Ballett-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Napoli

Friede, Freude, Tarantella-Tanzen

(Hamburg, 7.12.2014) Das Bewerbungsballett – John Neumeiers designierter Nachfolger Lloyd Riggins mit seiner ersten großen Choreographie

© Holger Badekow

Es ist eine junge, bunte, schöne heile Welt – das idealisierte Italien gleichsam, das wir in Bournonvilles romantischem Klassiker Napoli bewundern dürfen: Neapel, wie wir Nordlichter uns den Süden in unseren zitronenblühenden Träumen vorstellen. Mit dem in Canzonen und Schlagern verkitschten malerischen Hafen von Santa Lucia, dem Vesuv im Hintergrund, pittoresken kleinen Häuschen und Fischerbötchen, einem knuddeligen Mönch, einer reizenden Kinderschar, heiratswütigen präpotenten Ragazzi und einer nur leicht verhärmten Witwe. Die (Laura Cazzaniga) sucht den richtigen Mann für ihr Töchterchen, die begehrteste Braut der Stadt (Silvia Azzoni). Sie soll nach oben heiraten, einer der beiden reichen Kaufmannssöhne muss es schon sein.

Die anämisch anmutige Figliuola aber liebt den netten armen Fischerssohn und macht la Mamma klar, das für sie die Maxime gilt: „Ich will den oder keinen“. Zwar intrigieren die Nebenbuhler ein wenig – Rossinis „La calunna“-Arienhit aus Der Barbier von Sevilla verdeutlicht es, zwar muss Gennaro (Alexandre Riabko) seine Holde im zweiten Akt noch schnell aus den Fängen des Wasserdämons Golfo (Otto Bubenìček) befreien, doch zum alsbald guten Ende kriegen die beiden sich: Friede, Freude, Tarantella-Tanzen. Das war’s dann auch schon.

Dünne Geschichte nebst Ballett-Gala

Abendfüllend ist die dünne Geschichte nicht. Also folgt im bereits mit zwei Pausen auf Länge gebrachten Ballettabend im 3. Akt schon nach wenigen Minuten, die es noch bis zum absoluten Happy End gebraucht hat, so etwas wie eine integrierte Galavorstellung. Christopher Evans – im Stück sonst nur ein einfacher Fischer in Gruppenszenen – darf ein mitreißend himmelsstürmendes Solo tanzen. Ein allerliebster Pas de six, der Tanz der drei Mädchen und schließlich ein furioses Tarantella-Paar dürfen, mitsammen dem Folkloreschatz des deutschen Sehnsuchtslandes abgeschaut, für reichlich Schau-Entzücken sorgen. Bravo-Salven erschüttern die Staatsoper. Herrlich.

Dramaturgische Stimmigkeit sieht anders aus

Doch mit dramaturgischer Stimmigkeit hat diese Verlängerungsorgie nichts zu tun. Wenigstens kann hier John Neumeiers wunderbares Ensemble seine Virtuosität entfalten. Und es zeigt fürwahr mit leidenschaftlicher Freude, dass die alten romantischen Schrittfolgen immer noch ins Repertoire gehören, dass man sie auch jenseits der reinen Traditions-Companien in Osteuropa heute noch selbstverständlich zu beherrschen hat.

Liebevoll herausgeputztes Ballett-Museum

 

Doch: der dänische Meisterchoreograph August Bournonville hatte eben seine Zeit – und das war die Romantik. Was geht uns heute die rührselige Geschichte um die schöne Teresina und den armen Gennaro, die sich mit Gottes Hilfe alsbald kriegen, noch an? Trotz leicht aufgefrischten und im Stile seines Mentors angelegten 2. Akts offenbart John Neumeiers Kronprinz Lloyd Riggins in seiner ersten großen eigenen Choreographie keine eigene Handschrift. Den liebevoll musealen Abend rettet allein das fantastische, strahlende Ensemble.

Lloyd Riggins doppelte Verbeugung

Denn Lloyd Riggins verbeugt sich in den Rahmenakten vor Bournonville und im von ihm selbst gestalteten, in der blauen Grotte Golfos spielenden Mittelakt vor Neumeier. Das Wagnis, selbst etwas zu sagen, der Herz-Schmerz-Schmonzette zumindest mit feiner lächelnder Ironie zu begegnen, scheut er. An diesem Abend der Eins-zu-Eins-Übersetzung wird einfach alles überdeutlich und unhinterfragt gezeigt, das schmerzt zumal im choreographisch dünnen erste Akt, in dem sich Bournonville darauf verlässt, das ausgeprägte gestenreiche neapolitanische „Reden mit den Händen“ vorzuführen.

Der designierte Gralshüter?

Warum begegnet Riggins dieser mangelnden Substanz nicht durch beherzte Eingriffe und Einfälle? Eigene Fantasie? Ein ästhetisches Credo bietet Napoli nicht. Oder wird Riggins Visitenkarte gerade in seiner Zurückhaltung sichtbar? Als möglicher Nachfolger John Neumeiers, sein Stellvertreter ist er bereits ab 2015, müsste Riggins schließlich als Grashüter fungieren, der dem reichen und stetig wachsenden Erbe des Neumeier-Repertoires immer wieder frisches Blut zuzuführen hätte – in Form von peniblen wie einfühlsamen Einstudierungen des Lebenswerks von Neumeier sowie der Förderung des eigenen Tänzer-Nachwuchses. In diesem, nur bedingt kreativen, Sinne könnte Lloyd Riggins dann doch „der Richtige“ sein. Ein ästhetischer Aufbruch aber sieht anders aus.

Hamburgische Staatsoper

Bournonville/Riggins: Napoli

Ausführende: Markus Lehtinen (Leitung), August Bournonville (Choreographie), Lloyd Riggins (Choreographie), Rikke Juellund (Ausstattung), Laura Cazzaniga, Silvia Azzoni, Alexandre Riabko, Carsten Jung, Konstantin Tselikov, Otto Bubenìček, Ensemble des Hamburg Ballett, Philharmoniker Hamburg

Weitere Termine der Hamburgischen Staatsoper finden Sie hier.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *