Ballett-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Duse

Flügel für die schöne Seele

(Hamburg, 9.12.2015) John Neumeier will der Schauspielikone Eleonora Duse ein tänzerisches Denkmal setzen

© Holger Badekow

Karen Azatyan, Alessandra Ferri

Sie hat Aura und Anmut, sie hat Ernst und Seele, die italienische Primaballerina Alessandra Ferri. John Neumeier konnte die strenge Schöne, die überzeitliche 52 Jahre jung ist, überreden, den selbst gewählten Abschied von der Bühne für eine von ihm choreographierte Uraufführung zurückzunehmen. Die Ferri gibt nun die Duse, ihre Landsfrau aus dem Stiefelstaat.

Ikone des Tanzes gibt Ikone des Theaters

Die Duse gilt als bedeutendste Schauspielerin an der Wende zum 20. Jahrhundert. Zeitgenossen schrieben über die Ikone des Theaters, sie sei „klein, unscheinbar, ein bisschen plump, ohne Anmut in ihren etwas schweren, trägen Gebärden“. Der gefürchtete Kritiker Alfred Kerr freilich vergleicht die Duse schwärmerisch mit ihrer einzigen ernsthaften Konkurrentin, Sarah Bernhardt. Bei der Duse „hört man die Ewigkeit rauschen, bei der Bernhardt die Kulissen wackeln.“ Hugo von Hofmannsthal grenzte ganz ähnlich die „Künstlerin Duse“ von der „Virtuosin Bernhardt“ ab.

Der Auftritt der Rivalin

Zu den in diesem Sinne erhellenden Momenten von Neumeiers Ballett gehört der affektiert überzogene Auftritt der Rivalin. Silvia Azzoni ist als Sarah Bernhardt genau jenes köstlich künstliche Wesen, das sich immer nur selbst spielte, statt sich tief identifizierend und einfühlend in ihre Rolle zu versenken. Die Ferri-Duse indes ist die Ruhe selbst. Wenn sie langsam über die Bühne schreitet, wenn sie einfach nur einen Arm hebt, hat das mehr Ausdruck als jeder verzückend virtuose Sprung.

Vier Männer – eine Frau

Greifbar wir die Persönlichkeit der Duse an diesem Abend somit nicht in den tänzerischen Herausforderungen, die Neumeier der Ferri kaum zumutet. Erst in den Begegnungen, vorzugsweise mit ihren Männern, lernen wir jene Schauspielerin kennen, die dem Theater einst seine ganz neue Natürlichkeit schenkte. Vier Beziehungen stellt Neumeier in den Mittelpunkt: Jene zum Publikum, das Marc Jubete personifiziert, jene zum Soldaten Luciano Nicastro, getanzt von Alexandr Trusch, die von enormer Erotik geprägte zum Schriftsteller Gabriele D’Annunzio (Karen Azatyan) sowie die zu Verdis Librettisten und Freund Arrigo Boito, der seinerseits selbst zu einem der großen Komponisten des späten 19. Jahrhunderts zählte. Das Charisma von Carsten Jung bringt es mit sich, dass im Ballett das Aufeinandertreffen der Duse mit ihrem Mentor und Liebhaber Boito die stärksten Szenen ausformt. Carsten Jung erhebt seinen Schützling im wahrsten Sinne des Wortes und des Tanzes ins Reich der Poesie.

Ermüdende Szenen eines Schauspielerinnenlebens

Im sehr langen ersten Teil des Balletts sind die Szenen eines Schauspielerinnenlebens geschickt gebaut und geben Neumeier die Chance, allerhand Versatzstücke seiner Tanzkunst aneinanderzureihen. Ein großes Ganzes ergibt die Summe der Szenen dennoch nicht. Das Spiel mit den Ebenen zwischen menschlichen Begegnungen und eingestreuten Theaterszenen wirkt ermüdend, ihm fehlt die konzeptionelle Stringenz, der dramaturgische Fluss. Nach anderthalb Stunden steht Duses „letzte Aufführung“ an – die Diva stirbt. Doch es ist jetzt erst Pause. Kleine Teile des Publikums verlassen die Staatsoper bereits.

Traumschönes Verlegenheitsende

Die Zugabe hernach ist ein traumschönes Verlegenheitsende, purer Neumeier-Ästhetizismus, fürwahr herrlich anzusehen im abstrakt weißen Himmelsraum „in einer anderen Welt“, doch kaum zwingend als Abrundung des ersten Teils. Ihre vier Männer tragen die geliebte Frau auf Händen, die schöne Seele erhält Flügel, wird in die Ewigkeit eines Künstlerhimmels entrückt. Getragen wird der choreographisch und konzeptionell substanzarme Abend von der starken Musik, die aus den Federn von Benjamin Britten und Arvo Pärt stammt. Simon Hewett interpretiert sie mit den Philharmonikern feinfühlig und feinfarbig.

Hamburgische Staatsoper

Neumeier: Duse

Ausführende: Simon Hewett (Leitung), John Neumeier (Choreografie, Bühne, Licht & Kostüme), Alessandra Ferri, Alexandr Trusch, Carsten Jung, Silvia Azzoni, Karen Azatyan, Marc Jubete, Ensemble des Hamburg Ballett, Philharmoniker Hamburg

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