Sieg auf ganzer Linie für Filmmogulstochter Marylou Makintosh nun auch auf der Bühne des Dortmunder Opernhauses. Den zunächst – schon aufgrund ihres Geschlechts – an ihrer Eignung fürs Filmgeschäft zweifelnden Vater erobert sie am Theater Dortmund final ebenso für das von ihr aus dem Stegreif erfundene Format des Reality-Kinos wie die von der Revolution ins Exil und das titelgebende Luxusetablissement an der französischen Riviera genötigte spanische Infantin Isabella einschließlich ihres prospektiven Gemahls, einem abgedankten Habsburgerprinzen. Sämtliche bisherigen Hollywoodschmonzetten über vertriebenen und von Armut bedrohten Hochadel zeigen sich fortan durch die ihre eigene Geschichte in Leinwandgröße zu Markte tragenden Angehörigen fortgespülter Königs- und selbst Kaiserhäuser getoppt. Der vertriebenen Dynasten europäischer Stern sank dahin, ihr amerikanischer geht auf.
Spektakuläres Showbizz
Regisseur und in Personalunion Choreograf Jörn-Felix Alt serviert sämtliche Ingredienzien, deren Abrahams „Jazz-Operette“ unbedingt bedarf: Rasanz, Pointensicherheit, eine Prise Sentiment und – keinesfalls zuletzt – die ganz große Show. Alt heißt das Ensemble voll aufdrehen. Bei perfektem Timing. Fesch, frech, atemberaubend charmant, je nach Situation entwaffnend offen oder durchtrieben manövriert Jungfilmerin Makintosh günstige Gelegenheiten immerfort beim Schopf packend sich selbst und den abgehalfterten Hochadel aufs Karrieregleis. Marylous amerikanisch-unverwüstlicher Optimismus dürfte gewöhnliche, mithin nicht zwangsexilierte, Europäer zur Verzweiflung treiben, würden der Tonsetzer, seine Librettisten und die Spielleitung nicht beständig – wohlwollend, doch vernehmlich – mit den Augen zwinkern.

Kongeniale Eingriffe
Im Verein mit Carsten Golbeck hat Alt den Text bearbeitet, als seien ihre Ergänzungen den höchsteigenen Federn des Erfolgs-Librettistenduos Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda entflossen. So überzeugt die Filmmogulstochter den misstrauischen Großfürsten Paul von den Vorzügen des Kintopps, indem sie ihm versichert, angestrahlt von den Scheinwerfern der Beleuchter im Filmstudio würden seine Orden prächtiger noch aufblitzen als selbst bei himmelblaustem Kaiserwetter. Ihren Coup landen die Bearbeiter im nahtlosen Übergang vom Grandhotel ins Hollywoodstudio. Die vermeintliche Luxusherberge erweist sich nun als Filmkulisse. Die scheinbar melancholisch das „Märchen“ der Ereignisse im Grandhotel besingende Isabella agiert längst als Filmdiva. Auf dass der Überraschungseffekt Amüsement und Staunen, nicht Verblüffung hervorrufe, zeigt er sich durch Ausweitung des eingängigen „Ich geh‘ so gern spazieren“-Foxes zur Broadway- und Kinotauglichkeit vorbereitet: Unversehens mutiert Prinz Andreas Stephans, des habsburgischen Eheanwärters der Infantin, leichtfüßig-flaneurhaftes Lied zur hinreißend choreografierten Revuenummer fürs singende und tanzende Ensemble. Die Gattungsbezeichnung „Jazz Operette“ erweist sich spätestens hier als Synonym für „Musical“. Alles dies situiert Bühnenbildner Alexandre Corazzola in einer vom Art Déco angehauchten Luxusherberge. Die Drehbühne gewährt Einblicke in Hotelhalle und die verschiedenen Räumlichkeiten der Infantinnen-Suite vom Salon bis ins Bad und Schlafgemach. Farbintensiv, glamourös und durch Wendejacken und -fräcke rasch wandelbar, arbeiten Vanessa Rusts Kostüme der Rasanz des Geschehens – bisweilen ironiesatt – zu.

