Ballett-Kritik: Oper Leipzig – Die Märchen der Gebrüder Grimm

Harry Potter und der süße Brei

(Leipzig, 4.12.2015) Zitate, Satire, Applaus – Mario Schröders Revue einer Märchenwelt mit Regenbogen

© Ida Zenna

Pechmarie (Madoka Ishikawa), Goldmarie (Sarah Hochster)

Das Ballett-Corps in der Oper Leipzig schöpft aus dem Vollen und taucht ein in den Kosmos der Gebrüder Grimm. Damit liegt es voll im Trend nach „Grimm 2013“ und der Flut von Fantasy-Epen seit 2012. Die 40 Tänzerinnen und Tänzer, 14 Mädchen und fünf Jungen der Musikschule „Johann Sebastian Bach“ – auch sie in tänzerischen Aufgaben – wuchsen gemeinsam mit der glänzend disponierten Formation des Gewandhausorchesters über diese Trends hinaus. Eigentlich ist das Ballett für Kinder schon ab sechs Jahren bestens unterhaltsam (die Oper Leipzig empfiehlt Ü8).

Der mit Pause zweistündige Abend bietet für jede Altersgruppe vieles: Abwechslungsreichtum und Wiedererkennbarkeit für die Kleinen, dramaturgisch gekonnte Analogien und Sprüche für die Heranwachsenden, Opulenz und Raterunden aus dem klassischen Repertoire für die Ballettomanen alter Schule und Tanztheater-Keckheiten für Trendsetter.

Der neue Kapellmeister Christoph Gedschold lieferte eine glänzende Visitenkarte. Er macht das Potpourri aus vielgehörten und -vertanzten Wunschkonzert-Preziosen mit ein paar eingestreuten Trouvaillen klingen, als sei es neu (z. B. immerhin Theodor W. Adornos Gigue Nr. 2 aus op.4). Die Musiker folgen ihm mal stillbewusst angeraut (der unvermeidliche Schostakowitsch-Walzer), dann wieder stimmdicht-edel mit samtenen Blech-Tiefen sogar in Mascagnis Cavalleria-Intermezzo. Also kein Ballett-Kitsch, ganz und gar nicht.

Märchen erklären sich hier auch ohne Worte

Eigentlich sind die Zwischentexte des barbarmassierenden und trendwortfletschenden Musikkabarettisten Michael Sens unnötig. In der Rolle gleich beider Gebrüder – Jacob und Wilhelm – liefert er als Conférencier das tagesaktuelle Sahnehäubchen und zieht das junge Publikum mit in ausgebleckten Bonmots („Tatort auf Papier“), Pumuckl-Reimen („verwanzt am Feuer tanzt“) und Trend-Camouflage auf Lagerfeld & Co. („tapferes Schneiderlein im ergrauten Design“). Bei Mario Schröder bleibt der pädagogische Zeigefinger unten – und das ist gut so. Der Ballettchef zeigt Ernst und Scherz. Und Ästhetik.

Die Bühne ist fast leer. Hänger in Weiß markieren Bäume, werden zu Dornröschens Hecke und zum Wald, Konturen dahinter als Schloss. Diese von Paul Zoller sparsam mit viel buntem Lichtzauber und Video belebte Bühne ist der Winterzauber-Rahmen für die sagenhaft bunten und dabei nie überfrachteten Kostüme von Andreas Auerbach. Walt-Disney-Zitate für Schneewittchen und Aschenputtel-Cinderella, Schwarz für alle Bösen wie die böse Dornröschen-Fee als Domina mit Gaucho-Gefolge und Rumpelstilzchens Feuerkopf gelangen zur Synthese ohne Kitsch.

Petipa-Collage und Walt Disney

Es wird richtig viel getanzt und gespielt in diesem Aufputz! Mindestens ebenso viel wie im großen Märchen-Divertissement des Petersburger Ballettzaren Marius Petipa in Tschaikowskis Dornröschen. Nur der kleine Däumling fehlt, dafür gibt es kurz vor Schluss einen Märchen-Mix mit Parade. Ein Höhepunkt ist der klassisch orientierte Pas-de-deux des Jägers und Schneewittchens mit variierten Rock’n‘Roll-Figuren und einer Dosis Rave. Da tanzte eher Schneewittchen unten. Und kurz darauf schwebt die böse Königin über dem Jäger am Boden – Weißer Schwan, Schwarzer Schwan… Doch Schröder muss nicht so weit gehen, dass er diese Assoziation dämonisiert wie Darren Aronofsky im Film Black Swan.

Rotkäppchen ähnelt ein bisschen der Kindfrau, die es in Neil Jordans Zeit der Wölfe endlich wissen will. Mit einem entscheidenden Unterschied: Grimms großer böser Wolf ist dort eher ein magnetischer Vampir, im Opernhaus Leipzig ein sympathischer Kavalier. Dieser Unterschied sagt fast alles. Zuschauer erspüren im eigenen Hirnkino die Abgründe hinter der glasklaren Ballett-Ästhetik, die Abgründe sind im Plan hinter Schröders schönen Bildern.

Batman sucht Robin

Es gibt witzige Pointen, wenn dem Bauch des Wolfs erst die sieben Geißlein und dann erst Rotkäppchen mit der Großmutter entsteigen. Die Fülle der erwachsenen und jugendlichen Tänzer macht’s möglich, dass es gleich mehrere junge Frauen der Königstochter nachtun: Sie klatschen die Männer-Frösche an’s Seitenportal der Bühne („Flatsch!“) – und sie werden doch keine Prinzen. Aschenputtel „verliert“ ihren Schuh absichtlich. Wenn der mit psychischer Blindheit geschlagene Prinz ihn ihr wieder anzieht, zeigt die Bühne in der Erde wurzelnde Baumstämme. Ein schönes Symbol für Gemeinschaft und verständlich ohne große Worte oder Sex-Metaphern.

In der Fülle dieser Bilder, Analogien, Transformationen gewinnt der Abend Tiefe unter der Märchen-Revue. Einzelne Namen zu listen wäre ungerecht: Also ein glückliches und fasziniertes Bravo dem ganzen Leipziger Ballett! Das ist Education der unaufdringlich-feinen Art – auch dann, wenn gegen Ende ein Harry Potter wie ein Münchner Kindl oder Zauberlehrling über dem süßen Brei schwebt, weil er das „Kennwort vergessen hat“. Und Batman am Ende seinen Robin in einem der Prinzen sucht. Obwohl der nicht will: Das Finale ist regenbogenbunt – in Deko und Message.

Oper Leipzig

Schröder: Die Märchen der Gebrüder Grimm

Christoph Gedschold (Musikalische Leitung), Mario Schröder (Choreografie), Paul Zoller (Bühne, Video), Andreas Auerbach (Kostüme), Matthias Wiedemann (Musikschulleiter „Johann Sebastian Bach“), Beate Gehrisch (Leiterin Fachbereich Tanz „Johann Sebastian Bach“), Cordula Ege (Pädagogin und Einstudierung der Kinder „Johann Sebastian Bach“), Leipziger Ballett, Michael Sens (Die Grimms), Kinder der Musikschule „Johann Sebastian Bach“, Gewandhausorchester

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