Bruckner: Sinfonie Nr. 1 c-Moll WAB 101

Linzer Fassung (UA Linz 1868)

Mit 41 Jahren beginnt ein bis dahin unauffälliger oberösterreichischer Organist und Hilfslehrer, große Sinfonik zu schreiben ...

Erster Satz: Eine leise dahintrottende Bewegung der tiefen Streicher: Ist dies ein Weg? Ein rhythmisch unstetes Thema der Violinen in matter Lage versucht Fuß zu fassen: Es passt harmonisch nicht, bleibt unaufgelöst, fremd, zerfällt in seine Bestandteile – ein Anfang wie ein Ende. Beginnt so ein Meisterwerk? Und doch führt dieser Weg schon bald zu einem ersten Gipfel (Posaunen), von dem aus die zarte, „klassisch“ anmutende Streicherkadenz, die die Exposition beschließt, wie ein tief im Tal zurückgelassenes Dorf wirkt. Mit diesem Blick zurück beginnt auch die Durchführung. Der unmerkliche Übergang, dieses Hinüberschwingen, das aus einem Ende einen Anfang macht, ist schon ganz Bruckner! Der eigentliche Gipfel aber kommt kurz vor Satzende: Erst nach 265 Takten wird die Haupttonart c-Moll erreicht – nun unentrinnbar. Auch diese Episode, auf deren Höhepunkt das Hauptthema regelrecht zerrissen wird, ist schon ganz Bruckner!

Bruckners erstes Adagio ist rätselhaft: Es gibt kein Thema, nur ein stockendes Suchen nach dem „Ich“. Nach 18 Takten kadenzieren die Streicher „klassisch“, als sei das Vorausgegangene ein Thema gewesen. Ein zweiter Gedanke – über vagen Quintolen der Bratschen schwebend – scheint ein „Du“ zu suchen und lässt einen sonatenförmigen Verlauf erwarten, aber die folgende lange, kammermusikalische Episode im schwingenden Dreivierteltakt spricht für dreiteilige Liedform. Die Umspielungen der Streicher bei der Reprise des sich suchenden Hauptthemas sind sehr fantasievoll und projizieren künftige „Adagio-Hochstimmungen“.

Das Scherzo wirkt orgelmäßig in seiner dunklen, wuchtigen Thematik und dramatischen Dynamik. Das Trio ist hell und entspannt, der ganze Satz knapp. Um die Haupttonart zu schonen, versetzte Bruckner es nach g-Moll: Eine kühne Idee, die dem hochdramatischen Beginn des c-Moll-Finales sehr zugutekommt!

Das Finale setzt den ersten Satz „feurig“ fort; sein Hauptthema ist direkt aus der Schlussgruppe des ersten Satzes gebildet. Hier müssen die Streicher auf der vordersten Stuhlkante sitzen! Das Seitenthema entzückt durch synkopische Pizzicato-Spritzer. Und wieder schwingt eine zarte „klassische“ Streicherkadenz in die Durchführung hinüber ... Chorsänger erkennen Anklänge an das (spätere) Te Deum. Abrupte „Registrierpausen“ bereiten die wechselnden Klangräume vor. Groteske Trillerketten bezeugen die skurrile, schrullige Veranlagung Bruckners. Mit einem triumphalen Allelujah in C-Dur schließt die Erste – wie nannte Bruckner sie? – „das kecke Beserl!“

(Mathias Husmann)

 

bitte auch aufrufen:

Bruckner: Die Neun Sinfonien / allgemeine Einführung

Werk der Woche – Bruckner: Sinfonie Nr. 1

Bruckners „keckes Beserl“

Wie kaum ein anderes Werk Bruckners blieb der Entstehungsprozess seiner… weiter