Opern-Kritik: Hessisches Staatstheater Wiesbaden – Die Zauberflöte

Brunnenklare Pamina

(Wiesbaden, 14.10.2016) Wenn Konrad Junghänel Mozart dirigiert, sind Entdeckungen garantiert

© Paul Leclaire

In den letzten Jahren tut sich das Regietheater schwer mit der Zauberflöte. Die Komplexität, Offenheit und moralische Integrität von Mozarts einzigartiger Schöpfung scheint sich gegen alle Dekonstruktionen, Um- und Ausdeutungen zu sperren. So wurde die einzige erfolgreiche Inszenierung des Stücks in den letzten Jahren, die energiegeladene Animationsfilmorgie von Barry Kosky und dem britischen Studio „1927“ gleich zum Welterfolg, mit Aufführungen von Berlin bis Los Angeles.

Hausspielleiter Carsten Kochan lässt vor allem – Theater spielen

In Wiesbaden hat Intendant Uwe Eric Laufenberg Die Zauberflöte weder sich selbst noch einem renommierten Gastregisseur anvertraut, sondern dem Hausspielleiter Carsten Kochan. Der sorgt für bunte Bilder und lässt vor allem – Theater spielen. Das gelingt nicht immer fesselnd, bleibt oft zu statisch, spricht aber auch immer wieder an. Die vielen kleinen Damen-, Priester- oder Knabengruppen etwa weiß Kochan lebendig und elegant zu bewegen. Hierbei stützt er sich mit Recht auf das timingsichere, nie übertreibende Spieltalent großer Teile des Wiesbadener Ensembles, in dieser Disziplin charmant angeführt von Stephanos Tsirakoglou (Sprecher) und Sharon Kempton (Erste Dame).

Kampf der Geschlechter

Zudem reißt der Regisseur einige Interpretationsideen an, die aber häufig Stückwerk bleiben und vom Zuschauer nur als schwer dechiffrierbare Einzelheit wahrgenommen werden, wie etwa die Bebilderung der Ouvertüre mit Papageno als Künstler, oder die Einaug-Masken des Chores während der Feuer- und Wasserprobe. Durchgängige Linie der Inszenierung ist das Ringen der Geschlechter um Vorrang und/oder Gleichberechtigung, das zumindest in vielen Details der gründerzeitlich angehauchten Kostüme von Susanne Füller und der sehr sicheren Führung des exzellenten Chores deutlich zum Tragen kommt.

Das Ensemble macht viel Freude – mit einer Ausnahme

Musikalisch gibt der Abend viel Anlass zur Freude. Allein Ioan Hotea wird Mozarts Tamino mit enger Stimmführung, greller Tongebung, schlecht verblendeten Registern und mehrfach auftretenden Intonationsproblemen nie auch nur ansatzweise gerecht. Young Doo Park kämpft fast unfreiwillig komisch mit den Dialogtexten, hat aber die für den Sarastro nötige sonore Tiefe zur Verfügung, und Gloria Rehm fasziniert mit exakten Koloraturen und einer selten so fulminant zu hörenden Rachearie der Königin der Nacht. Strahlender Mittelpunkt des Abends ist allein Katharina Konradi, eine wunderbar lebendige, brunnenklare Pamina, nach deren „Ach, ich fühl’s“-Arie man auch die leichteste Stecknadel mühelos hätte fallen hören können. Hier scheint ein großes Talent heranzuwachsen.

Das Hessische Staatsorchester wird für sein lustvolles Spiel gefeiert

In hochgefahrenen Graben waltet Konrad Junghänel. Er hat eine eher kleine Orchesterbesetzung gewählt, was in der Ouvertüre durchaus gewöhnungsbedürftig, gar ein wenig strohig klingt. Hat man sich aber eingehört, beeindruckt vor allem das dramaturgische Gespür des Dirigenten für Tempo und Dynamik, das zu echten Entdeckungen führt. Da wird aus dem sonst so oft pseudo-weihevoll heruntergedroschenen Sprecher-Dialog eine fast absurd entspannte Konversationsszene, Taminos „Wie stark ist nicht dein Zauberton“ schließt sich als leise fröhliches Intermezzo an, woraus wiederum der für Sarastros Auftritt dringend benötigte dramatische Zug mühelos entwickelt wird. Im zweiten Teil beeindrucken vor allem die vielen kleinen Holzbläsersoli, etwa die vom Fagott dominierte Einleitung zu Paminas Arie. Das lustvoll musizierende, zu Recht gefeierte Hessische Staatsorchester scheint sich mit dem nicht unbedingt als einfach geltenden Dirigenten gut zu verstehen.

Das Staatstheater Wiesbaden hat also, im Gegensatz zu vielen großen Häusern in der letzten Zeit, etwa Hamburg und Köln, mit seiner neuen Zauberflöte zumindest keinen Schiffbruch erlitten und wird sie jahrelang im Repertoire zeigen können.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Mozart: Die Zauberflöte

Konrad Junghänel (Leitung)
Carsten Kochan (Regie)
Matthias Schaller, Susanne Füller (Bühne)
Susanne Füller (Kostüme)
Albert Horne (Chor)
Mit Young Doo Park, Ioan Hotea, Gloria Rehm, Katharina Konradi, Christopher Bolduc, Stella An, Benedikt Nawrath, Sharon Kempton, Silvia Hauer, Romina Boscolo, Aaron Cawley, Stephanos Tsirakoglou
Solisten des Knabenchores der Chorsingakademie Dortmund
Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

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