Sibelius: Sinfonie Nr. 6 d-Moll op. 104

(UA Helsinki 1923)

Allegro molto moderato – der Dirigent taktiert ruhige 2/2 – wie eine träumende Standuhr. Aus dem Stand, nach und nach einsetzend, beginnen die Bögen der hohen Streicher, sich unendlich langsam zu bewegen. Ein weißer, schneeiger Klang entsteht, d-Moll, dorisch: mit heller Sexte und dunkler Septime, altertümlich und doch frisch und kühl, fremdartig und doch nah und warm – beinah weihnachtlich. Irgendwann fangen die Oboen ein volksliedhaftes Thema an, irgendwann setzen die Flöten es fort – eine zeitlose Musik. Die Sechste erinnert mich immer an den Duft des ersten Schnees, sagte Sibelius, aber er fügte hinzu: Wut und Leidenschaft sind unter der Oberfläche verborgen. Ein duftiger, verzweigter Streicherklang waltet, die Blechbläser – zuständig für Wut und Leidenschaft – bleiben meist unter der Oberfläche verborgen; die Holzbläser geben den ruhigen Klangflächen Konturen. Reines Quellwasser also?

Eine Wintersymphonie – mit allem, was im Winter draußen nicht und dafür drinnen geschieht: singen , spielen, saufen, streiten – Schicksalhaftes am Kaminfeuer. Sibelius’ (aus gesundheitlichen Gründen seiner Frau Aino gelobte) sieben Jahre der Abstinenz waren vorbei, und es könnte sein, dass er in seiner wunderbaren, verschwiegenen Sechsten versucht hat, das (männliche) Hauptthema Finnlands auf sehr poetische Weise – und authentisch – künstlerisch anzugehen.

Die Harfe bringt Bewegung in das Winteridyll des Anfangs, ein verspieltes Seitenthema rollt ab – bauen da Kinder einen Schneemann? Wenn es zu schneien anfängt, hat die Durchführung begonnen (glitzernde Spiccato-Figuren in den hohen Streichern). Jemand muss bitte die Kontrabässe wecken – diese haben jetzt erst ihren ersten Einsatz: So hell ist die Musik! Im Haus erschallt wildes Lachen (Holzbläserfiguren), jemand schlägt mit der Faust auf den Tisch (Pauke). Eine Frage steht im Raum – auf sie gibt es zwei Antworten: Eine streitbare (Blechbläser), eine versöhnliche (dorischer Schluss).

Allegretto moderato – der Dirigent taktiert 3/4, aber was dazu von Holzbläsern und Harfe erklingt, kann man nur als ein Taumeln bezeichnen, auch das Thema der Violinen – von mehrfachem Aufstoßen unterbrochen – ist ein Torkeln. Die Musik dreht sich im Kreis, am Schluss flimmert es vor Augen (flautando „säuselnd“ in den Streichern) – liegt da jemand am Boden?

Poco vivace – das trotzige Scherzo will Haltung zeigen, aber die knirschenden Schritte im wirbelnden Schnee sind eigentümlich mechanisch ... Wo willst du hin, Jean? - Nach Suviranta, Aino, mit Eero feiern!

Allegro molto – man begrüßt sich, tauscht Glückwünsche aus. Dann wirft einer ein Streitthema in die Runde, und mit Wut und Leidenschaft fallen alle darüber her. Auch dieser Satz dreht sich im Kreis – am Schluss tanzen alle beschwingt davon ... die Winternacht schweigt – lächelt sie?

(Mathias Husmann)