Die Geschichte von György Sebők liest sich wie eine große musikalische Erzählung des 20. Jahrhunderts: Geboren in einem von Umbrüchen geprägten Ungarn nach dem Vertrag von Trianon, wächst er in einer Kultur auf, in der Musik nicht nur Kunst ist, sondern Ausdruck von Identität und Überlebenswillen. In der Tradition von Joseph Haydn, Franz Liszt, Béla Bartók und Zoltán Kodály entwickelt sich Sebők vom neugierigen, vielseitigen Kind zum Ausnahmemusiker, geprägt von Kriegserfahrungen, künstlerischen Begegnungen und einem unstillbaren geistigen Hunger.

Ein eigener Raum für Musik
Seine internationale Karriere führt ihn auf die großen Bühnen der Welt. Doch statt sich allein als Virtuose zu feiern, wählt Sebők einen anderen Weg: den des Lehrers, des Suchenden, des Vermittlers. An der Indiana University Bloomington prägt er Generationen von Musikern. Sein Unterricht zielt weniger auf Technik als auf Persönlichkeit. Musik, so seine Überzeugung, entstehe aus innerer Balance.
Und genau aus dieser Haltung wächst eine Vision: ein Ort, an dem Musik nicht nur gespielt, sondern gelebt wird. Diesen Ort findet er, eher zufällig, im Walliser Bergdorf Ernen. „Ich hatte einen Traum“, so beschreibt Sebők selbst seine Verbindung zu diesem Ort. Was mit einem begeisterten Brief seiner Frau nach einem Ferienaufenthalt begann, wurde zu der Lebensaufgabe, einen eigenen Raum für Musik zu schaffen, jenseits von Institutionen und Routine.

Eine lebendige Gemeinschaft
Sebők, weltweit unterwegs als Pianist und Professor, suchte lange nach einem Platz, an dem er junge Künstler aus aller Welt versammeln und wirklich prägen konnte. In Ernen fand er genau das. Aus einer vagen Idee entstand mit viel Improvisation und persönlichem Einsatz ein einzigartiges „Musikdorf“. Klaviere wurden organisiert, Räume im ganzen Dorf genutzt, Konzerte in der Kirche gespielt. Aus neun Teilnehmern im ersten Jahr wurden bald internationale Meisterkurse mit Kultstatus.
Was Ernen für Sebők besonders machte, war nicht nur die alpine Kulisse, sondern die Atmosphäre. Es war keine anonyme Akademie, sondern eine lebendige Gemeinschaft. Musiker, Studenten, Publikum und lokale Helfer wurden Teil einer großen Familie, geprägt von Austausch, Freundschaft und gemeinsamer Begeisterung. Zwischen Proben, Konzerten und Ausflügen in die Berge entstanden Rituale und ein Geist, der weit über das Musikalische hinausging.

Rein aus Freude an der Musik
Auch das Festival entwickelte sich aus dieser Idee: ein Treffen von Künstlern auf höchstem Niveau, die aus Freundschaft zusammenkamen. Große Namen spielten hier ohne Starallüren, rein aus Freude an der Musik. Für Sebők war das der Kern. Wenn Menschen einander vertrauen, entsteht diese besondere Intensität, die das Publikum unmittelbar spürt.
Am Ende sah Sebők sein Werk mit Dankbarkeit. Preise und Ehrungen bedeuteten ihm weniger als die Wirkung auf Menschen, auch Briefe von ehemaligen Schülern waren für ihn weit kostbarer. Und obwohl er das Musikdorf entscheidend geprägt hat, fiel seine Bilanz überraschend aus. So habe er selbst mehr von Ernen bekommen als umgekehrt.
Diese Idee wirkt weiter. Jahrzehnte später entdeckt Sir András Schiff das Dorf für sich und ist sofort fasziniert von seiner besonderen Atmosphäre, die trotz des auf über 50 Konzerte angewachsenen Musikfestivals erhalten blieb. Nach seinem ersten Auftritt 2020 kehrt er nicht nur als Künstler zurück, sondern als Mitgestalter. Besonders die intime Stimmung und die konzentrierte Stille während seiner Rezitale in der Kirche St. Georg beschreibt er als außergewöhnlich erfüllend. So sehr, dass er regelmäßig nach Ernen kommt.

Ein Ort, an dem große Tradition auf Gegenwart trifft
Im Zweijahresrhythmus bespielt er die Reihe „Klavier kompakt“ mit jeweils fünf oder sechs Rezitalen an einem langen Wochenende Ende August. Und während der Klavierwoche Mitte Juli, die für sich bereits ein dichtes Klavierfestival mit internationalen Grössen sowie aufstrebenden Tastenkünstlern ist, gibt Schiff seit 2025 jedes Jahr einen öffentlichen Meisterkurs. Regelmäßige Konzerte, Meisterklassen und die Vision eines neuen Musikzentrums für ganzjährigen Unterricht knüpfen direkt an Sebőks Erbe an und denken es weiter.
So schließt sich in Ernen ein Kreis und öffnet sich zugleich ein neues Kapitel. Was einst als persönlicher Traum begann, entwickelt sich weiter zu einem lebendigen Zentrum musikalischer Begegnung. Ein Ort, an dem große Tradition auf Gegenwart trifft und an dem das Publikum nicht nur Konzerte hört, sondern Teil einer Geschichte wird, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist.

Das Musikdorf Ernen vereint große Namen und junge Talente der Klassikszene in intimer Atmosphäre. Zwischen historischen Holzhäusern und alpiner Kulisse entstehen leidenschaftliche und überraschende Konzerterlebnisse von seltener Nähe. In diesem Jahr lautet das Motto „Im Flow“.