Opern-Kritik: Grand Théâtre de Genève– ALCINA

Die duftende Demütigung der Diva

(Genf, 15.2.2016) Europas jüngstes Opernhaus – ein wohlklingender Holzbau – feiert mit Händels All-Hit-Oper seine festliche Eröffnung

© GTG / Magali Dougados

Nicole Cabell (Alcina)

Nicole Cabell (Alcina)

Es duftet, sogar auf den Toiletten. Nirgends riecht es hier nach plüschig-muffiger Opern-Herrlichkeit aus längst vergang’nen Zeiten. Denn wir betreten schließlich ein nagelneues Theater. Kein Prachtgemäuer, das für die Ewigkeit erbaut wurde, sondern die für maximal drei Spielzeiten auf die grüne Wiese unweit der Vereinten Nationen gestellte Opéra des Nation. Sie ersetzt das altehrwürdige Grand Théâtre, das rundumsaniert werden muss. Das Ersatztheater nun ist ganz aus Holz. Und das duftet herrlich. Wir wähnen uns mitten im Schweizer Wald. Da würde dramaturgisch wahlweise der deutsche Freischütz des Carl Maria von Weber oder aber Rossinis Wilhelm Tell ideal hineinpassen.

Händel lädt zum üppigen Bankett an Arien-Leckereien

Doch Tobias Richter denkt natürlich weiter. Der deutsche Intendant des Schweizer Traditionshauses bringt Musik in die 1110 Plätze fassende Opernhaus-Bretterbude, die akustisch ideal in diesen Raum passt und dabei die Größe des überschaubaren Orchestergrabens nicht sprengt. Wagner, Strauss und Puccini sind hier einstweilen nicht gefragt. Richter setzt zur festlichen Eröffnung seines Interimstheaters auf die Barockoper, die in Genf bislang ein Nischendasein fristete, und er setzt mit Händels Alcina als Auftakt einer neuen Barockschiene geschickt auf eine All-Hit-Oper. All die vielen Arien treffen ohne Umschweife in die hörende Seele. Der reife wie großzügige Händel breitet in seiner späten, für London geschriebenen Erfolgsoper ein Bankett an Arien-Leckereien aus, das Seinesgleichen sucht.

Sahnesopranige Nicole Cabell trifft mezzoherbe Monica Bacelli

Die Vertrautheit der Genfer Melomanen mit Händel ist freilich ausbaufähig, selbst nach der Traumarie „Verdi, prati“ flammt kein Applaus auf. An der wunderbaren Monica Bacelli kann es jedenfalls nicht liegen. Die italienische Mezzosopranistin ist einer der beiden Stars dieser Premiere. Zu Beginn ihrer Karriere war sie ein burschikoser Cherubino in Mozarts Figaro, heute gibt sie einen reifen Ruggiero-Ritter. Schlankstimmig, in der Tongebung mit einer delikaten männlichen Herbheit, doch mit unendlichen Farb- und Ausdrucksnuancen stattet sie den Liebhaber der Titelfigur aus, der doch nur ein besserer Liebessklave ist – ein Gefangener im Zaubereich Alcinas. Nicole Cabell verkörpert die Magierin mit großartigem Diven-Aplomb, ja mit einer wahren Grace Kelly-Schönheitsattacke. Ihr mit devotem Jünglingsgefolge aufgehübschter Auftritt ist eine Wucht von Hollywood-Format alter Schule. Cabells gut geölter Sahnesopran verteilt vokale Streicheleinheiten. Das dunkle Timbre betört. Das ist schon eine edle Stimme. Die schwarze Amerikanerin weiß sehr wohl, wo sie Fiorituren in den variierten A-Teil der Capo-Arien einbauen muss. Und doch knackt sie die Alcina in ihrem Rollendebüt noch nicht ganz. Ihrem Italienisch fehlen die harten Konsonanten, in ihrem auf die perfekte Legatolinie bedachten Singen kommt die barocke Klangrede zu kurz: Wo eigentlich „prima la parola“ gilt, verlässt sich Cabell auf „prima la musica“. Ihr Singen ist romantisch gedacht – wunderschön in jeder Phrase, aber in den Affekten zu wenig verzweifelt, kaum zu Tode betrübt, geschweige denn dem Wahnsinn nahe – den sie im Laufe des Prozesses einer kontinuierlichen Desillusionierung ihrer Macht, der Entzauberung der Zauberin, der Demütigung der Diva vermitteln müsste.

