Oratorien-Kritik: Hamburgische Staatsoper – La Passione

Bach im OP begraben

(Hamburg, 22.4.2016) Romeo Castellucci bebildert Bachs Matthäus-Passion so platt wie möglich

© Bernd Uhlig

Wenn das Theater ein Ort der Bildung ist, dann darf Romeo Castellucci als dessen oberster Zucht- und Zeremonienmeister gelten. Er bringt uns bei, ja führt uns unmissverständlich vor Augen: Einem Menschen gar erniedrigend eine Dornenkrone aufzusetzen, mag im Falle des Jesus von Nazareth ein Einzelfall gewesen sein. Seit im 19. Jahrhundert ein geschäftstüchtiger Amerikaner den bösen Stacheldraht erfunden hatte, um mit seinem Patent steinreich zu werden, wurde auch das Unheil massenhaft vervielfältigt: Stacheldraht wird heute nun gar dazu missbraucht, Palästinenser brutal von ihren jüdischen Mitmenschen zu trennen. Endlich lernen wir auch mal, wie denn eine Kreuzigung eigentlich funktioniert, nämlich durch Überstreckung des Brustkorbs, die erst zu Atemnot, schließlich zum Tode führt – das übrigens bei vollem Bewusstsein. Im Programmablauf-Heftchen wird das alles wissenschaftlich erläutert, Komparsen führen es auf der Bühne vor, indem sie sich an einen schwingenden Balken hängen – glücklicherweise entscheiden sie selbst, wann sie das gefährliche Experiment beenden möchten.

Theater des radikalen Realitätsbezugs

Die durch Castellucci bewirkte Erkenntnisförderung über das Leiden in der Welt erfährt freilich ihren einsamen Höhepunkt, als er eine junge Frau ein blutverschmiertes Laken demonstrativ gen Publikum strecken lässt, gerade so wie katholische Geistliche die Monstranz bei der Einsetzung des Abendmahls präsentieren. Hier bringt der Regisseur freilich nicht das Leichentuch Jesu ins Spiel, sondern das Geburtslaken der am 9. April 2016 geborenen Hamburgerin namens Alma Maris. In jeder Vorstellung wird ein anderes Tuch eines Neugeborenen in einer eigens herbeigeschafften Waschmaschine gereinigt und gebleicht. Endlich kapieren wir somit: Jeder Übergang tut weh, nicht nur der Tod, auch die Geburt ist mit Schmerzen, Blut und Tränen verbunden.

Profane Bilder-Beliebigkeit statt schockierende Skandaleffekte

Natürlich will der italienische Regisseur, der stets für einen Skandal gut ist, die Geschichte von Leiden und Tod Jesu weder mit Oberammergau-Kitsch noch in Sandalenfilm-Ästhetik auf die gleißend weiße Bühne der Hamburger Deichtorhallen hieven. Vielmehr erfindet er wechselnde szenische Situationen und Installationen, während Orchester, Chor und Gesangssolisten am hinteren Bühnenrand weiß gewandet, aber ansonsten szenisch unbeteiligt Bachs Musik spielen und singen. In all diesen einzelnen Situationen setzt er Bachs Passionsgeschichte Bilder entgegen, die so profan sind wie nur irgend möglich. Er erzählt nichts durch die Entwicklung von Figuren, sondern konfrontiert Musik wie Evangelisten- und Arientexte mit einem Reigen von visuellen Zeichen, die auch jenseits von Bachs Meisterwerk, in jedweder Reihenfolge und in Verbindung mit einer Bruckner- oder Mahlersinfonie ablaufen könnten und dabei mehr oder weniger sinnfällige Assoziationen auslösen würden.

Langeweile und Spannungslosigkeit

Nun können visuelle Kontrapunkte zu großer Musik immer wieder die Wahrnehmung des sattsam Bekannten schärfen. Castelluccis Einfälle sind freilich von einer Beliebigkeit und Plattheit, dass der gewünschte Effekt, einmal ganz neu auf Bach hinzuführen, kaum eintritt. Langeweile und Spannungslosigkeit entstehen, echte Schockwirkungen, die man von dem Bilderstürmer durchaus erwartet, bleiben aus. Die klinische Kälte und Nüchternheit seiner Inszenierung zwischen Chemie-Labor und OP-Tisch meidet zwar jede tränentreibende Passions-Sentimentalität, ihre realitätsgetriebene Konkretisierung vom umgestürzten ausrangierten Omnibus bis zum gesprengten Marmorfels als Stein des Anstoßes führen allerdings nur zur Distanzierung und kaum je wirklich zum Kern des Werks zurück. Berührend sind seine Bilder nie.

Meditationsmeister Kent Nagano

Musikalisch ist der Abend bei Kent Nagano in guten, gleichsam meditationsfördernden Händen. Seine Tempi sind erstaunlich getragen, die Audi Jugendchorakademie singt schlank und durchsichtig. Nur die in den Deichtorhallen nötige Verstärkeranklage lässt den Chor viel zu blechern klingen. Die Solisten aus dem Staatsopern-Ensembles singen vortrefflich, allen voran Sopranistin Christina Gansch mit lyrischem Liebreiz. Gaststar Ian Bostridge als Evangelist kämpft mit der extremen Höhe und übertreibt die Deklamation, Philippe Sly singt die Jesus-Worte dafür mit resonanzreichem Bass-Bariton. Leider nur vergeht einem angesichts der Ödnis des Sehens immer wieder das angeregte Hören.

Hamburgische Staatsoper in den Deichtorhallen

Bach: Matthäus-Passion

Ausführende: Kent Nagano (Leitung), Romeo Castellucci (Regie), Ian Bostridge, Hayoung Lee, Christina Gansch, Dorottya Láng, Bernard Richter, Philipp Sly, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Audi Jugendchorakademie

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