Interview Eric Gauthier

„Tanz lebt in jedermanns Seele“

Mit seiner eigenen Company reüssiert der Kanadier Eric Gauthier auf Bühnen weltweit. Zum Rezept seines Erfolgs gehört auch – Humor.

© Maks Richter

Eric Gauthier

Eric Gauthier

Wer einen baden-württembergischen Ministerpräsidenten zum Tanzen bringt, dem gelingt alles andere auch: Eric Gauthier, Star der internationalen Tanzwelt, verließ als junger Tänzer seine Heimatstadt Montreal und folgte der Einladung des Stuttgarter Balletts. Obwohl als Publikumsliebling und Solist sehr erfolgreich, kehrte er dem Ensemble gerade mal dreißigjährig den Rücken und sorgte für das zweite Stuttgarter Ballettwunder: mit seiner Company „Gauthier Dance“, die im Theaterhaus Stuttgart eine feste Spielstätte fand und von dort aus weltweit tourt. Das charmante, ungezähmte Multitalent Eric Gauthier scheint auf den ersten Blick das genaue Gegenteil schwäbischer Mentalität zu sein, doch es gibt Gemeinsamkeiten: Arbeitseifer und Taten­drang!

Sie leiten eine Company, haben das Festival „Colours“ initiiert, choreografieren und tanzen, sind Musiker einer Band und Vater von drei Kindern. Sind Ihre Tage länger als die anderer Menschen?

Eric Gauthier: Ja, ich mache viel. Wenn ich weniger arbeite, ist es dadurch nicht einfacher, ich brauche immer viel in meinem Kopf. Aber ich habe Hilfe: Claudia Bauer für die Tourneen, Meinrad Huber beim Festival, jeder Bereich hat seine eigene Organisation, wie in meinem Kopf auch.

Dabei habe ich noch nicht die Filmreihe genannt, die im vergangenen Jahr startete …

Gauthier: Stimmt, „Dance Around the World“, meine eigene Show im Fernsehen, produziert vom SWR. Für Teil eins waren wir in Tel Aviv und haben die Tanzszene der Stadt vorgestellt, Ohad Naharin, die Kibbutz Contemporary Dance Company und einige andere. Jetzt planen wir den nächsten Teil. Dafür muss ich bald wieder reisen, diesmal nach Holland.

Sind Sie als Choreograf auch weiterhin international unterwegs?

Gauthier: Seit ein paar Jahren mache ich viel weniger, damit ich Zeit für die Kinder habe. Große Stücke mache ich gar nicht mehr. Allerdings übernehme ich demnächst die neue Choreografie für den Friedrichstadtpalast, das ist eine Ausnahme, weil mir das Spaß macht. Mein Ballet 101 verkauft sich gerade in alle Welt: Das Mariinski-Theater hat es gekauft, das Koreanische und das Polnische Nationalballett wollen es haben, auch Het Nationale Ballet in Amsterdam und die Junior-Company vom Bayerischen Staatsballett – es ist sehr beliebt, weil es sich in dieser Zeit besonders eignet: Bei dem achtminütigen Solo hat man kein Problem mit dem Kontaktverbot.

Was ist Ihnen wichtig beim Choreografieren?

Gauthier: Meine Mission ist es, die Menschen für den Tanz zu begeistern und emotional zu berühren. Das gilt für die Aufführungen von „Gauthier Dance“ ebenso wie für meine Arbeit als Choreograf. Deshalb erzähle ich in meinen Stücken häufig Geschichten, gerne mit einer Extra-Portion Humor. Das ist mir auch bei den anderen Künstlern wichtig, die für uns choreografieren. Ich komme zwar vom Ballett – aber ich liebe verrückte Ideen und eine innovative Bewegungssprache, wie sie zum Beispiel Nadav Zelner oder Cayetano Soto mitbringen. Und so wie das Publikum darauf anspricht, sehe nicht nur ich das so. Im Übrigen sehe ich mich weniger als Choreografen, sondern eher als Macher. Ich übernehme gerne große Aufgaben, etwa das „Colours“-Festival auf die Beine zu stellen. Ein Choreograf, der nur Choreograf ist, lebt das täglich von morgens bis abends. Ich aber habe ganz viele andere Projekte, neulich habe ich für ein Musikvideo des deutschen Sängers Philipp Poisel choreografiert und auch selbst mitgetanzt.

