Musikalische Spurensuche: Bodensee-Oberschwaben

Wiege europäischer Kultur

Wie sich die Landschaft um den Bodensee seit dem Mittelalter zu einer kulturellen Einheit entwickelte.

© Tommy Rau/Pixabay

An der Hafeneinfahrt von Konstanz grüßt die „Imperia“, eine von Bildhauer Peter Lenk gefertigte Statue, die satirisch an das Konzil von Konstanz erinnert

Rund um den Bodensee formte sich seit dem Mittelalter eine kulturelle Landschaft, die zweifellos als Wiege europäischer Kultur angesehen werden kann. Mit dem Bischofssitz Konstanz und seinen bedeutenden Klöstern entstand ein einzigartiger Kulturraum, der über die Landesgrenzen von Deutschland, Vorarlberg und der Schweiz reicht. Prägend für die europäische Musikgeschichte wirkten vor allem die Benediktinermönche, wie auf der Insel Reichenau oder in St. Gallen. Als herausragendes Ereignis lockte das Konzil von Konstanz ab 1414 zahlreiche Musiker an den Bodensee. Doch auch im oberschwäbischen Hinterland findet sich nachweislich mittelalterliche Musikpflege, wie etwa im Kloster Weingarten.

Kloster Reichenau

Den größten Schatz eines Klosters bildeten neben den Reliquien seine Handschriften. Der älteste Bibliothekskatalog der Reichenau listet an die 400 Handschriften auf, darunter auch viele liturgische Musikhandschriften. Zu den begabtesten Schülern der Reichenau zählte Walahfrid mit dem Beinamen Strabo, der „Schieler“. Sein geliebtes Inselkloster besang er in einem seiner Gedichte als „insula felix – augia felix“ (glückliche Insel – glückliche Aue). Während seiner weiteren Ausbildung in Fulda sehnte sich der spätere Abt der Reichenau damit an den Bodensee zurück. Als er am 18. August 849 in der Loire ertrank, verlor die Insel viel von ihrer Bedeutung als eines der wichtigen Zentren der abendländischen Religion.

© 2111695/Pixabay

Die Klosterkirche auf der UNESCO-Welterbe-Insel Reichenau im Bodensee

Erst viele Generationen später kam mit Hermann dem Lahmen oder Hermannus Contractus eine weitere Größe auf die Reichenau. 1013 wurde er als Sohn des Grafen von Altshausen geboren und war von frühester Kindheit an völlig gelähmt, daher sein Beiname „Contractus“. Die schwere Behinderung mag ein Grund gewesen sein, den Knaben in die Obhut eines Klosters zu geben. Obwohl er auf einen Tragestuhl und die Hilfe seiner Mitbrüder angewiesen war, entwickelte sich Hermann zu einem genialen Forscher und Lehrer. Für seine Zeitgenossen galt das Universalgenie Hermann als das „Wunder des Jahrhunderts“. Seit 2001 leben und beten wieder einige Benediktinermönche auf der „insula felix“.

Kloster St. Gallen

Nicht weit von der Insel Reichenau kam der irische Wandermönch Columban von Luxeuil um 600 mit seinem Gefährten Gallus an den Bodensee. Während Columban weiterzog, blieb Gallus zurück, der zusammen mit Gefährten und Helfern eine Einsiedelei gründete. Sie gilt als Keimzelle des späteren Klosters St. Gallen.

Die beiden Bodenseeklöster Reichenau und St. Gallen wurden fast zeitgleich gegründet und standen fortan in enger Beziehung: sowohl freundschaftlich und in Gebetsgemeinschaft verbunden als auch als Konkurrenten in Sachen Dichtkunst, Musik und Buchmalerei.

© Stiftsbibliothek St. Gallen

Wie geschaffen für Alte Musik: Barocksaal der Stiftsbibliothek

Wie geschaffen für Alte Musik: Barocksaal der Stiftsbibliothek

Die St. Galler Klosterbibliothek besaß wie die Reichenau um die 400 Handschriften, die in der Hauptbibliothek aufbewahrt wurden. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle in der heutigen Stiftsbibliothek St. Gallen erhalten. Darunter befindet sich auch das „St. Galler Cantatorium‟, die älteste vollständig erhaltene Musikhandschrift der Welt mit mittelalterlicher Neumen-Notation aus dem Zeitraum zwischen 922 und 926. Diese ist, wie viele andere auch, inzwischen digitalisiert und über das Internetportal „e-codices“ einsehbar.

Auf der Reichenau wurde auch der berühmte, nie realisierte Idealplan für das Kloster St. Gallen gezeichnet. Doch seit 2012 entsteht in Messkirch ein Nachbau des Plans. Wie beim Burgenbau in Guédelon in Burgund, dem Vorbild dieses Projekts, kommen auf diesem „Campus Galli“ nur mittelalterliche Werkzeuge und Techniken zum Einsatz. Gerechnet wird, ähnlich wie auch im Mittelalter, mit einer Bauzeit von ca. 40 Jahren. Vielleicht wird in der nachgebauten Klosterkirche dann auch wieder liturgische Musik aus St. Gallen erklingen.

