Blickwinkel: Friedemann Vogel

„Was live auf einer Bühne geschieht, kann durch nichts ersetzt werden“

Heute ist der Welttag des Tanzes. Im Interview erzählt der diesjährige Botschafter Friedemann Vogel, wie der Tag trotz Corona-Pandemie gefeiert wird, von Online-Trainings und von Fernweh.

© Roman Novitzky

Friedemann Vogel

Friedemann Vogel

Am 29. April ist der Internationale Tag des Tanzes. Dieses Jahr wurden Sie zum Botschafter gewählt. Wie wird man das denn?

Friedemann Vogel: Mich hat das Internationale Theaterinstitut letztes Jahr angeschrieben und gefragt, ob ich gerne der nächste Botschafter für 2021 sein möchte. Da war die Corona-Pandemie bereits ausgebrochen, aber wir hatten alle gehofft, dass das Thema bis dahin gegessen ist. Keiner hat damals mit den Ausmaßen gerechnet. Für den 29. April war eigentlich eine Veranstaltung im UNESCO-Gebäude in Paris geplant, wo ich meine Botschaft live vorgetragen und auch getanzt hätte. Jetzt findet leider alles online statt.

In Ihrer Botschaft gehen Sie auf die aktuelle Lage ein…

Vogel: Wie könnte man anders auch nicht? Es ist ein Thema, das uns weltweit beschäftigt. Wir haben im Theater ja eine Bühne, auf der wir unseren Freiraum haben. Dass dieser so stark eingeschränkt wird, trifft uns alle sehr hart.

Wie fühlt es sich an, „bewegungslos“ zu sein?

Vogel: Ich bewege mich immer noch tagtäglich, nur leider nicht mehr vor Live-Publikum, allenfalls vor Kameras für einen Livestream. Aber bewegungslos ist mein Leben nie, weil sie ein Teil davon ist. Ohne sie geht es mir auch wirklich nicht gut. Da fahren mein Körper und letztlich auch mein Geist herunter.

Wie halten Sie sich während der Pandemie fit?

Vogel: Das ist eine der Herausforderungen, die diese Pandemie mit sich bringt. Aber darüber, die Motivation nicht zu verlieren, habe ich auch in meiner Botschaft geschrieben. Denn sie ist essenziell, um nicht zu vergessen, warum wir das alles machen, und zu hoffen, dass alles irgendwann überstanden sein wird. Aber wenn es kein Enddatum gibt, ist es natürlich sehr schwer, motiviert zu bleiben, denn durch die Pandemie gehen uns viele Möglichkeiten verloren.

Können Sie denn trainieren?

Vogel: Beim Stuttgarter Ballett werden alle Tänzer zweimal die Woche getestet. Dadurch können wir wieder gemeinsam proben und trainieren – auch ohne Masken. So ist wieder ein bisschen Alltag bei uns eingekehrt.

Wie oft trainieren Sie dort?

Vogel: Täglich. Wir haben wieder einen ganz normalen Arbeitstag. Es gab nur eine kurze Phase im letzten Jahr am Anfang der Pandemie, in der wir von zu Hause aus in Zoom-Meetings trainiert haben. Der Ballettmeister hat von zu Hause aus das Training geleitet, und ihm waren vierzig oder fünfzig Tänzer zugeschaltet. Getanzt wurde dann im Flur oder wo immer am besten Platz war. Aber ich muss sagen: Das ist nichts für mich. Das ist keine Option. Man braucht als Tänzer einfach gewisse Voraussetzungen, um professionell arbeiten zu können. Und da gehört ein Tanzboden dazu, auf dem man ordentlich springen kann. Außerdem braucht man eine gewisse Raumhöhe, um sich zu bewegen. Das Training zu Hause hat nichts mit einer professionellen Vorbereitung zu tun.

© Roman Novitzky

Friedemann Vogel

Friedemann Vogel

Was übt man denn daheim?

Vogel: Wir haben jeden Tag ein Basis-Training von anderthalb Stunden. Das fängt an der Stange an, dann gehen wir in die Mitte des Raums und üben kleine und große Sprünge. Wir wiederholen diese Bewegungsabläufe in diesem Aufbautraining, um unseren Körper zu trainieren, zu formen und letztlich auch zu schützen. Dieses Training haben wir auch zu Hause gemacht. Aber normalerweise besteht unser Tag aus acht Stunden Arbeitszeit. Und wenn die auf anderthalb Stunden gekürzt werden, gehen ganz viele Muskeln verloren. Das kann ich nicht von jetzt auf gleich wieder abrufen.

Während der Pandemie sind unter anderem Formate wie John Neumeiers „Ghost Light“ entstanden. Denken Sie, dass die Situation gerade den Tanz langfristig verändern wird?

Vogel: Was live auf einer Bühne geschieht, kann durch nichts ersetzt werden. Das weiß jeder, der schon einmal im Theater war und sich eine Vorstellung angeschaut hat. Das Gefühl, sich hinzusetzen, abzuschalten und den Alltag auszublenden, kann keine Kamera übertragen und vermitteln. Aber natürlich müssen wir uns neu erfinden und Wege suchen, unser Publikum trotzdem weiterhin zu erreichen. Und wenn man dadurch neue Zuschauer anspricht, umso besser! Das Publikum, das wir über Onlineplattformen erreichen, wird irgendwann sagen: Ich möchte mir das live anschauen. Insofern hat es auch eine gute Seite, dass sich derzeit so viel online abspielt.

Als Gast-Tänzer waren Sie regelmäßig an großen Theatern weltweit. Befanden Sie sich jemals so lange an einem Ort wie derzeit?

Vogel: Noch nie, und ich habe unheimliches Fernweh. Mein Leben bestand eigentlich aus Reisen und daraus, überall und in ganz vielen verschiedenen Compagnien zu tanzen. In den ersten zwei Wochen hat man noch gesagt: Jetzt kann ich endlich mal zu Hause sein und muss nicht nach einem zehn- bis zwölfstündigen Flug hundert Prozent geben. Aber mittlerweile fehlt mir das. Ich kann es kaum erwarten, dass es endlich wieder losgeht.

Sie gelten als bester Tänzer der Welt und sind doch Ihrer Heimat Stuttgart treu geblieben. Was hält Sie dort?

Vogel: Stuttgart ist ein ganz besonderes Pflaster. Es ist als Stadt zwar keine Metropole, aber doch eine Ballettmetropole. Ich habe hier einfach alle Möglichkeiten, und durch die Großzügigkeit meiner Intendanten kann ich auch weltweit auftreten, das war mir immer sehr wichtig. Trotzdem habe ich hier mein Zuhause, meine Stammbühne, meine Compagnie, wo ich fest in die Gemeinschaft integriert bin. Es ist sehr schön für mich als Künstler, einen Ort zu haben, an den ich zurückkommen kann und dann Teil eines Ganzen bin. Wenn ich als Gasttänzer zu einer Compagnie komme, habe ich nur wenig Kontakt zu den anderen Tänzern außer meiner Partnerin. Somit ist Stuttgart für mich der perfekte Ort, von dem aus ich die Welt bereisen konnte und hoffentlich bald wieder kann.

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