Opern-Kritik: Theater Magdeburg – Die Braut von Messina

Der Ost-Charme furnierter Paläste

(Magdeburg, 14.3.2015) Späte deutsche Erstaufführung der Schiller-Oper des Tschechen Zdenek Fibich

© Nilz Böhme

Lucia Cervoni (Donna Isabella)

Anklänge an Wagner sind unüberhörbar. Schwer und unheilvoll tönt das Blech im Unisono, mit einem Schicksalsmotiv setzt die Oper ein. Dagegen steht der lyrische Gesang der schon wenige Takte später anhebenden Violinen und Harfen – Ausdruck der reinen Liebe und Unschuld.

Aufwühlende Musik

Das Theater Magdeburg hat mit der Braut von Messina eine gute Wahl getroffen, Zdenek Fibichs Partitur offenbart eine dramatische, aufwühlende Musik. Es lässt sich schwer nachvollziehen, warum der Komponist, der zu seinen Lebzeiten mit Smetana und Dvořák in einem Atemzug genannt wurde, so in Vergessenheit geraten konnte, dass er außerhalb Prags nirgends aufgeführt wurde. Vermutlich lag es daran, dass schon im ausgehenden 19. Jahrhundert aus Böhmen nur Dorf- und Bauernkomödien wie Smetanas Verkaufte Braut beim zeitgenössischen Publikum ankamen. Die schwierige tschechische Sprache tat sicherlich ein Übriges.

Neuer tschechischer Dreiklang: Smetana, Dvořák, Fibich

Um es aber klar zu sagen: Fibich hat als Komponist durchaus eine eigene Handschrift ausgeprägt. Seine Partitur erinnert an Wagners Tonsprache, kopiert sie aber nicht. Zdenek Fibich wurde 1850 im böhmischen Vseborice als Sohn eines Försters geboren und starb schon allzu früh im Alter von 49 Jahren. Wie viele seiner Zeitgenossen wuchs er zweisprachig auf, seine Mutter stammte aus einer Wiener Fabrikantenfamilie. Er studierte in verschiedenen Metropolen Europas. Eine Aufführung der Meistersinger in Mannheim, die ihn sehr beeindruckte, hat ihn auf Wagner gebracht.

Die Braut von Messina ist seine dritte von insgesamt sieben Opern. Sie basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Friedrich Schiller. Im Zentrum steht die verwitwete Fürstin Isabella, die ihre beiden verfeindeten Söhne Manuel und César nach dem Tod des Patriarchen versöhnt und ein lang gehütetes Geheimnis lüftet: Einer düsteren Prophezeiung wegen hatte sie ihre Tochter Beatrice aus der Familie isoliert und in einem Kloster aufwachsen lassen. Ihre Söhne haben sich bereits in die unbekannte Schöne verliebt, wissen aber nicht um ihre Identität. In Rivalität um die Frau flammt der Bruderhass wieder auf. Am Ende sind beide tot.

Ein Werk von erschreckender Zeitlosigkeit und Aktualität

Fibichs Librettist Otakar Hostinský hat das Trauerspiel stark gekürzt. Vor allem den Chor. Schiller ließ ihn nach dem Vorbild der antiken Tragödie über weite Strecken das Geschehen kommentieren. In der Oper tritt er dagegen nur aktiv in Gestalt kriegerischer Truppen auf. So verdichtet und angesichts des allgegenwärtigen Militarismus ist Die Braut von Messina ein Stück von erschreckender Zeitlosigkeit und Aktualität. Es erinnert an all die Religions- und Bürgerkriege, die Europa derzeit umzingeln, aber auch an all die Militärdiktaturen im vergangenen Jahrhundert. In einer solchen siedelt Cornelia Crombholz die Oper in Magdeburg an.

Sparsame Personenregie

Das Militär ist in ihrer Inszenierung stark präsent, der politische Konflikt, um den es der Regisseurin geht, bleibt allerdings an der Oberfläche. Das liegt vor allem an der allzu sparsamen, statischen Personenregie. Die Soldaten wirken an dem Geschehen nicht sehr beteiligt, die straff arrangierten Auf- und Abgänge der Truppen ziemlich künstlich. Auf Marcel Kellers Drehbühne, die mit allerhand billigen furnierten Sperrholzwänden, Gerüsten, Treppen und Geländern durchaus den Ost-Charme einstiger kommunistischer Paläste verströmt, ereignet sich wenig Bedrohliches. Einzig das persönliche Drama der Fürstin rührt an. Mit ihrer Sängerdarstellerin Lucia Cervoni entwickelt Cornelia Crombholz das starke Psychogramm einer willensstarken aber auch an Schuldgefühlen leidenden Frau. Sie verzehrt sich in Sorge um das Land und ihre Kinder, beklagt die Unausweichlichkeit ihres Schicksals.

Musikalisch feine Nuancen

Im Musikalischen gelingt dem Theater Magdeburg eine achtbare deutsche Erstaufführung. Aus dem Ensemble ragen Lucia Cervoni mit ihrem dunklen, vollen, schönen Mezzosopran und ihr tschechischer Kollege Richard Samek als jüngerer Sohn Don César heraus, ein Tenor mit feinen lyrischen Stimmgaben. Am Pult der Magdeburger Philharmonie empfiehlt sich Kimbo Ishii. Er deckt zwar bisweilen die kleineren Stimmen etwas zu, erkundet aber den Farbenreichtum der zwischen deutscher und slawischer Romantik changierenden Partitur in feinen Nuancen.

Auf alle Fälle bereichert die Magdeburger Produktion das an deutschen Bühnen verankerte schmale tschechische Repertoire. Man würde gerne weitere Werke von Fibich kennenlernen.

 

Theater Magdeburg

Fibich: Die Braut von Messina

Ausführende: Kimno Ishii (Leitung), Cornelia Cromholz (Regie), Marcel Keller (Bühne), Marion Hauer (Kostüme), Lucia Cervoni, Thomas Florio, Richard Samek, Noa Danon, Johannes Stermann, Martin-Jan Nijhof, Manfred Wulfert, Hale Soner, Opernchor des Theaters Magdeburg, Magdeburgische Philharmonie

Weitere Termine des Theaters Magdeburg finden Sie hier.

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