Ballett-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Peer Gynt

Genialer Psychologe der Liebe

(Hamburg, 28.6.2015) John Neumeier auf der himmlischen Höhe seiner Tanzkunst

© Holger Badekow

Carsten Jung, Alina Cojocaru

Wie begegnet sich ein Paar, das sich eine ganze Ewigkeit nicht gesehen hat? Entfremdet oder erregt? Vorwurfs- oder verständnisvoll? Hat es den Mut, wieder zueinanderzufinden? John Neumeier erweist sich im Finale seines Peer Gynt-Balletts als großer, nein, als genialer Psychologe der Liebe. Dieser Pas de deux von Solveig und Peer gehört zu den großartigsten, weil vielschichtigsten und innigsten Paarkonstellationen, die der Hamburger Ballettchef je vertanzt hat. So unerhört schmerzvoll und kraftvoll ringen die beiden miteinander, um sich letztlich einfach liebevoll zu erkennen und anzunehmen.

Es ist ein himmelhochjauchzendes wie hochästhetisches Bekenntnis zur Liebe, das Neumeier hier abgibt, ein hoch romantisches dazu, in seiner Erweiterung zur kollektiven Wiederfindung unzähliger junger Paare zwar nicht ganz kitschfrei, aber dennoch so bewegend, dass sich der Premieren-Applaus erst nach intensiven Momente des Anteilnehmens seine begeisterte Bahn brechen konnte.

Carsten Jung gibt bewundernswertes Rollendebüt

Der Choreograph hat seine schon 1989 auf Musik von Alfred Schnittke geschaffene Peer Gynt-Anverwandlung zur Eröffnung der Balletttage 2015 jetzt dezidiert als Neufassung deklariert. Wichtigste Unterschiede zur schon damals enorm intensiven Arbeit sind die Straffung des weitläufig bis dekorativ geratenen Mittelakts mit seiner Abfolge all der Abenteuer des Peer Gynt, die Aufwertung der Solveig zur eigenständigen Figur, die zunächst als Anima des Peer Gynt gezeichnet war, sowie die Reduzierung von Peers durch zunächst sieben weitere Tänzer veranschaulichten Aspekten auf derer vier: sie lauten nun Unschuld, Vision, Aggression und Zweifel.

Auch letztere erscheinen freilich noch als verzichtbar, verfügt der neue Peer des persönlichkeitsstarken Carsten Jung nach seinem besonders prominenten Rollenvorgänger Ivan Liska, der jetzt der Premiere im Publikum beiwohnte, schließlich über ausreichend Charisma, um das emotionale Wechselbad des erlösungsbedürftigen Helden glaubhaft zu machen. Die Entwicklung vom tumb durchs Leben tapsenden großen Kind mit allzu vielen Muskeln, über den sich überschätzenden Aufschneider und Hochstapler bis zum graumausigen Jedermann ohne Eigenschaften macht Carsten Jung in großer Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit deutlich. Ein bewundernswertes Rollendebüt.

Alina Cojocaru verzaubert als extra sensible Seelentänzerin

Seine Solveig, einst von Gigi Hyatt aus der Taufe gehoben, verleiht nun Alina Cojocaru neues Bühnenleben. Rein figürlich der legendären Hamburger Rollenvorgängerin in ihrer Zierlichkeit durchaus ähnlich setzt die Rumänin und Londoner Primaballerina gleichwohl sehr eigene Akzente. Da ist diese ganz persönliche Mischung aus einer extra sensiblen Seelentänzerin, die der hingebungsvollen Seite der Solveig berührend nachgeht, und einem Menschen voller unermesslicher Stärke und stillem Selbstbewusstsein, durch das die Tänzerin die unerschütterliche Gewissheit beglaubigt, dass diese Liebe auch nach dem fast vertanen Leben des geliebten Herumtreibers noch eine Chance und tatsächlich eine Zukunft hat. Auch ihre Wandlung und Reifung von der anmutig spitzentanzend trippelnden mädchenhaften Verspieltheit des Anfangs zur wahren wissenden Erlöserin des Finales füllt die Ausnahmetänzerin mit unglaublichem psychologischem Einfühlungsvermögen.

Finaler Pas de deux ist ein Taumel des Wiederfindens

Die erblindete Solveig findet schließlich ihren Peer traumwandlerisch in der Masse der anderen grauen Jedermänner. Sie entkleidet ihn seiner Einheitskluft. Da steht der Mann mit hochgezogenen Schultern hilflos und wie versteinert in der Gegend. Doch Solveig versteht, ihrem Peer das Fliegen zu lehren. Der Mann fällt zunächst um. Sie hilft ihm beim Aufstehen, aktiviert ihn erneut. Nun kann er seine Erlöserin seinerseits erheben. Ein herrlicher Taumel des Wiederfindens gewinnt jene erhabene Größe, wie sie einst im griechischen Drama der höchste Moment der Anagnoris markierte.

Alfred Schnittkes furiose Musik löst große Tanzkunst aus

Inspirationsquell zu einer Choreographie, die John Neumeier auf der himmlischen Höhe seiner Kunst zeigt, ist fraglos die fulminante Musik Alfred Schnittkes. Die magische Melange aus Mahlers Melancholie und der Verfremdungsenergie eines Schostakowitsch ergibt hier etwas neues Drittes, das nicht anders kann, als ganz große wahrhaftige Tanzkunst auszulösen.

Hamburgische Staatsoper

Neumeier: Peer Gynt

Ausführende: Markus Lehtinen (Leitung), John Neumeier (Choreographie), Jürgen Rose (Ausstattung), Carsten Jung, Alina Cojocaru, Anna Laudere, Carolin Augüero, Lloyd Riggins, Ensemble des Hamburg Ballett, Philharmoniker Hamburg

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *