Porträt NDR Das Alte Werk

Revolutionäre Musik

Lyriarte und Irvine Arditti bringen Biber und Berio zusammen

© Philippe Gontier

Irvine Arditti

Irvine Arditti

Er ist einer der größten Experimentatoren in der Musik. Präparierte Violinsaiten und naturalistische Klangeffekte, Schlagen mit dem Bogen und Umstimmen der Saiten – jeder Geiger, der sich seine Stücke vornimmt, hat alle Hände voll zu tun. Eigentlich merkwürdig, dass er fast nur von Geigern mit historischen Instru­menten gespielt wird. Denn Heinrich Ignaz Franz Bibers Ideen waren revolutionär. Und dass er sie vor über dreihundert Jahren hatte, tut dem keinen Abbruch. Im Gegenteil, manches klingt immer noch überraschend modern.

Wer könnte also besser geeignet sein, um eine violinistische Begegnung der besonderen Art zu eröffnen? Rüdiger Lotter und sein Ensemble Lyriarte treffen auf Irvine Arditti, den Gründer des legendären Arditti-Quartetts. Lotter hat sich nicht nur mit seinem 2000 gegründeten Ensemble einen Namen in der Alten Musik gemacht. Spätestens seit ihm Reinhard Goebel, einer der Väter der deutschen Alte-Musik-Bewegung, 2006 sein Instrument aus der Hand Jacob Stainers anvertraute, ist er eine feste Größe in der Szene. Und für Irvine Ardittis 1974 gegründetes Arditti-Quartett haben alle Komponisten, die Rang und Namen haben in der Neuen Musik, Stücke geschrieben. Gemeinsam überschreiten Arditti und Lotter nun die Grenzen zwischen Neu und Alt, spielen im Duett Biber, Berio und Takemitsu, solo erklingen Berio, Ferneyhough und Bach.

Leitidee des Treffens ist das Konzept des polyphonen Spiels auf der Violine: Biber war es, der das mehrstimmige Spielen auf nur einer Geige in der Violinmusik etablierte – von ihm führt dann der Weg über Berio und Takemitsu bis zu Brian Ferneyhough, der in seinem 1986 von Arditti uraufgeführten Intermedio alla ciaccona „Aspekte einer fiktiven Polyphonie“ sucht.

Im Zentrum dieser Rundreise durch die Geschichte polyphonen Geigenspiels steht aber natürlich Johann Sebastian Bach. Denn in der Chaconne aus der d-Moll-Partita für Violine solo brachte Bach das mehrstimmige Spiel auf einem einzigen Instrument zu einem nie übertroffenen Höhepunkt. So erklingt sie denn auch genau in der Mitte des Konzerts – auch in solchen symbolisch-strukturellen Spielen ähneln sich ja Neue und Alte Musik.

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