Opern-Kritik: NATIONALTHEATER MANNHEIM – LA JUIVE

Sinnlich und gedankenscharf

(Mannheim, 10.1.2016) Meisterregisseur Peter Konwitschny inszeniert seine erste Grand Opéra – und triumphiert

© Hans Jörg Michel

Zurab Zurabishvilli, Astrid Kessler

Mit fast 71 Jahren inszeniert Peter Konwitschny seine erste Grand Opéra. Und landet einen großen Erfolg. Die zugespitzen Ideologien und grob schraffierten Handlungsmotivationen von Halevys genialischem Schinken erweisen sich als nahezu ideales Gefäß für Konwitschnys berserkerhaft moralisierendes Ausdrucks- und Interpretationstheater.

Gegenwartsbezug ohne Zeigefinger

Der Regisseur stellt das Stück in gleich mehrerer Hinsicht von den Füssen auf den Kopf. Distanz entsteht hier nicht durch zirzensisches Dekor und Ausstattungspomp wie annodazumal, sondern durch Abstraktion und Gedankenschärfe. Konwitschnys Kernidee hätte von Meister Brecht stammen können: Alle Christen haben blaue, alle Juden gelbe Hände. Bereits durch diesen Kniff erscheint das Stück gegenwärtig, denkt man wie von selbst an Sunniten und Schiiten, Moslems und Christen, Türken und Kurden, Christen und Juden, ohne dass die Ausstattung darauf Bezug nehmen müsste. Da muss dann Leopold, der Reichsfürst, der mit der Tochter des Kaisers verlobt und in die Jüdin Rachel verliebt ist, immer wieder seine Hände verstecken, je nachdem, welche „Handfarbe“ er gerade trägt und in welchem Milieu er sich aufhält – und die Inszenierung kommt phasenweise als timingsichere, absurde Komödie daher.

Fesselnde Figuren

Diese Tendenz wird wiederum konterkariert durch Johannes Leiackers monumental ausgeleerten Raum, der – vor dem Hintergrund absichtsvoll farbenprächtig leuchtender Kirchenfenster – von gewaltigen Gitterkuben strukturiert wird. Aus diesem Spannungsverhältnis gewinnt Konwitschny fesselnde Figuren, wobei seine Sympathie eindeutig auf Seiten der Frauen ist. Die von Astrid Kessler mit allzeit jugendfrischem Sopran rückhaltlos verkörperte Titelfigur führt Konwitschny im zweiten Akt in die achte Publikumsreihe. Hier singt sie ihre Wut heraus, als sie erfährt, dass der geliebte Samuel in Wahrheit der Christ Leopold ist, hier darf sie deutsche Sprechtexte improvisieren, während der Filou sie musikalisch anschmachtet. Und dann „muss“ sie ihrem Kerl auf der Bühne in die Arme fallen.

Konwitschny lenkt den hörenden Blick auf die utopisch anmutende Musik

Auch Eleazar, ihr Vater, singt seine große, durch Caruso berühmt gewordene Arie im Parkett. Und im ersten Akt verteilt sich gar der Chor singend und gaffend im Publikum. Diese Nähe verkörperlicht, versinnlicht das Geschehen, befasst den Zuschauer dringlich mit der Handlung, fordert Haltung. Vor allem aber verweist Konwitschny nicht nur an diesen Stellen bewusst auf die Musik, ja, macht sie im engeren Sinne hörbar. So lässt er Zurab Zurabishvilis hochexpressiven und pianostarken Eleazar teilweise ganz zurückgenommen agieren, damit die Traurigkeit aus dem Graben sich in Bühne und Zuschauerraum ausbreiten kann, und lässt sich die beiden Frauen in einem eigentlich hochtragischen Moment fast ausgelassen anfreunden, was von der hier geradezu utopisch anmutenden Musik offenkundig nicht nur gedeckt, sondern geradezu gefordert wird.

Die erstklassigen musikalischen Kräfte stammen großteils aus dem Ensemble

Damit ein derartiger Ansatz glücken kann, bedarf es erstklassiger musikalischer Kräfte. Und Mannheim hat sie – fast ausnahmslos im eigenen Ensemble. An erster Stelle sind Chor und Orchester zu nennen, von Alois Seidlmeier so enthusiastisch wie differenziert angeleitet. Stets erscheint der Klang gestaffelt und transparent. Delikat werden die vielen Farben und Effekte musiziert, elastisch die mitreißenden Melodien hingestellt. Dazu erfreut der oft individualistisch inszenierte Chor durch große Spielfreude. Mit wächsern leuchtenden, gestochenen Koloraturen stellt Estelle Kruger ihre Kaisertochter auf das gleiche Niveau wie Astrid Kesslers grandiose Rachel. Joachim Goltz stattet seinen Polittrottel mit stählernen Baritonhöhen aus, Sung Ha den strahlenden Kardinal mit klangschönem lyrischen Bass bei etwas blasser Tiefe, und Juhan Trallas gibt dem Leopold qualligen Charme und große musikalische Eloquenz mit. Eine absolut mitreißende Aufführung.

Nationaltheater Mannheim

Halevy: La Juive

Alois Seidlmeier (Leitung), Peter Konwitschny (Inszenierung), Johannes Leiacker (Bühne & Kostüme), Astrid Kessler, Zurab Zurabishvili, Sung Ha, Juhan Tralla, Joachim Goltz, Estelle Kruger

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