Bis vor Kurzem haben Sie ohnehin noch auf der Bühne gestanden und werden vielleicht zukünftig weiterhin tanzen. Wann finden Sie Zeit für Ihr Training?

Gauthier: Ich trainiere täglich anderthalb Stunden, meistens morgens, wenn die Kinder in der Schule sind, oder spät am Abend. Wir haben ein Au-pair-Mädchen aus Madagaskar – sie kam zwei Tage vor dem Corona-Lockdown, sie hat uns gerettet in der schwierigen Phase der vergangenen Monate. Auf diese Weise lernen die Kinder jetzt Französisch. Und: Ich erledige ganz viel während des Sports, trainiere an der Maschine und lese und schreibe E-Mails per Handy nebenbei.

© Simon Wachter

Raus auf die Straße: Eric Gauthier in Aktion bei seinem „Colours“-Festival

Raus auf die Straße: Eric Gauthier in Aktion bei seinem „Colours“-Festival

Choreografieren Sie weiterhin für Ihre Company „Gauthier Dance“?

Gauthier: Vergangenes Jahr habe ich gar nichts Neues gemacht, aber in dieser Spielzeit steht eine besondere Produktion an: Out of the Big Box hat im Februar Premiere und gibt unseren Tänzern Gelegenheit, die Seite zu wechseln und zu choreografieren. Außerdem gibt es eine Uraufführung von Kevin O’Day und von mir. Gerade überlege ich, für einen Werbe-Clip zu choreografieren. Alle diese verschiedenen Stückchen in meinem Leben – das ist meine Arbeit, das macht mich komplett und glücklich.

Ihre eigene Band gehört auch zu diesen verschiedenen Stückchen in Ihrem Leben …

Gauthier: Unsere Auftritte finden unregelmäßig statt. Viele Menschen kennen mich nur als Tänzer, aber seit Kurzem gibt es ein neues Publikum: Leute, die sich für meine Lieder interessieren und denen es gefällt, dass ich sie selbst geschrieben habe. Gerade habe ich einen neuen Song komponiert: It’s all about Love. Und so werden Eric ­Gauthier & Friends demnächst wieder häufiger zu hören sein, mit dem Programm „My Life in Music“ im Theaterhaus Stuttgart.

Es gibt Pläne, das Theaterhaus zu erweitern und für Ihre 16-köpfige Company »Gauthier Dance« ein Tanzhaus zu errichten. In welchem Stadium ist das Vorhaben?

Gauthier: Direkt neben dem Theaterhaus soll ein Tanzhaus gebaut werden. Ein Drittel des Gebäudes soll der freien Tanzszene Stuttgarts zur Verfügung stehen mit einer Bühne und einem Probenraum. Für „Gauthier Dance“ wird es Büroräume geben, drei Tanzstudios und eine große Bühne mit 600 Plätzen. Ich habe gerade meinen Vertrag verlängert für weitere fünf Jahre, aber das Gebäude ist noch nicht da. Eigentlich sollte es zum jetzigen Zeitpunkt fertig sein. Ich glaube es erst, wenn ich das Haus sehe!

In diesem Zusammenhang wollen Sie auch eine Junior-Company gründen. Dafür braucht es sicherlich auch zusätzliche Räume.

Gauthier: Ja, ich dachte, im September 2020 würde es losgehen, denn wir haben diese Pläne vor fünf Jahren entwickelt. Das Haus hätte jetzt stehen sollen, und somit hätten wir ein Studio mehr für die Junior-Company: zehn Tänzer zwischen 18 und 21 Jahren, einem Ballettmeister. Dort werden sie vorbereitet für die großen Ensembles. Außerdem könnten wir dann auch mehr Vorstellungen von „Gauthier Dance Mobil“ anbieten. Das ist ein Format, das mir besonders am Herzen liegt: Wir gehen raus und treten vor Menschen auf, die nicht selbst ins Theater kommen können: Menschen in Krankenhäusern oder in Seniorenheimen zum Beispiel. Aber ich muss warten, es gibt gerade kein Geld dafür.

Was treibt Sie an, das zu tun, was Sie tun?

Gauthier: Ich möchte erreichen, dass Tanz im Leben eines jeden Menschen einen Platz hat. Deshalb mache ich auch das Festival „Colours“, weil es so viele Menschen anregt, sich zu bewegen: Wir machen Shows auf der Straße, Flashmobs in Einkaufszentren, tanzen überall in der Stadt. Tanz lebt in jedermanns Seele.

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