Tobias Richter beweist Besetzungsgeschick – gerade in den kleinen Partien

Die vokalen Überraschungen des Abends sind eher abseits der beiden Stars und der beiden Hauptpartien zu erleben. Großes Besetzungsgeschick beweisen Tobias Richter und sein Team in der Kontrastierung der beiden Mezzi: Denn die Bradamante der Kristina Hammarström ist von warm-weicher fraulicher Fülligkeit – im Gegensatz zu Monica Bacellis Ruggiero-Mürbigkeit. Eine junge Soubrette mit riesigen lyrischen Reserven ist die Australierin Soobhan Stagg als mit deutlichem Kinderwunsch gesegnete Morgana. Der Italiener Anicio Zorzi Giustiniani singt den Oronte mit anschmiegsamer Tenorsamtigkeit. Und der Amerikaner Michael Adams den sonst oft unterbelichteten Melisso mit autoritärem Bariton, dem er bei aller Durchschlagskraft dennoch feinste Kopfstimmenanteile beimischt.

Orchestermischung klingt nach Kompromiss

Am Pult der gewagten Mischung aus Orchestre de la Suisse Romande und der Cappella Mediterranea müht sich Leonardo García Alarcón um ein knackiges, historisch informiertes Klangbild. Viola da Gamba, Theorbe und Laute sowie je zwei Naturhörner und Blockflöten sorgen sehr wohl für barocke Affekt-Authentizität. Die Streicher des im romantischen Repertoire beheimateten Orchesters aber muss der Dirigent mitunter arg anfeuern, um sie aus barocken Kurs zu bringen. Der auch an deutschen Opernhäusern gern praktizierte Kompromiss zwischen Hausorchestern und ergänzenden Impulsgebern an den Continuo-Instrumenten klingt auch hier mitunter nach Unentschiedenheit. Da bleibt noch Luft nach oben.

David Böschs Regiemix aus Poesie und Psychologie

Ein wenig mehr Mut wünscht man auch David Bösch. Sein Bühnenbildner Falko Herold hat dem fantasievollen Regisseur ein Alcina-Jagdhaus mit allerhand tierischen Trophäen gebaut. Das Grün von Alcinas Zaubergarten wächst längst hinein in diese edle Einöde, deren anfängliche Festlichkeit sich so kontinuierlich auflöst, wie Kostümbildnerin Bettina Walter die Alcina ihrer perückten Divengroßartigkeit immer weiter beraubt. Böschs Regiezutaten als Mix aus Poesie und Psychologie, aus Ernstnehmen und Ironie stimmen an sich. Leerläufe im Sängerkriegskarussell der Da-Capo-Arien gibt es kaum, obwohl sich Bösch ein Übermaß an Parallelaktionen untersagt. Seinem Regiezugriff fehlt nur die letzte Beherztheit, die er für seine bald anstehenden Münchner Meistersinger brauchen wird.

Am Ende passt diese geschmackvolle Zurückhaltung freilich durchaus zu einem neuen Theater, das bei begrenzten bühnentechnischen Zaubermöglichkeiten ganz schmuck- und schnörkellos der Sache dient. Die festlich froh eingeweihte Opéra des Nation kann sich fortan gleichsam auf das Wesentliche beschränken, ein wunderbarer, transparent, dabei nie trocken klingender Raum der Musik zu sein, der keine Schwellen kennt. Im direkten Umfeld von realer Weltpolitik ist dieser Fokus auf das Wesentliche der Kunst doch eine richtig gute Nachricht.

Grand Théâtre de Genève

Händel: Alcina

Leonardo García Alarcón (Leitung), David Bösch (Regie), Falko Herold (Bühne), Bettina Walter (Kostüme), Nicole Cabell, Monica Bacelli, Siobhan Stagg, Kristina Hammarström, Anicio Zorzi Giustiniani, Michael Adams, Orchestre de la Suisse Romande, Cappella Mediterranea

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