Porträt Mark-Anthony Turnage

Die Vorgaben der Neuen Musik mit Scharfsinn und Humor außer Kraft setzen

Der britische Komponist Mark-Anthony Turnage hat sein „Testament“ gemacht – und die Staatskapelle Weimar bringt es zur deutschen Erstaufführung.

Mark-Anthony Turnage © Philip Gatward

Mark-Anthony Turnage

Den zeitgenössischen Komponisten werden in Großbritannien, wie überall, nicht permanent Kränze geflochten. Doch Mark-Anthony Turnage, wahrlich nicht für leichte musikalische Kost bekannt, wurde 2015 von der Queen zum „Commander of the Order of the British Empire“ ernannt. Die britische Krone hat mit dieser Entscheidung sicherlich den Stellenwert Neuer Musik erhöht und auch ihre eigene Kunstsinnigkeit unter Beweis gestellt – schließlich genießt Mark-Anthony Turnage seit seiner ersten Oper „Greek“ weltweites Ansehen. „Greek“ war die Oper, die 1988 auf Anregung des deutschen Komponisten Hans-Werner Henze in Auftrag gegeben und im Münchner Gasteig uraufgeführt wurde.

Opern statt Pop-Songs

Mark-Anthony Turnage ist diese Kunstnähe, die das britische Königshaus bewies, seinerseits nicht in die Wiege gelegt worden. Er stammt aus einem Arbeiterhaushalt und suchte einst Ausflüchte, um nicht in der Kirche auf Geheiß seiner religiösen, aber nicht musikalischen Eltern die Orgel spielen zu müssen. Nicht nur improvisierte er lieber, als zu üben. „Ich war wie besessen davon, die Stücke auch aufzuschreiben“, erinnert sich der heute 58-Jährige mit einem Schmunzeln. „Ich hatte mir als Kind schon eine ausgewachsene Liste von großen Werken zurechtgelegt, die ich schreiben wollte. So an die hundertfünfzig Stücke.“ Keine Songs allerdings, wie es sich viele Jungs mit der E-Gitarre im Keller vornehmen, sondern Sinfonien, Opern, ellenlange Klaviersonaten.

Mark-Anthony Turnage

Mark-Anthony Turnage © Philip Gatward

Vieles davon hat er in die Tat umgesetzt. Dabei hat Turnage einige der ungeschriebenen Gesetze der Neue-Musik-Szene elegant ignoriert. Seit der Oper „Greek“ hat Turnage oft Elemente des Jazz in seine Musik einfließen lassen – schließlich ist er seit seiner Jugend ein glühender Verehrer des Trompeters Miles Davis, und Turnages Wandel zwischen den musikalischen Welten E-Musik und Jazz ist ebenso behände wie der seines berühmten US-Lehrers Gunther Schuller – jenes Jazz-Musikers, der ausgerechnet das romantische Waldhorn zu seinem Hauptinstrument erkor.

Mark-Anthony Turnage und Anna Nicole Smith

Mark-Anthony Turnages analytische und zugleich humorvolle Wahrnehmung der Welt mit den Augen und Ohren des Komponisten hat auch die Gestalt des schillernden US-Fotomodells Anna Nicole Smith getroffen. Vier Jahre nach dem Ende ihres kurzen, turbulenten Lebens 2007 verfasste Turnage die Oper „Anna Nicole“. In der Spielzeit 2018/19 ist Turnage nun „Composer in Residence“ bei der Staatskapelle Weimar. Für sie hat er das Auftragswerk „Testament“ komponiert, das ukrainischen Texten folgt – eine völlig neue Komponente im Schaffen von Turnage.

Hören Sie hier Turnages „Dialogue“ mit Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta:

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