Tanztheater-Kritik: Kampnagel – Spirit

Herauswinden aus dem Ur-Ei

(Hamburg, 17.12.2014) Starchoreograph Sidi Larbi Cherkaoui gastiert mit der Göteborgsoperans Danskompani in Deutschland – und begeistert restlos

© Bengt Wanselius

Spirit – Metamorphosis

In den zeitgenössischen Tempeln des Tanztheaters – Hamburgs Kulturfabrik Kampnagel darf man getrost dazu zählen – das Gesehene in die sprachliche, geschweige denn inhaltliche Nähe zum klassischen „Ballett“ zu bringen, ist eigentlich strengstens verboten. So stellte der große, 2012 verstorbene Tanzkritiker und Journalist Horst Koegler schon vor über 20 Jahren fest, aus dem unversöhnlich ideologischen Grabenkämpfen erwachse „ein künstlich oktroyiertes Schisma zwischen Ballett und Tanztheater, wie es nirgends sonst so verbissen betrieben wurde wie hierzulande.“

Sidi Larbi Cherkaoui überwindet jede ideologische Dramaturgen-Dialektik

Die klassische Welt von Spitze und Tutus und das vom wahren Leben der Straße über den Hip-Hop zur Kunst erhobene Tanztheater durften zu lange so gar nichts miteinander tun haben. Doch zum Glück gibt es ein Choreographen-Genie, das sich über solch alt gewordene Dramaturgen-Dialektik purzelbaummunter hinwegsetzt: Der Mann heißt Sidi Larbi Cherkaoui. Manche Experten mutmaßen, er sei bereits der „begehrteste Choreograph der Welt“. Fest steht: Seine Grenzen sprengende Arbeit begeistert die Liebhaber von John Neumeier nicht weniger als die Jünger einer Pina Bausch oder die coolen Freunde des Breakdance.

Ein Ästhet durch und durch verhandelt universale Fragen

Ein beliebiges Potpourri der Stile sind seine wundervoll fließenden, seine gern archaisch kreisenden Bewegungen dabei mitnichten. Der Belgier mit marokkanischen Wurzeln ist ein Ästhet durch und durch. Seine berückend schönen Gruppenarrangements offenbaren seine Liebe für die Schönheit des menschlichen Körpers, die den famosen, hoch attraktiven Mitgliedern der international besetzten Danskompani aus Göteborg fürwahr zu eigen ist. In den körperbetont schicken Anzügen für die Herren und manch Kleinem Schwarzen für die Damen machen sie alle eine ausgeprägte Bella Figura. Sidi Larbi Cherkaoui führt die Tänzerinnen und Tänzer durch die White Box von Bühnenbildner Antona Gormley in formal enorm klaren Konstellationen von edler Abstraktion, kreiert gleichwohl das Ambiente einer Cocktailparty, in der freilich nichts gesellschaftlich Konkretes oder gar Kritisches, sondern überzeitlich Universales verhandelt wird.

Es herrscht das Gesetz magischer Kreise

Die live gesprochenen Texte wissen von organischen Netzwerksystemen, die der Natur abgeschaut auch der Technik ein Vorbild seien. Dementsprechend dienen gerade Linien und Formen im Mittelteil von Cherkaouis Noetic lediglich als episodisch eingeblendeter Kontrapunkt, zu dem seine Tänzer kurzerhand zu wild gestikulierenden Verkehrspolizisten mutieren. Sonst herrscht das höhere Gesetz magischer Kreise, die – als famos poetische wie starke Bildfindung – von den Tänzern aus zu Reifen gewundenen, sich beständig wandelnden Metallbändern gefertigt werden.

Saburo Teshigawara mit Techno-Tortur und Meditationsübung

 

Im zweiten Teil des Abends ist der Japaner Saburo Teshigawara in Metamorphosis dem gängigen Diskurs des Tanztheaters dann deutlich näher: Sein fulminantes Riesen-Crescendo zur enervierend hämmernden tieffrequenten musikalischen Techno-Tortur ist von sportiv lebenspraller Virtuosität – aber auch einer gewissen Beliebigkeit. Theatralisch ergiebiger ist da die meditative Exposition seiner Arbeit. Aus einem in den dunklen Raum rollenden Menschenknäuel entfalten sich zuckende Larven-Wesen – ein schmerzlicher Akt des Geborenwerdens, des sich Hinaus-Windens aus dem Ur-Ei?

Die fantastische Wandlungsfähigkeit der Danskompani aus Göteborg

Wohltuend musikfrei ist die folgende Szene: Das Ensemble liegt ruhig auf dem Boden, dann gibt ein Tänzer immer wieder den Impuls zu jeweils individuellen, ruckartigen, aufschreckenden Bewegungen: Improvisatorisch wirkende Momente der Emanzipation, der Transformation, der Metamorphose sind das, mit denen die tollen Tänzer aus Göteborg ihre fantastische Wandlungsfähigkeit und ihre umfassende Stilsicherheit beweisen. Adolphe Binder, die künstlerische Leiterin der Göteborger, kann stolz sein auf ihr Konzept der riskanten Vielseitigkeit.

Kampnagel

Cherkaoui / Teshigawara: Spirit – Noetic und Metamorphosis

Ausführende: Sidi Larbi Cherkaoui (Choreographie) / Saburo Teshigawara (Choreographie, Bühne, Kostüme), Antony Gormley (Bühne Noetic), Les Hommes (Kostüme Noetic), Adolphe Binder (Dramaturgie Noetic)

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