Abraham-Hochkompetenz
Wie die szenische offenbart sich die musikalische Seite des Dortmunder „Märchens im Grandhotel“ als Volltreffer. Gemeinsam mit Henning Hagedorn hatte der Solo-Bassklarinettist bei den Dortmunder Philharmonikern Matthias Grimminger bereits 2017 die bühnenpraktische Rekonstruktion des Werkes für die halbszenische Deutsche Erstaufführung an der Komischen Oper Berlin vorgelegt. Für die weitaus großzügigeren Dimensionen des Dortmunder Hauses mit seiner Riesenbühne und dem enormen Abstand zwischen Rampe und letzter Reihe in Parkett und Rängen galt es die Partitur um Holzbläser zu erweitern und das Blech zu verstärken. Grimminger und Hagedorn orientierten sich dabei an den Partituren anderer Abraham-Operetten. Was Koji Ishizaka am Pult der Dortmunder Philharmoniker in die Lage versetzt, mit beinahe authentischem Abraham-Sound aufzuwarten. Stilsicher wechseln Walzer, Tango und Swing nicht allein ab, immer erneut wandelt sich eines ins andere. Die Streicher tönen einschmeichelnd wie auf alten Aufnahmen unter des Komponisten eigener Leitung. Nina Weiß verfügt für Marylou Makintosh vokal über bezwingendes Jazz-Feeling, tanzt atemberaubend und ist auch spielerisch eine Wucht. Ob Infantin oder Filmstar, Tanja Christine Kuhn verfügt über jene Divenattitüde, bei der das Herz sich nicht gar so weit vom richtigen Fleck entfernt. Was indessen nicht übermäßig schwer fallen dürfte. Erweist Matthias Störmer als ihr bürgerlicher Verehrer und schließlicher Gemahl Albert Chamoix doch in rarer Kombination zugleich seine Treuherzigkeit und Begabung zum Charmebolzen. In Gestalt Rob Pelzers schwindet Prinz Andreas Stephans Habsburger-Stolz fortschreitend zugunsten des Hollywood-Feelings. Glänzend aufgelegt zeigen sich auch alle weiteren Ensemblemitglieder.
Theater Dortmund
Abraham: Märchen im Grand Hotel
Koji Ishizaka (Leitung), Jörn-Felix Alt (Regie & Choreografie), Alexandre Corazzola (Bühne), Vanessa Rust (Kostüme), Florian Franzen (Licht), Tanja Christine Kuhn, Fritz Steinbacher, Rob Pelzer, Johanna Schoppa, Matthias Störmer, Morgan Moody, Nina Weiß, Christian Pienaar, Mario Ahlborn, Min Lee, Daegyun Jeong, Shinyoung Hwang, Tanzensemble, Dortmunder Philharmoniker
So., 01. Februar 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Abraham: Märchen im Grand-Hotel
Koji Ishizaka/Carlos Vázquez (Leitung), Jörn-Felix Alt (Regie)
Mi., 18. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Abraham: Märchen im Grand-Hotel
Koji Ishizaka/Carlos Vázquez (Leitung), Jörn-Felix Alt (Regie)
Fr., 27. Februar 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Abraham: Märchen im Grand-Hotel
Koji Ishizaka/Carlos Vázquez (Leitung), Jörn-Felix Alt (Regie)
Fr., 06. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Abraham: Märchen im Grand-Hotel
Koji Ishizaka/Carlos Vázquez (Leitung), Jörn-Felix Alt (Regie)
Fr., 20. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Abraham: Märchen im Grand-Hotel
Koji Ishizaka/Carlos Vázquez (Leitung), Jörn-Felix Alt (Regie)




