Blickwinkel: Steven Walter

„Ich möchte für Veränderung stehen“

Steven Walter, designierter Intendant vom Beethovenfest Bonn, über angestrebte Innovationen, Krisen und ein verzerrtes Beethoven-Bild.

© Daniel Barth

Steven Walter

Steven Walter

Ab Herbst 2021 übernehmen Sie die Leitung des Beethovenfests Bonn. Eine große Herausforderung?

Steven Walter: In der Tat! Einerseits eine große Chance für mich persönlich, andererseits auch etwas Neues für das Beethovenfest. Ich glaube die Zukunft wird aber so oder so für uns alle eine Herausforderung, die nur durch Mut und neue Ansätze bewältigt werden kann.

Stecken Sie schon in den Planungen?

Walter: Seit Juli 2020 habe ich einen Vorvertrag – ich stürze mich also gerade voll in die Vorbereitungen, lerne viele Menschen kennen und fange natürlich auch schon programmatische Überlegungen an.

Werden Sie das Beethovenfest umkrempeln?

Walter: Ich habe mich dort mit einer Idee präsentiert, die etwas Neues darstellt. Ich stehe für ein Musikschaffen, das klassische Musik nicht als etwas Vergangenes, sondern als etwas Gegenwärtiges und Zukunftsprägendes sieht. Mit dieser Grundhaltung möchte ich neue Formate der Präsentation, der Kommunikation und der Kontextualisierung von Musik in all ihrer Vielfallt präsentieren. Nur so bewahren wir nämlich den großen Schatz der Tradition. Beethoven stand ebenfalls für diesen Weg. Er war eine Person, die aus der Tradition heraus, in die er hineingewachsen ist, die Zukunft geprägt hat – mit neuen Ideen, neuen Formaten und neuen Ansätzen. Dafür soll das Beethovenfest eine internationale Exzellenzplattform sein.

Haben Sie eine Vision, wie Ihre erste Spielzeit klingen soll?

Walter: Im Allgemeinen überschätzt man, was man in einem Jahr schaffen kann. Gleichzeitig unterschätzt man das, was man in fünf Jahren schaffen kann. Mein Ziel ist es, mittel- und langfristig etwas aufzubauen und nicht alles sofort umzukrempeln. Beethoven war ja schließlich auch jemand, der interaktiv und experimentell vorgegangen ist und dabei immer wieder Grenzen ausgelotet hat, darüber hinaus aber oft auch ein großer Pragmatiker war. Natürlich wird man gleich beim ersten Beethovenfest unter meiner Leitung spüren, dass es anders ist, dass es vielfältiger in die Stadt hineinwirkt, dass man verstärkt auf junge Künstlerinnen und Künstler mit neuen Ideen setzt, dass es sehr interdisziplinär sein wird und zudem neuen Technologien Raum gibt. Die Revolution jedoch passiert langfristig.

Das Beethovenfest 2022 ist zwar noch in weiter Ferne. Begleiten Sie dennoch Gedanken an Corona bei der Planung?

Walter: Diese ganze Zeit ist sehr herausfordernd für alle Kultureinrichtungen, insbesondere aber auch für alle Musikerinnen und Musiker, die unter der Situation besonders leiden. Trotzdem merkt man, dass die Krise auch als Chance begriffen wird, einerseits in sich zu gehen und sich Fragen zu stellen, wohin es anschließend weitergehen kann, andererseits aber auch um digitale Formate zu erproben. Ich glaube, dass da sehr viele Kompetenzen in dieser Zeit aufgebaut werden. Zudem denke ich, dass sich der Klassikbetrieb, wie man ihn heute mit großen Tourneen kennt, verändern wird. Es wird mehr zu sinnvolleren Residenzen tendieren, die für den Austausch über Kontinente hinweg sorgen werden. Zudem wird es mehr darum gehen, diesen Austausch intensiver zu gestalten als es das reine Touring von fertigen Programmen derzeit möglich macht. In dieser Hinsicht möchte ich mit dem Beethovenfest auch neue Modelle erproben.

© Daniel Barth

Steven Walter

Steven Walter

Eignen sich stürmische Zeiten für einen Neuanfang?

Walter: Ich glaube, dass Krisen Beschleuniger sind für Entwicklungen, die sich ohnehin abgezeichnet haben. Ich wurde kurz vor  der Corona-Krise ausgewählt. Offenbar war also schon davor klar, dass sich im Konzert- und Kulturbereich einiges ändern muss, anders ist meine Berufung nicht zu verstehen. Dieses latente Gefühl der Veränderungsnotwendigkeit in der Konzert- und Musiklandschaft herrscht ja schon lange vor und es hat sich bereits schon viel getan – die Krise und ihre Folgen werden das Tempo erhöhen. Ähnliches haben wir schon in den Jahren 2008 und 2009 mit der Finanzkrise bemerkt, als die Umstände wie ein Durchlauferhitzer gewirkt haben. Krisen sind immer schmerzhaft, können aber auch Freiräume schaffen. Diese Freiräume positiv zu gestalten und für Veränderung zu stehen, dafür sollte das Beethovenfest Bonn unter meiner Leitung da sein.

Da spielt Ihnen die Krise dann ja in die Karten.

Walter: Schon. Es ist eine unberechenbare Zeit, die sehr dynamisch ist und viele Veränderungen, neue Strukturen und neue Denkweisen erfordert. Es wird nicht leicht für alle Beteiligten. Wir werden zudem sehr kämpfen müssen, die gewachsenen und damit gleichzeig sehr wertvollen Strukturen erhalten zu können. Dafür gilt es Argumente zu finden und weltzugewandt zu agieren.

Welchen Stellenwert hat der Komponist Beethoven für Sie?

Walter: Er ist eine unglaublich spannende Figur, weil er eine absolute Ikone der Musikgeschichte ist. Er steht für die Schwelle zwischen verschiedenen Epochen und für geistesgeschichtliche Umwälzungen hin zur Aufklärung und zu bürgerlichen Idealen. Dazu ist er eine Projektionsfläche für vieles, was wir heute unsere bürgerliche Musikkultur nennen. Gleichzeitig war er ein Komponist von bahnbrechender Genialität. Was mich aber im Besonderen interessiert, ist der Beethoven jenseits des Klischees des tauben und grimmigen Mannes, der der Welt entrückt war. Ich glaube nämlich nicht, dass das das einzige gültige Beethoven Bild ist – jedenfalls dann nicht, wenn man sich mit seiner Biografie beschäftigt. Vor allem der junge, Bonner Beethoven war ein der Welt zugewandter Typ. Ein Bohemien, ein Macher, ein Shaker and Mover! Zudem einer, der sehr unternehmerisch an vieles herangegangen ist, aber auch widersprüchlich in seinem Charakter war. Für meine Inspiration ist der lebensnahe Beethoven wichtig!

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