Blickwinkel: Jens Michow

„Ich mache mir keine Illusionen“

Wenn eine kerngesunde Branche durch die Corona-Krise in große Not gerät: concerti im Gespräch mit Jens Michow, dem Präsidenten des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV).

© Klaus Westermann

Jens Michow

Jens Michow

Herr Michow, wie sehen Sie die Hygieneregeln für Konzertveranstaltungen?

Jens Michow: Die Konzert- und Tourneeveranstalter respektieren jede Maßnahme, die dem Infektionsschutz dient. Wir verstehen auch, dass uns derzeit niemand sagen kann, wann und wie es möglich sein wird, wieder Veranstaltungen ohne Abstandsregeln durchzuführen. Wir können und müssen uns nur dazu äußern, was kaufmännisch machbar ist – und was nicht. Auch wenn hier und dort kleinere Konzerte stattfinden: Klar muss jedem sein, dass mit den derzeit gebotenen Abstandsregeln Veranstaltungen nicht wirtschaftlich stattfinden können. Mit 100 Prozent Kosten bei 25 Prozent Auslastung lässt sich nun mal kein Geschäft machen. Schließlich schalten Zeitungen unsere Werbeanzeigen nicht günstiger und auch die Lufthansa fliegt unsere Künstler nicht zu einem Viertel des Preises sein, weil Veranstalter die Spielstätten nicht auslasten dürfen. Und selbst die können nicht einfach auf drei Viertel ihres Mietpreises verzichten. Geld lässt sich unter diesen Umständen nicht verdienen.

Welche Hilfen benötigen Sie denn jetzt am dringendsten?

Michow: Das Konjunkturpaket mit 30 Milliarden Euro ist beachtlich, aber seine Hilfsangebote sind leider nicht ausreichend und auch nicht hinreichend passgenau, um die so vielschichtige Veranstaltungswirtschaft über die Krise zu retten. Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung aller zur Veranstaltungswirtschaft zählenden Teilsektoren brauchen wir Sonderregelungen in der ja schon in Planung befindlichen dritten Aktualisierung des Überbrückungsprogramms. Der Zugang für kleinere und mittlere Betriebe muss weiter geöffnet werden.

Marktübliche nachgewiesene Kosten müssen bis zu neunzig Prozent erstattet werden. Veranstaltungskosten, die aufgrund von durch Abstandsvorschriften reduzierten Kapazitäten nicht erwirtschaftet werden können, müssen ersetzt werden. Die Rückzahlungsfristen bestehender Kreditprogramme müssen verlängert werden. Der steuerliche Verlustvortrag muss ausgeweitet werden. Das Antragsverfahren des Überbrückungsprogramms muss erleichtert werden. Vor allem braucht insbesondere unser Wirtschaftszweig eine Ausfallgarantie, einen Ausfallfonds für den Fall, dass zukünftig wieder Veranstaltungen pandemiebedingt abgesagt werden müssen. Versicherungen übernehmen derartige Risiken nicht mehr.

Kam es denn schon zu konkreten Gesprächen mit Regierungsvertretern?

Michow: Wir führen fast täglich Gespräche mit Bundestagsabgeordneten, Bundestagsausschüssen und zunehmend auch mit Bundesministern. Die Politik hat durchaus verstanden, in welcher extremen Notlage sich die Branche befindet. Vor wenigen Tagen hatten wir ein intensives Gespräch mit dem Bundesminister der Finanzen, dem wir detaillierte Handlungsempfehlungen vorgelegt haben. Er hat uns zugesagt, unsere Forderungen sorgfältig zu prüfen. Wortwörtlich sagte er: „In einigen Hilfsprogrammen ist noch Luft, weil sie weniger stark als befürchtet in Anspruch genommen wurden. Dies erlaubt maßgeschneiderte Programme etwa für die Veranstaltungswirtschaft“. Über die Ergebnisse der Prüfung unserer Vorschläge soll es zeitnah ein weiteres Gespräch geben.

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