Frau Birringer, Ihr neues Album trägt den Titel SPECTRUM. Das klingt eher nach Optik-Labor als nach Konzertsaal. Was hat Physik mit Ihrem Klavierspiel zu tun?
Esther Birringer: (lacht) Tatsächlich eine ganze Menge! Der Begriff beschreibt den Moment, in dem weißes Licht durch ein Prisma in seine Regenbogenfarben zerlegt wird. Diese Farben waren schon immer da, aber wir sehen sie erst durch die Brechung. Genau so empfinde ich die Musik auf diesem Album: Die Stücke wirken wie ein Prisma und machen die unendlich vielen Facetten und Nuancen unserer Emotionen hörbar.
SPECTRUM ist voll von Kontrasten: Barocke Architektur, meditative Ruhe und pianistische Urgewalt. Was hat Sie gereizt, diese extremen Pole so unmittelbar gegenüberzustellen?
Birringer: Mir ging es um die maximale Fallhöhe. Ich wollte keinen „sicheren“ ästhetischen Raum schaffen, sondern eine echte klangliche Alchemie erzeugen. Nehmen Sie die Passacaglia von Händel/Halvorsen: In der strengen, unerbittlichen Form des Ostinato liegt eine strukturelle Klarheit, die für mich eine Brücke zu modernen Werken von Silvestrov oder Einaudi schlägt. Dort finden wir eine ähnliche Konzentration auf das Wesen einer musikalischen Idee. Wenn eine solche filigrane, fast zeitlose Miniatur auf einen dramatischen, romantischen Erzählbogen eines Liszt oder auf die physische Wucht von Islamey trifft, entsteht eine enorme Energie. Auf SPECTRUM prallen diese Mikrokosmen direkt aufeinander, wodurch jede Farbe ihre eigentliche Leuchtkraft erhält.
Sie schlagen den HörerInnen vor, SPECTRUM auch „blockweise“ oder nach Stimmung zu hören. Ist das die moderne Art, Klassik zu genießen?
Birringer: Vielleicht ist es die intuitivere Art. Ich möchte dem/der Hörer/in die Wahl lassen. Ich selbst höre sehr unterschiedlich, je nach Tageszeit, Stimmung, innerer Spannung. Manchmal braucht man die Ruhe einer kleinen Miniatur, an anderen Tagen die volle dramatische Vehemenz. Diese Freiheit ermöglicht es, wahrzunehmen, welche Seiten der Musik im jeweiligen Moment hervortreten.

Was ist für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis nach der Arbeit an diesem Projekt?
Birringer: Dass in der Musik genau dort eine besondere Intensität entsteht, wo sich Gegensätze berühren. In den Übergängen und Zwischentönen entfaltet sich eine große Kraft. Diesen Raum möchte ich mit SPECTRUM hör- und erfahrbar machen.
Sie unterrichten auch an der HfMDK Frankfurt. Was möchten Sie Ihren Studierenden mit auf den Weg geben?
Birringer: Die Arbeit mit meinen Studierenden führt mir immer wieder vor Augen, wie subjektiv und facettenreich Musik erlebt wird. Ich möchte ihnen das Fundament bereiten, ihren eigenen Ausdruck zu finden, wobei Individualität, Neugier und ständiges Hinterfragen entscheidend sind. Dieser Austausch ist auch für mich inspirierend: Er wirft Fragen auf, die den Blick auf das eigene Spiel lebendig halten und neue Perspektiven eröffnen.
Wie gestalten Sie Ihren Alltag zwischen Konzert, CD-Projekten und Unterricht? Gibt es Routinen oder Rituale, die Sie besonders schätzen?
Birringer: Mein Alltag ist ein bewusst gewählter Spagat zwischen Disziplin und notwendiger Freiheit. Eine klare Struktur, die Konzertleben, Lehre und Familie erfordern, ist das Fundament. Inspiration finde ich jedoch oft in den Momenten, die sich der Planung entziehen. Diese Offenheit für das Unvorhersehbare mündet in neue Ideen, frische Perspektiven und kreative Impulse für meine Projekte, die auch meine Interpretation beflügeln.
Blicken wir nach vorne – worauf dürfen Ihre HörerInnen sich in nächster Zeit freuen, und welche Projekte treiben Sie gerade an?
Birringer: Ich möchte mich immer wieder neu entdecken und begebe mich deshalb auch gerne mal auf für mich unbekanntes Terrain. Ich frage mich oft: Was reizt mich gerade? Was möchte ich als Nächstes? Wo finde ich mich selbst am meisten wieder? Auch die Konzeption von Programmideen, ihre Dramaturgie und die Wechselwirkung der Einzelkomponenten miteinander faszinieren mich sehr. Zudem darf man sich auf eine neue Duo-CD freuen, die in den nächsten Monaten erscheinen wird.

