Opern-Kritik: Sächsische Staatsoper Dresden – Königskinder

Erschütternd heutiges Gesellschaftsporträt

(Dresden, 19.12.2014) Engelbert Humperdincks Königskinder beweisen ungeahnte Aktualität

© Matthias Creutziger

Kinderkomparserie (Katze), Barbara Senator (Die Gänsemagd), Tänzerin Semper mobilis (Gans)

Ungefähr zeitgleich mit dem Erstarken der Pegidabewegung, die sich allmontäglich auf dem Theaterplatz vor der Semperoper in dumpfen Parolen ergeht, hat darinnen die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen Engelbert Humperdincks Königskinder auf die Bühne gestellt und der Märchenoper für Erwachsene zu einer traurigen Aktualität verholfen. Denn während sich vor dem Theater die angstvolle Ablehnung alles Fremden manifestiert, beweisen drinnen die Bewohner der Hellastadt, am Vorabend des Ersten Weltkrieges musikalisch in spätromantischem Wagnerduktus porträtiert, die gleichen Reflexe. Was außerhalb des Theaters als Bestätigung der Tatsache gilt, dass man aus der Geschichte nicht zu lernen imstande ist, wird darinnen auf geradezu bestürzende Weise für alle Epochen, selbst für die Märchenzeit, beglaubigt.

Verortung in den Dreißiger Jahren: Lyrische Schilderung des Geschehens wird selten sinnstiftend gebrochen

Wohl riskiert Mijnssen mit ihrer Verortung der Geschichte in den Dreißiger Jahren manch krassen Widerspruch zur poetischen Anlage des Dramas um ein Königskinderpaar, das aus rein äußerlichen Gründen vom Volk aus der Gesellschaft ausgestoßen wird. Nur allzu oft laufen die Zeichnung des Stücks und dessen Umsetzung grob auseinander, weil die von ihren Urhebern deutlich lyrisch angelegte Schilderung des Geschehens an der brüsken Umdeutung nur selten sinnstiftend gebrochen wird.

Abgesehen aber von der fragwürdigen Wiederentdeckung der dramatischeren Ambitionen von Märchenonkel Humperdinck, der sich nie ganz aus dem Erfolgszwang seines „Hänsels“ befreien konnte, wirft die Inszenierung ein äußerst beunruhigendes Licht auf die realen Vorgänge der aktuellen Gesellschaft – wohl vor allem in Dresden, aber auch anderswo. Denn die Negation aller Erfahrungs- und Sinnsuche, die (die eigentlich königliche) Gänsemagd und der Königssohn mit ihrer Adoleszenz durchleben, die menschliche Wärme, derer sie zusammen mit den Kindern der Hellastadt noch habhaft sind, und der Gegensatz zwischen ihrer unverdorbenen Liebe und dem Egoismus der erwachsenen Hellastädter, an dem sie letztlich zerbrechen, kann als ein erschütterndes Porträt heutiger Ungeheuerlichkeiten gelesen werden. Insofern sind die Königskinder weit mehr als ein Märchen, gehen deutlich über den ursprünglichen Impetus des Komponisten und seiner Librettistin Elsa Bernstein hinaus, deren gedrechselte Verse allerdings schauerlich sind.

Die Staatskapelle Dresden wird ihrem Ruf mit schillerndem Farbenreichtum mehr als gerecht

Musikalisch werden die Königskinder an der Semperoper mit zu erwartender Qualität umgesetzt, ohne beeindruckende Überraschungen zwar, wohl aber auf durchweg hohem Niveau. Akzente, die aufhorchen lassen, setzt mithin allein die Sächsische Staatskapelle unter Mihkel Kütson, der aus dem wunderbar rauschhaften, lautmalerischen Klang zwischen naiver Volksliedidylle und durchaus dramatischer Tiefenschärfe sehr interessante Kontraste herausarbeitet und einen schillernden Farbenreichtum leuchten lässt. Was die Spätromantik angeht, macht diesem Orchester eben so schnell niemand etwas vor.

Sächsische Staatsoper Dresden

Humperdinck: Königskinder

Ausführende: Mihkel Kütson (Leitung), Jetske Mijnssen (Regie), Christian Schmidt  (Ausstattung), Tomislav Mužek, Barbara Senator, Christoph Pohl, Tichina Vaughn, Sächsische Staatskapelle Dresden

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