Blickwinkel: Mario Müller

„Wir wollen das Zusammenrücken aller Verbände nach außen tragen“

Erstmals ruft der Bundesverband der Freien Musikschulen den „Tag der Musik“ gemeinsam mit dem Deutschen Musikrat, dem Verband deutscher Musikschulen und der Society Of Music Merchants aus. Der bdfm-Vorstandsvorsitzende Mario Müller spricht von einem „Startschuss“.

© Mario Müller

Mario Müller

Mario Müller

Herr Müller, es gibt Musikunterricht in der Schule, bei freien Musiklehrern, in staatlichen, aber eben auch freien Musikschulen. Worin sehen Sie die Aufgabe freier Musikschulen in Abgrenzung oder Ergänzung zu den anderen genannten Institutionen und Gruppen?

Mario Müller: Es gibt in Deutschland viele Bereiche, wo die Versorgung durch kommunale Musikschulen nicht gewährleistet ist. Mit den großen Fächerschulen mit bis zu 3000 Schülern, aber auch mit kleinen spezialisierten Schulen runden die Freien Musikschulen das bestehende Angebot ab, etwa mit einem Pop-Bereich in der allgemeinbildenden oder einem Klassik-Bereich in der kommunalen Schule.

Wie viel Freie Musikschulen gibt es überhaupt in Deutschland?

Müller: In unserem Verband befinden sich 450 Musikschulen, wobei viele Filialen haben, so dass wir auf über 500 Unterrichtsorte kommen. Dann gibt es bestimmt noch über 2000 Freie Musikschulen außerhalb unseres Verbandes.

Welchen Vorteil haben Musikschulen als Verbandsmitglied?

Müller: Wir vertreten die Musikschulen in den politischen Gremien auf kommunaler, Bundes- und Landesebene und kümmern uns mit einem eigenen Zertifikat auch um das Qualitätsmanagement, so dass Eltern und Schüler sofort erkennen können, ob die Schule unsere Standards erfüllt.

Wie wichtig ist die aktive Musikausübung für unsere Kultur der klassischen Musik?

Müller: Enorm wichtig. Wir appellieren als Verband ja auch an die allgemeinbildenden Schulen, einen vernünftigen Musikunterricht anzubieten, damit junge Menschen sich auch morgen noch für klassische Musik interessieren. Der Schlüssel dafür liegt bei den allgemeinbildenden Schulen und nicht bei uns.

Das heißt, die Musikschulen müssen derzeit auffangen, was in den allgemeinbildenden Schulen versäumt wird?

Müller: Natürlich. Wir bieten viele Projektförderprogramme für Kindergärten, Grundschulen etc. an wie „JeKits“ in NRW oder „Wir machen die Musik“ in Niedersachsen. Das sind meiner Meinung nach alles Auffangmaßnahmen, weil der normale Musikunterricht nicht in der nötigen Intensität stattfindet.

Wie hat sich die Corona-Zeit auf die freien Musikschulen ausgewirkt?

Müller: Die Lockdown-Phasen waren schwierig. Viele Schüler haben Online-Unterricht erhalten. Das kann man eine Weile machen, aber es ist kein Ersatz für den Unterricht vor Ort. In diesen Phasen haben viele Schüler auch die Lust verloren und den Unterricht beendet. Noch schlimmer ist, dass wir in dieser Zeit keine Neuzugänge hatten. Anfang des Jahres beginnen sonst viele, ein neues Instrument zu spielen. Die finanziellen Auswirkungen bekommen die Musikschulen erst jetzt richtig zu spüren.

Muss man damit rechnen, dass Schulen schließen werden?

Müller: Es haben schon Schulen geschlossen. Jetzt müssen wir sehen, wie lang der Atem reicht. Unser Problem ist, dass wir durch alle Raster der Förderprogramme fallen. Für diese müsste man mindestens 30 Prozent Verlust angeben. Wir liegen bei maximal 20 Prozent, weil alles so langsam vor sich hindümpelt. Aber diese 20 Prozent fehlen jeden Monat. Da die Kalkulation in den Schulen sehr knapp ist, kann das eine Schließung bedeuten, wenn die Phase länger anhält.

Wie beurteilen sie nachträglich die Entscheidung der Politik, den Präsenzunterricht für so lange Zeit einzustellen?

Müller: Ich weiß nicht, ob der Lockdown im Fall des Einzelunterrichts nötig gewesen wäre. Viele unsere Dozenten sind aktive Musiker in Orchestern und Bands, denen alle Aufträge weggebrochen sind und die völlig am Ende waren. Und dann durften sie auch ihre Lehrtätigkeit nicht mehr ausführen, wobei viele Musikschulen Maßnahmen mit Luftfiltern und Trennscheiben ergriffen haben – da hätte man den Unterricht fortführen und einiges retten können.

Und wie geht es jetzt weiter?

Müller: Wir führen gerade eine statistische Erhebung durch, mit der wir herausfinden wollen, in welcher finanziellen Lage sich unserer Mitgliedsschulen befinden. Dann wollen wir schauen, ob nicht vielleicht auf Bundesebene ein Förderprogramm zum Start aufgelegt werden kann.

Am diesjährigen „Tag der Musik“ des Deutschen Musikrats am 21. Juni beteiligt sich auch der Bundesverband der Freien Musikschulen. Ein Startschuss nach den langen Phasen des Lockdowns?

Müller: Zuerst einmal muss man sagen, dass der „Tag der Musik“ erstmal ein Gemeinschaftsprojekt vom Deutschen Musikrat, der Society Of Music Merchants, dem Verband deutscher Musikschulen und unserem Bundesverband der Freien Musikschulen ist. Es gibt also in diesem Jahr nicht mehrere, sondern einen gemeinsamen „Tag der Musik“. Aber in diesem Jahr konnten wir leider kaum Live-Veranstaltungen planen, so dass unsere Musiker erst wieder beim „Tag der Musik 2022“ überall hörbar und sichtbar sein werden: in der Innenstadt, in Bars, Musikschulen und Konzerthäusern.

Also trägt der Tag dieses Jahr eher symbolischen Charakter?

Müller: Es werden tatsächlich nur wenige Projekte stattfinden, da durch die lange Lockdown-Zeit in den Musikschulen, Ensembles und Orchestern auch kaum geübt wurde. Wir haben den Tag aber trotzdem ausgelobt, um das Zusammenrücken aller Verbände als Startschuss nach außen zu tragen. Junge Musiker, die spontan eine Aktion anbieten möchten, können die Plattform des Deutschen Musikrats dafür nutzen.

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