Opern-Kritik: Theater Bonn – Attila

Konserven und Palmwedel

(Bonn, 29.1.2017) Dietrich Hilsdorf dreht Verdis frühe Großtat gekonnt durch den Regietheater-Fleischwolf

© Thilo Beu

Dieter Richter siedelt Verdis frühes Phantasie-Historiengemälde in einem zerbombten Hinterhof an. Der Regisseur Dietrich W. Hilsdorf glaubt offensichtlich nicht an die romantische Idee vom großen Mann, den das Schicksal und seine eigene Maßlosigkeit gemeinsam vom Sockel stoßen. Sein Attila kommt bereits am Anfang gebeugt auf die Bühne, im Offiziersmantel mit Intellektuellenbrille und verkniffener Gesichtsmimik, ein vom Krieg gezeichneter Kriegsherr. Zusammen mit der rachedurstigen Fürstentochter Odabella, dem diese und sein Vaterland fanatisch liebenden Foresto und dem ruhmsüchtigen Feldherrn Ezio bildet der mythische Hunnenfürst hier eine Art Quadrat des Grauens. Vier Menschen sind in einem von Krieg und Verwüstung zerstörten Land ausschließlich mit ihren eigenen Komplexen und Begierden beschäftigt.

Will Humburg präpariert die Schönheiten der Partitur gekonnt heraus

Diese Lesart ist durchaus aus der Musik entwickelt. Wie kaum sonst in Verdis Musikdramatik greifen hier Naturstimmungen, martialische Ensembles und aus heutiger Sicht psychotisch anmutende Arien ständig ineinander. Bei den letzteren herrscht zudem das Cavatine-Cabaletta-System so strikt wie in keiner anderen Verdi-Oper. Auf den langsamen folgt immer der schnelle Arien-Teil. Auch in den vielen Chorszenen und den von Marschrhythmen dynamisch aufgeheizten Duetten, Terzetten und Quartetten scheut Verdi zugunsten der Wirkung vor dem Plakativen und Stereotypen nicht zurück. Will Humburg im Graben führt Chor und Solisten leidenschaftlich und kontrolliert und präpariert die Schönheiten und einzigartigen Momente der Partitur gekonnt heraus. Hilsdorf macht sie hörbar, indem er sich der Mittel der Ironisierung und des absurden Theaters bedient.

Dietrich W. Hilsdorf bietet ständig neue Maskierungen, Demaskierungen, Dekonstruktionen

© Thilo Beu

Da gibt es immer wieder fast lächerliche Einbrüche von kleinteiligem Realismus, wenn etwa Attilas Sklave für seine Arie singenden Herren eine Konservenbüchse öffnet. Da kommt der voll kostümierte Papst im schmucklosen Bühnenarbeiter-Buggy, gesteuert von einem unverkleideten Bühnenarbeiter und begleitet von Nonnen, Engeln und Palmwedeln. Diese aufgesetzten Einzelheiten häufen sich im Laufe des Abends. Irgendwann hat man keine Bühnenwirklichkeit mehr, sondern nur noch verschiedene Schichten, finden ständig neue Maskierungen, Demaskierungen, Dekonstruktionen statt. Und Odabella schleppt den ganzen Abend ein riesiges Schwert durch die Maschinengewehrwelt.

Die Sänger sind extrem gefordert

© Thilo Beu

Dieses Verfahren ist im Detail angreifbar, kommt auch durch die unterschiedlichen, schauspielerischen Fähigkeiten der Sänger an natürliche Grenzen, weckt aber großes Interesse an Charakter und Niedergang der Hauptfigur. Zumal Franz Hawlata diese in erstaunlicher Weise mit Leben füllt. Der sonore Bassgesang ist seine Sache nicht, obwohl er über ein gesundes tiefes Register verfügt. Er entwickelt die Rolle jedoch aus einer Art raumgreifendem Parlando. Sein Attila scheint ständig mit sich selbst zu sprechen, sich vor sich selbst rechtfertigen zu wollen und nach Ablenkung zu gieren. Stimmlich ein echter Gegenspieler ist Ivan Krutikovs Ezio mit beweglichem, sinnlich timbriertem, in oberen dynamischen Bereichen leicht belegtem Bariton. Yannick-Muriel Noah bringt gesanglich die erstaunlichste Leistung des Abends. Die Rolle der Odabella verlangt extreme Agilität, fast hochdramatische Kraft, stimmliche Schönheit und geradezu grazile Linienführung. Noah bietet alles, entspannt und ohne Einschränkung. George Oniani als Foresto beeindruckt durch Stimmkraft und -schönheit, singt jedoch wenig flexibel, hat gelegentlich Intonationsprobleme und wirkt unzufrieden mit dem inszenatorischen Umfeld.

Theater Bonn

Verdi: Attila

Will Humburg (Leitung), Dietrich W. Hilsdorf (Regie), Dieter Richter (Bühne), Renate Schmitzer (Kostüme), Marco Medved (Chor), Franz Hawlata, Yannick-Muriel Noel, Ivan Krutikov, George Oniani, Yonghoon You, Leonard Bernad, Chor und Extrachor des Theaters Bonn, Beethoven Orchester Bonn

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