Blickwinkel: Sieghardt Rometsch

„Das Zauberwort lautet, Verhältnismäßigkeit‘“

Unter Musikern zählen nach den Sängern die Bläser zur größten Risikogruppe, was den Ausstoß von Aerosolen anbelangt. Die Gründe für die Absage des Internationalen Aeolus Bläserwettbewerb in Düsseldorf liegen jedoch woanders, erklärt Initiator Sieghardt Rometsch.

© Tonhalle Düsseldorf/Susanne Diesner

Bora Demir, Preisträger von 2018

Bora Demir, Preisträger von 2018

Am 19. Mai hatten Sie noch Hoffnungen, dass der Aeolus-Bläserwettbewerb im September stattfinden könne. Knapp zwei Monate später erfolgte dann die Absage. Warum?

Sieghardt Rometsch: Die Tonhalle hatte bereits zugesagt, dass mittels personifizierter Tickets 1200 Besucher dem Preisträgerkonzert hätten bewohnen können. Hier gab es also keine Probleme. Der Wettbewerb selbst findet jedoch in der Robert Schumann Hochschule statt. Mit den dortigen Räumlichkeiten sind die vorgeschriebenen Abstände für Musiker und Jury nicht umzusetzen. Neben den Hygieneverordnungen sind aber die Reisebeschränkungen der viel gravierendere Grund. Dieses Jahr ist das Saxofon eines der drei Wettbewerbsinstrumente. Wenn die Musiker aber nicht aus Russland, oder aus Paris und Brüssel – den Hochburgen des Saxofons – anreisen können, wäre am Ende vom internationalen nur ein provinzieller Wettbewerb übriggeblieben.

Was bedeutet die Absage für die Teilnehmer?

Rometsch: Unsere Teilnehmer sind hervorragende Musiker, die ohnehin schon 95 Prozent ihres Potenzials nutzen. Ein Wettbewerb wie Aeolus bringt sie dazu, die nächsten drei Prozent zu aktivieren, und das ist ein ganz entscheidender Schritt. Daher ist es sehr schade, dass die letzten beiden Monate intensiver Vorbereitung auf den Wettbewerb, mit denen die Teilnehmer auch in eine neue Qualitätsstufe als Musiker hineinwachsen, einfach ausfallen.

Aber der Aeolus-Wettbewerb 2020 für Horn, Saxofon und Klarinette wird ja nachgeholt …

Rometsch: Mit einer großen Besonderheit: Diejenigen, die die Altersgrenze 2020 eingehalten haben, dürfen 2022 antreten, auch wenn sie dann eigentlich zu alt wären. Eine einmalige Ausnahmeregelung, damit die Vorbereitung auf den diesjährigen Wettbewerb nicht umsonst war.

Wie ist der Aeolus-Bläserwettbewerb im internationalen Vergleich aufgestellt?

Rometsch: Wir sind seit 2011 Mitglied der „World Federation of International Music Competitions“. Von den über 120 Wettbewerben – darunter die bedeutendsten der Welt – sind ungefähr 65 für Klavier und jeweils mehr als zwanzig für Gesang und Streichinstrumente, aber nur sehr wenige für Bläser ausgeschrieben. Somit haben wir eine sehr besondere Stellung, auch weil wir mit neun verschiedenen Instrumenten die meisten Orchesterinstrumente innerhalb eines Wettbewerbs anbieten. Alle neun Instrumente sind alle drei Jahre an der Reihe.

© Susanne Diesner

Matvey Demin, Preisträger von 2017

Matvey Demin, Preisträger von 2017

Warum ist das so wichtig?

Rometsch: Ein Beispiel: Der Soloflötist des Tonhalle Orchester Zürich, der inzwischen auch ersten Preisträger des Tschaikowsky-Wettbewerbs in St. Petersburg ist, war drei Mal bei uns: Mit 17, mit 20, und mit 23 Jahren hat er gewonnen. Zum Vergleich: Beim ARD-Wettbewerb kommt eine Posaune nur alle fünf bis sieben Jahre an die Reihe. Da geht ein ganzes Studium an den jungen Musikern vorbei, ohne dass sie die Möglichkeit hätten, sich beim Wettbewerb zu präsentieren.

Ist diese Unterrepräsentation Ausdruck dessen, dass Blasinstrumente in der Wahrnehmung der Zuhörer nicht zu den glanzvollen Soloinstrumenten zählen …

Rometsch: Das Bläserrepertoire ist natürlich beschränkt. Trotzdem gibt es wunderbare Konzerte für Trompete, Flöte, Fagott, Klarinette, Horn oder Saxofon. Aber wie sehen Konzertprogramme üblicherweise aus? Zu Beginn eine Ouvertüre, dann ein Konzert und danach die Sinfonie. Ich sage immer: Leute, fangt doch an mit einem Bläserkonzert! Das ist oft kaum länger als eine Ouvertüre, ihr habt einen tollen Solisten und endlich mal Musik, die nicht ständig überall gespielt wird.

Finden Sie, dass die Politik in Deutschland im Hinblick auf Kulturveranstaltungen angemessen auf die Pandemie reagiert hat?

Rometsch: Die Kultur beißt es wirklich überall, das ist schrecklich. Die Maßnahmen, die zu Beginn der Pandemie ergriffen wurde, waren adäquat, weil man den Charakter der Krankheit und deren Gefährlichkeit nicht wirklich abschätzen konnte. Die Testkapazitäten fehlten ebenso wie die Masken. Inzwischen wissen wir aber, dass aufgrund zahlreicher Erfahrungen und Erkenntnisse Corona nur eine mittelschwere Grippewelle ist. Wir halten Distanz, tragen Masken, machen Tests und haben Intensivkapazitäten, die vollständig ausreichen. Mich stört darüber hinaus, dass bei den Hygieneverordnungen alle Veranstaltungen über einen Kamm geschoren werden. Man kann den Karneval oder ein Fußballspiel – oft mit viel Alkohol – doch nicht mit einem klassischen Konzert vergleichen! Im kulturellen Bereich hat man es in der Regel mit vernünftigen Menschen zu tun, die sich verantwortungsvoll verhalten. Das Zauberwort lautet „Verhältnismäßigkeit“. Die darf aber nicht pauschal bemessen werden.

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