Opern-Kritik: Theater Bonn – Benvenuto Cellini

Entfesseltes Körperspiel

(Bonn, 1.11.2015) Tolles französisches Opernglück: Choreographin Laura Scozzis turbulenter Berlioz

© Thilo Beu

Anna Princeva (Teresa), Martin Tzonev (Giacomo Balducci)

Geradezu beglückend gerät das Theater-Tableau vor der Pause. Schon beim Kartenkauf entfaltet der mit gelben Plüschperücken, Clownsgesichtern und Halskrausen uniform entstellte Chor in individuellem Spiel feine, nie aufgesetzte Komik. Im Theatersaal des Opernhauses Bonn dann bildet er durch ständige präzise Wechsel von Platz und Anordnung im Raum, durch genaues Posieren und Miteinander-Spielen ein grotesk wogendes Meer. Durch eben dieses werden der päpstliche Schatzmeister und seine Tochter von Platzanweisern geführt. Und das Girlie Theresa schaut sich immer wieder um, denn es will entführt werden von Benvenuto Cellini im weißen Mönchskostüm.

Wie von Zauberhand geordnetes Chaos

Tatsächlich geistern ständig unabhängig voneinander zwei Kapuziner mit jeweils braun gewandeten Assistenten durch die gelben Perücken und treiben andere Platzanweiser vor sich her. Dann ordnet sich das Chaos wie von Zauberhand und eine tatsächlich witzige Casting-Show-Parodie wird aufgeführt. Im Trubel danach prallen die Mönche aufeinander, und Cellini ersticht den Assistenten seines Konkurrenten. Mit voller Absicht und von hinten.

Die eben noch Charme und Farben verschwenderisch ausgießende Musik scheint von einem zum anderen Moment zu verfaulen, und der Zuschauer, der damit beschäftigt war, das wilde Treiben entspannt zurückgelehnt zu genießen, erleidet einen wirklichen, kleinen Schock. Genau so mag Berlioz sich das vorgestellt haben.

Radikaler Regieblick von Heute: Hip-Hop-Moves und Girlie-Outfit, Ledermantel und Sicherheitshelme

Die 2008 in Nürnberg entstandene, frisch und lebendig neu erarbeitete Inszenierung von Laura Scozzi zeigt, was man mit Berlioz‘ scheinbar so schwerblütiger, wenig dynamischer Tableau-Dramaturgie anfangen kann. Wenn man es kann. Scozzi schaut radikal von heute aus, mit dominanter, für Opernsänger eigentlich ganz untypischer, entfesselt lockerer, zeitgemäßer Körpersprache – und mit Hip-Hop-Moves und Girlie-Outfit, Ledermantel und Sicherheitshelmen.

Das passt erstaunlich gut zur Musik, weil es mit der nötigen Eleganz eingesetzt wird, weil es Mittel zum Zweck bleibt und diesen nicht ersetzen will. Vor allem nimmt die italienische Choreographin bei aller, manchmal auch deutlich übers Ziel hinausschießender Komik die Benvenuto Cellini beherrschende Künstlerproblematik ernst, zeigt ihren Protagonisten nicht als Helden, sondern als genussfreudig lächelnden Abenteurer, der am Ende, nachdem er alles zu haben scheint – Geld, Frau, Erfolg und Freiheit – ein Opfer der Mediengesellschaft zu werden droht. Vermutlich wird sich das „Live fast die young“, das er keck auf dem T-Shirt trägt, nicht umsetzen lassen.

Der Titelheld: ein Schelm mit Rastalöckchen und Wohlstandsbauch

Mirko Roschkowski ist dieser Titelheld, ein Schelm mit Rastalöckchen und Wohlstandsbauch und berückend abgedeckten hohen Tönen. Seinem leicht korpulenten Charme kann man sich genausowenig entziehen wie der unverkrampften Jugendlichkeit seines Lehrlings Ascanio, den Marta Wryk umwerfend frisch präsentiert, oder dem ulkigen Girlie Teresa, dem Anna Princeva ihren wunderbar saftigen und dabei sehr flexiblen Sopran leiht.

Orchestrale Stop-Motion-Achterbahnfahrt: Es summt und surrt, brummt, zischt und plärrt permanent

Allerdings – ohne gutes Orchester ist Berlioz überhaupt nicht zu haben. Schon die Ouvertüre kommt als originäre Stop-Motion-Achterbahnfahrt daher. Eine Unzahl von Soli, darunter immer wieder, selten genug, der Kontrabass, schmiegt sich geradezu ins Ohr. Es summt und surrt, brummt, zischt und plärrt permanent in dieser irren Partitur, als sei das Orchester ein Effektgerät. Laura Scozzi lässt zu, dass man das hört, Stefan Blunier und sein Beethoven Orchester machen es hörbar, mit unerhört straffen Tempi und voll ausgereizter Dynamik.

Mag auch zu Beginn manche blechdominierte Tutti-Passage noch etwas sachlich-schroff daherkommen, spätestens nach der Pause ist alles nur noch lyrisches Strahlen, augenzwinkernd trockenes Prahlen und elegant vielfarbiges Funkeln. Eben französisches Opernglück.

Theater Bonn

Berlioz: Benvenuto Cellini

Stefan Blunier (Leitung), Laura Scozzi (Inszenierung), Barbara de Limburg (Bühne), Jean Jacques Delmotte (Kostüme), Marco Medved (Chor), Mirko Roschkowski, Martin Tzonev, Anna Princeva, Csaba Szegedi, Rolf Broman, Johannes Mertes, Marta Wryk, Chor des Theaters Bonn, Beethoven Orchester Bonn

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