Interview Liz Mohn

„Für mich ist das gelebte Gemeinschaft“

Vor über 30 Jahren rief Liz Mohn den internationalen Gesangswettbewerb NEUE STIMMEN ins Leben. Ausgerichtet wird der Wettbewerb zur Förderung des Opernnachwuchses von der Bertelsmann Stiftung, für die die 78-jährige Unternehmerin als stellvertretende Vorsitzende des Vorstand und des Kuratoriums tätig ist.

© Jan Voth

Liz Mohn

Liz Mohn

Frau Mohn, mehr als 1.400 junge Gesangstalente aus rund 70 Nationen bewerben sich alle zwei Jahre für die Teilnahme am Wettbewerb NEUE STIMMEN. Wie viele Juroren sind an diesem globalen Auswahlverfahren beteiligt und wie können Sie gewährleisten, dass hier einheitliche Bewertungskriterien angelegt werden?

Liz Mohn: Es ist auch für mich immer wieder erstaunlich, wie sich der Wettbewerb seit 1987 entwickelt hat. Damals stand noch der Eiserne Vorhang und wir hatten lediglich 36 Teilnehmende. Die hohe Zahl an Bewerbungen heute ist immer auch eine große Herausforderung. Vier Juroren bilden das Kernteam für die weltweiten Vorauswahlen. Bei den Vorsingen in Frankfurt und Wien kommen Bernd Loebe und Dominique Meyer als Intendanten der dortigen Opernhäuser noch dazu. Um eine vergleichbare Bewertung zu erreichen, haben wir vier Kriterien festgelegt: technisches Können, Stimmqualität, musikalische Gestaltung und künstlerische Persönlichkeit bzw. Präsenz. Im Zeitraum der Vorauswahlen setzen sich die Juroren immer wieder zusammen und diskutieren sehr intensiv, um gemeinsam über die Finalteilnehmer zu entscheiden. Unser Vorgehen garantiert, dass alle Kandidaten einheitliche Rückmeldungen erhalten.

Als Unternehmerin leben Sie eine leistungsorientierte Arbeitsweise vor. Inwieweit macht sich das auch im Konzept von NEUE STIMMEN bemerkbar?

Mohn: Ich führe ein sehr aktives Leben, bin viel auf Reisen und lerne dabei ganz verschiedene Kulturen kennen. Ich sage oft: Mein Arbeitsplatz ist die Welt! Das gilt in vergleichbarer Weise auch für Opernsängerinnen und -sänger. Meine Erfahrungen helfen mir dabei, die großen Herausforderungen für junge Gesangstalente nachvollziehen zu können. In einem globalen Markt wie der Opernbranche reicht es heutzutage längst nicht mehr aus, eine herausragende Stimme zu haben. Daher fließt bei NEUE STIMMEN neben den künstlerischen Fähigkeiten auch die Persönlichkeit des Sängers in die Bewertung mit ein. Im Rahmen der langfristigen Förderung der Talente tragen wir außerdem verstärkt Themen an sie heran, die ihnen bei der Planung ihrer Laufbahn zugutekommen, zum Beispiel Karrieremanagement und Netzwerkpflege, Medienpräsenz und PR.

Über 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer treten im Herbst in der Endrunde in Gütersloh gegeneinander an, begleitet von den Duisburger Philharmonikern. Wie erleben Sie seit über dreißig Jahren das Semifinale und Finale des Wettbewerbs?

Mohn: Als Initiatorin der NEUEN STIMMEN erlebe ich mit großer Begeisterung sowohl den Wettbewerb als auch den Meisterkurs, die jeweils im jährlichen Wechsel stattfinden. Die Idee entstand damals aus einem Gespräch mit Herbert von Karajan zum Nachwuchsmangel im Opernfach. Es ist wunderbar zu sehen, was seit 1987 daraus gewachsen ist. NEUE STIMMEN begann ja als europäischer Wettbewerb und öffnete sich nur wenige Jahre später für Teilnehmer weltweit. Ich bin jedes Mal aufs Neue von den Sängerinnen und Sängern tief beeindruckt. Nicht nur von ihrer Gesangsqualität, sondern auch von der Freude und Leidenschaft, die sie an den Tag legen. Ich freue mich auch jedes Jahr auf die ganz besondere Atmosphäre, wenn die jungen Menschen aus aller Welt bei uns in Gütersloh zusammenkommen, sich gegenseitig Mut machen, sich für Erfolge beglückwünschen aber auch gegenseitig trösten. Für mich ist das gelebte Gemeinschaft. Projekte wie NEUE STIMMEN zeigen eindrucksvoll, wie sehr die Musik Brücken zwischen Menschen und Kulturen bauen kann.

© Besim Mazhiq/Berstelsmann Stiftung

Neue Stimmen 2017: Preisträger, Liz Mohn (Initiatorin und Präsidentin der NEUEN STIMMEN, 4. v.l.) und Dominique Meyer (Direktor der Wiener Staatsoper, Vorsitzender der Jury, 3. v.r.)

Neue Stimmen 2017: Preisträger, Liz Mohn (Initiatorin und Präsidentin der NEUEN STIMMEN, 4. v.l.) und Dominique Meyer (Direktor der Wiener Staatsoper, Vorsitzender der Jury, 3. v.r.)

Die Vorauswahlen für den diesjährigen Wettbewerb NEUE STIMMEN finden erneut in weltweit mehr als 20 Städten statt. Erstmals sind auch Bologna, Dublin, Frankfurt, Philadelphia, Pretoria und Santa Fe dabei. Wie kam es zu dieser Ausweitung?

Mohn: Wir versuchen immer wieder, mit NEUE STIMMEN am Puls der Opernwelt zu sein. Deshalb richten wir unsere Vorauswahlen in Städten aus, die zu den wichtigsten Schauplätzen für die Ausbildung junger Sängerinnen und Sänger gehören. Auf welche Orte das zutrifft, ändert sich natürlich mit der Zeit. Aus diesem Grund schauen wir genau auf die Branche und wählen die Städte entsprechend aus.

Was bedeutet für Sie ganz persönlich die Oper? Wie oft besuchen Sie Opernvorstellungen und welche haben Ihnen in letzter Zeit besonders gut gefallen?

Mohn: Das für die Oper typische Zusammenspiel aus Musik, Gesang, Ausdrucksvermögen und Bühnenbild fasziniert mich sehr. Ich besuche Opernvorstellungen so oft es meine Zeit zulässt. Zuletzt habe ich in Salzburg Verdis „Simon Boccanegra“ gesehen. Die größte Freude bei einer Opernvorführung bereitet es mir immer, wenn ich ehemaligen Teilnehmern der NEUEN STIMMEN auf der Bühne zusehen kann – wie bei dieser Salzburger Produktion. Diese Momente zeigen mir, wie wichtig und erfolgreich unser Wettbewerb ist.

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