Porträt Stanislaw Skrowaczewski

Weltenbummler mit 87 Jahren

Stanislaw Skrowaczewski dirigiert wieder in Berlin. Einen besseren Bruckner gibt es derzeit nur selten zu hören

© Toshiyuki Urano

Stanislaw Skrowaczewski

Stanislaw Skrowaczewski

Als Seiji Ozawa seine für diese Saison geplanten Konzerte mit den Berliner Philharmonikern absagen musste, engagierte das Orchester als Ersatz zwei Dirigenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Gustavo Dudamel und Stanislaw Skrowaczewski. Der eine Südamerikaner, jung und feurig, der andere Pole, alt und erfahren; der eine noch dabei, sich ein Repertoire zu erarbeiten, der andere aus einem in 65 Jahren angesammelten Fundus schöpfend – der eine ein Star, der andere ein Meister.

Der 87jährige ist Erbe jener alteuropäischen Tradition, der es vorrangig darum ging, musikalische Gebilde wie aus einem Guss zu erschaffen und nicht nur mit einzelnen Glanzlichtern aufzupolieren. Deshalb liebt Skrowaczewski dynamische Dehnungen und übertriebene Rubati überhaupt nicht, selbst Bruckner-Sinfonien klingen bei ihm strukturell abgerundet, die end- und zahllosen Pausen sind eingebettet in einen natürlichen Fluss der Musik.

Bruckner ist Skrowaczewskis große Leidenschaft. Sie begann, wie jede echte Passion, als Krankheit: Als Sechsjähriger hatte er am offenen Fenster etwas Unglaubliches gehört und geriet außer sich. „Am Abend bekam ich Fieber, ich war in einem Delirium. Mein Vater war Doktor, aber er wusste nicht, was mit mir los war. Später erfuhr ich, dass ich das Adagio aus Bruckners siebter Sinfonie gehört hatte.“ Die Szene spielte sich in Lemberg ab, dem damals polnischen Lwów, wo Skrowaczewski 1923 geboren wurde. Sein Vater war übrigens Hirnchirurg, was einen dazu verführen könnte, die rationalen, klar linierten Interpretationen dieses Dirigenten familiär zu erklären. Sie sind jedoch ein Kennzeichen der gesamten polnischen Ästhetik, die zumindest im 20. Jahrhundert immer nach Frankreich schielte. Dort beendete Skrowaczewski auch nach dem Krieg seine Studien.

Eigentlich wollte er Pianist werden. Doch das verhinderte im Krieg eine Bombenexplosion, Skrowaczewski trug eine Handverletzung davon und verlegte sich aufs Dirigieren und aufs Komponieren, womit er schon als Achtjähriger begonnen hatte. Ein später Reflex auf diese Tragödie ist sein Concerto Nicoló aus dem Jahre 2002, ein Klavierkonzert für die linke Hand. Besonders tragisch ist es nicht geraten. Skrowaczewskis Musik zeigt, an Szymanowski erinnernd, eine Vorliebe für nächtliche Stimmungen, doch sie meidet abgrundtiefe Düsternis. Skrowaczewskis Stil ist gleichermaßen elegant und intelligent, die Orchesterbehandlung virtuos und dezent. Sogar sein Concerto for Orchestra (1985), dessen zweiter Satz Anton Bruckners Himmelfahrt betitelt ist, meidet den Totschlag durch Blechbläser und Streicherchöre. Obwohl Skrowaczewski seit den 60er Jahren im US-amerikanischen Bundesstaat Minnesota lebt, besitzen seine Kompositionen beste polnische Qualitäten, wie man sie etwa von Andrzej Panufnik kennt.

Seit einigen Jahren begnügt sich der Weltenbummler Skrowaczewski, ehemals Chefdirigent in Warschau, Minneapolis, Manchester und anderswo, mit Ehren- und Gastdirigentenposten in Minneapolis, Saarbrücken und Tokio. Sein Programmschwerpunkt ist meistens Bruckner, so auch jetzt bei den Berliner Philharmonikern, die er erstmals 1969 leitete. Ein Star ist Stanislaw Skrowaczewski in all den Jahren nicht geworden; bei ihm steht der Komponist im Mittelpunkt, nicht der Dirigent – und manchmal sind sie sogar identisch.

Rezensionen

CD-Rezension Stanislaw Skrowaczewski

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