkommen und angenommenem Judentum verdämmert, folgt aus ihren permanenten Zweifeln, zu welcher Gottheit sie beten soll.

Bühnenbildner Marvin Ott lässt die Drehscheibe ohne wirkliche Schauplatzwechsel rotieren. Immerfort ragen massive Wände. Nur ab und an zeigen sie sich durchbrochen oder scheinen mittels Treppenkonstruktionen Wege und Auswege zu eröffnen. Der Schein trügt. Otts Bühnenraum ist unentrinnbar wie die Kerker auf den Radierungen Piranesis. Julia Röslers Kostüme deuten maßvoll Mittelalter an.

Szenenbild aus Wim Henderickx‘ „The Convert“ am Stadttheater Bielefeld
Szenenbild aus Wim Henderickx‘ „The Convert“ am Stadttheater Bielefeld

Absolut bühnenwirksam

Musikalisch votieren die Bielefelder ebenso überzeugend für das Werk wie szenisch. Hagen Enke bewegt Chor und Extrachor des Hauses zu unerhörter Klangpracht im Riesenformat. Sauber und schönstimmig lassen Felicitas Jacobsen und Anna Janiszewska die JunOs (Kinderchor des Bielefelder Theaters) vernehmen. Anne Hinrichsen entlockt den Bielefelder Philharmonikern glut- und blutvolle Dramatik. Bei aller Verve bleiben die vielfältigen klanglichen Schichten der Partitur immerfort durchhörbar. Dušica Bijelić ist Vigdis Adelaïs. Bijelić facettiert die gesellschaftliche wie religiöse Unbehaustheit ihrer Figur spielerisch und vokal bis ins Erschütternde. Tänzerisch spiegelt Lena Paetsch als Black Hamoutai (der Name, den Vigdis nach ihrer Konversion annimmt) ungemein suggestiv die Fährnisse der Titelfigur. Todd Boyce bewahrt für David in aller szenischen Bedrängnis vokale Eleganz. Yoshiaki Kimura verleiht der Brutalität von Vigdis‘ Vater Gudbrandr ebenso Ausdruck wie der Güte von Rabbi Todros. Auch sonst vereinen sich die meist in mehreren Rollen beschäftigten Solistinnen und Solisten zum Ensemble aus einem Guss.

Komponist Henderickx verstarb nur ein halbes Jahr nach der Uraufführung seiner ersten und einzigen Oper. Das Werk ist bedeutend und wichtig. Die Bielefelder Produktion hat das Zeug, ihm den weiteren Weg ins Repertoire zu bahnen.

Stadttheater Bielefeld
Wim Henderickx: The Convert (Beten – zu wem?)

Anne Hinrichsen (Leitung), Nick Westbrock (Regie), Marvin Ott (Bühne), Julia Rösler (Kostüme), Johannes Paul Volk (Licht), Hagen Enke (Chor), Felicitas Jacobsen, Anna Janiszewska (JunOs), Dušica Bijelić, Lena Paetsch, Todd Boyce, Cornelie Isenbürger, Marta Wryk, Theodore Browne, Wolfgang Resch, Yoshiaki Kimura, Paata Tsivtsivadze, Dumitru-Bogdan Sandu, Erik Fenske, Giulia Rabec, Bielefelder Opernchor und Extrachor, JunOs, Bielefelder Philharmoniker




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