Konzil von Konstanz

Direkt an der Schweizer Grenze liegt die Stadt Konstanz, die während des Konzils von 1414 bis 1418 Mittelpunkt der christlichen und musikalischen Welt war. Hier versammelten sich erstmals Musiker aus ganz Europa. Während des Konstanzer Konzils rangen internationale geistliche und weltliche Delegationen um die Lösung innerkirchlicher Konflikte und damit auch um eine stabile politische Ordnung. Mit Papst Martin V. wurde zum ersten und einzigen Mal ein Papst auf deutschem Boden gewählt. In Konstanz trafen die Kapellen der Gesandtschaften und die angesagtesten geistlichen Kompositionen jener Jahre aufeinander. Es spielten aber auch zahlreiche höfische Kapellen die neueste weltliche Musik aus London, Paris und Norditalien. Viele innerkirchliche Probleme blieben dennoch ungelöst. Ein dunkles Kapitel ist die Verurteilung des Theologen und Reformators Jan Hus während des Konzils, der nach einem Schauprozess vor den Toren der Stadt Konstanz verbrannt wurde und heute als der erste Märtyrer der Reformation gilt.

Kloster Weingarten

© Patricia Escher/Pixabay

Als „schwäbisches St. Peter“ bezeichnet gilt die Basilika in Weingarten in seinen Ausmaßen als größte Barockkirche nördlich der Alpen.

Doch auch im oberschwäbischen Hinterland findet sich nachweislich mittelalterliche Musikpflege, wie etwa im Kloster Weingarten. Das Benediktinerkloster verdankt seinen Aufschwung seit dem 12. Jahrhundert vor allem seiner kostbaren Heilig-Blut-Reliquie. Der Legende nach barg der römische Legionär Longinus Blut aus der Seitenwunde Christi, vermischt mit der Erde von Golgatha. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte einer der drei Teile der Reliquie 1094 zusammen mit wertvollen Handschriften in das Kloster Weingarten.

Die Verehrung der Heilig-Blut-Reliquie in Weingarten dauert bis heute an. Seit Jahrhunderten findet am Freitag nach Christi Himmelfahrt, dem „Blutfreitag“, der Blutritt statt, die größte Reiterprozession Europas. Dabei wird die Heilig-Blut-Reliquie vom Heilig-Blut-Reiter, begleitet von 2.300 Reitern sowie Musikkapellen, feierlich durch die Stadt und die umliegenden Fluren getragen.

© München, BSB, 2 Mus pr. 10

Titelblatt von Orlando di Lassos „Patrocinium Musices, Prima Pars“, 1573 München

Mit dem Namen Weingarten ist auch die „Weingartener Liederhandschrift“ verbunden. Sie stellt eine der wichtigsten Sammlungen von Minnelyrik aus dem frühen 14. Jahrhundert dar und versammelt alle bedeutenden deutschsprachigen Lyriker des Hochmittelalters. Die Weingartener Handschrift gilt neben der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse) und der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift als Hauptquelle unserer Kenntnis der Blütezeit des Minnesangs.

Die guten Beziehungen Weingartens zum internationalen Musikleben der Zeit zeigen sich auch darin, dass der berühmte Hofkapellmeister der bayerischen Herzöge in München, Orlando di Lasso, wiederholt das Kloster besuchte. Er widmete 1589 Georg Wegelin – „Abt des berühmten Klosters Weingarten“, wie es in der Widmung heißt – einen Band fünfstimmiger Messen in einem prachtvollen Druck: Auf dem aufwendig verzierten Titelblatt ist Lassus am Tasteninstrument umgeben von seiner Hofkapelle zu sehen.

Dem Kloster Weingarten wurden aber nicht nur Kompositionen gewidmet, von hier stammen seit dem 16. Jahrhundert auch namentlich bekannte Komponisten wie etwa Jakob Reiner, der um 1555 in Altdorf-Weingarten geboren wurde. Die Verbindung Weingartens zu Orlando di Lasso führte wohl dazu, dass Reiner von ihm unterrichtet wurde und sogar zu seinem Lieblingsschüler gezählt haben soll. Reiner wohnte, wie damals üblich, zwei Jahre lang in dessen Haushalt. Nach seiner Rückkehr war Reiner bis zu seinem Tod als Komponist und Kapellmeister im Kloster Weingarten tätig.

© Privat

Die große Barockorgel in der Basilika Weingarten ist das bedeutendste Werk des schwäbischen Orgelbauers Joseph Gabler.

Untrennbar zur süddeutsch-oberschwäbischen Klanglandschaft gehören auch die großen Klosterorgeln. Der aus Ochsenhausen stammende Orgelbauer Johann Joseph Gabler schuf für die Abtei Weingarten sein Meisterstück: Nach dreizehn Jahren Bauzeit stellte er 1750 die Hauptorgel mit der symbolischen, aber nicht realen Zahl von 6.666 Pfeifen und 66 Registern fertig. Vor allem die Effekt-Register wie Nachtigall, Kuckuck, Glockenspiel, Pauken und Donner verhalfen dem Instrument zu Berühmtheit – und ganz besonders seine „Vox humana“, die die menschliche Stimme nachahmt. Für sie habe der Meister mit dem Teufel höchstpersönlich paktiert.

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