Tanztheater-Kritik: Staatstheater Kassel – DOG | science! fiction! now!

Im Tanz erfüllte Gegenwart

(Kassel, 22.11.2014) Starchoreograph Hofesh Shechter und Hausherr Johannes Wieland kreieren einen überwältigend energetischen Doppelabend

© N. Klinger

science! fiction! now! Isadora Wolfe, Ensemble

Lassen sich in der klassischen Spielfilmlänge von 90 dicht gedrängten, schnell geschnittenen Minuten erste und letzte Fragen des Menschseins in erschöpfender Vielfalt tänzerisch verhandeln? Kassels Tanzchef Johannes Wieland und Weltstar Hofesh Shechter haben sich für ihren Doppelabend sehr viel vorgenommen und in fesselnden Sequenzen vom Anfang und Ende der Evolution, vom Hineingeworfen-Sein ins Leben, vom Graben im Humus der Vergangenheit und dem Hineinträumen in die Zukunft erzählt.

Trotz zweier sehr unterschiedlicher Handschriften spannen die beiden Choreographen – konzeptionell von Tanztheater-Dramaturg Thorsten Teubl beziehungsreich unter einem Hut verwoben –  also einen durchaus riesigen Bogen, überspannen dabei freilich nichts mit zu viel intellektuellem Überbau, sondern vertrauen der Elementarkraft des Tanzes, der seit seiner Entstehung in den archaischen Zeiten des Menschseins nunmal von den Urfragen lebt: von Geburt und Tod, Erotik, Fruchtbarkeit und Sexualität, Heilung und Krankheit, Festlichkeit und Einsamkeit, Zuversicht und Angst.

Tanz pur: energetisch elementar

So sehr zeitgenössisch-heutig und abseits dessen, was man in den Metropolen der Tradition „Ballett“ nennt, die beiden tänzerischen Sprachen auch sein mögen, so sehr sind sie doch auch Tanz pur: energetisch elementar eben. Der erste Teil, verantwortet von Johannes Wieland, scheint der Gegenwart auf den ersten Blick noch deutlicher verpflichtet als Shechters furioses Finale. Zu Beginn vollziehen mehrere Individuen einzeln die Aneignung des Raums in der Zeit. Schlaglichter lenken den Fokus auf sie – so den einsam weinenden Mann. Menschen ganz ohne heldische Herausgehobenheit sind das, junge Leute mit Lebenshunger, darunter Mädels im Blümchenkleid und Jungs in einiger Unsicherheit, die sie, leicht durchschaubar, hinter Macho-Präpotenz zu verstecken suchen. Aus deren Vereinzelung erwächst alsbald Zweisamkeit. In einem langen Crescendo eines nicht gerade originell hämmernden Techno finden sich die Paare zu Gruppen zusammen. Tänzerisch geht es energetisch, heutig und sexualisiert zur Sache. Nach den Techno-Rhythmen wird’s auch mal balladensoft – da darf’s dann nach manch heteroheftigen schon mal ein lesbisch süßes Küsschen sein.

Sportiver Selbstzweck und Schau-Genuss

Johannes Wielands Eröffnungsstück Science! Fiction! Now! ist immer dann besonders stark, wo sich aus den Ensembles einzelne Tänzer lösen und sein Tanztheater sich darin zu genuin theatralischen Momenten verdichtet. Die Gruppenszenen sind indes der Video-Clip-Ästhetik der MTV- und Viva-Generation nicht fern – da verkommt das jugendliche Stürmen und Drängen dann auch mal zum sportiven Selbstzweck. Ein Schau-Genuss ist der Tanz selbst dann; die Kasseler Truppe, fernab vom Ballett-Drill etwa aus der Hipp-Hopp-Szene kommend, hat schließlich starke Typen voller lebenspraller Bodenhaftung zu bieten. Als am Ende eine brünette Schöne den Song „no … now“ am Mikro anstimmt, findet der Tanzchef sogar wieder zu so etwas wie einer Botschaft zurück: Weder im Stochern in der Vergangenheit noch im Warten auf Zukunftsglück liegt Lebenssinn, sondern im Hier und Jetzt einer – zum Beispiel im Tanz – erfüllten Gegenwart.

Hofesh Shechters choreographische Mannigfaltigkeit und Meisterschaft

Mit einem sehr humorigen Verweis auf den Evolutionssprung, den wir den zur Kommunikation befähigten Delfinen zu danken haben, steigt Stargast Hofesh Shechter nach der Pause in sein DOG überschriebenes Stück ein, das von der ersten bis zur letzten Sekunde von der Meisterschaft des Israeli lebt. Das unglaublich vielschichtige Vokabular des Choreographen, das sich im tänzerischen Ausformulieren ständig immer noch weiter ausdifferenziert, ist von schier unerschöpflichem Reichtum. Man merkt alsbald gar nicht mehr, aus welchen Bewegungsquellen er hier Impulse eingesogen hat: Vom Volkstanz, über den Militärmarsch und Straßentanz bis hin zu klassischen Elementen speist sich seine choreographische Mannigfaltigkeit.

Zu Anfang sind es noch die witzigen, gewissermaßen dem Eingangszitat entsprungenen fischgleich gummibiegsamen Tier-Anverwandlungen der Tänzer, die sogleich für die fantastische Sogkraft von DOG sorgen. Bald aber ist im vollendeten Ganzen eines Archaik und Avantgarde in Eins setzenden Tanzes auch die Frage nach Form und Inhalt aufgehoben – zugunsten eines magischen Erlebens der elementaren Wucht des Tanzes. Das Sich-Anziehen und Abstoßen, Ektase und Zurücknahme, Aggression und Zärtlichkeit werden hier fulminant Ereignis. Und der selbstbewusste Mut des Hausherrn, einen der international prominentesten Kollegen einzuladen, zahlt sich in aus. Bloß keine Monokultur! Die wäre Stillstand, nicht zuletzt für die Entwicklung des tollen Kasseler Ensembles.

Staatstheater Kassel

Shechter/Wieland: DOG | Science! Fiction! Now!

Ausführende: Hofesh Shechter/ Johannes Wieland (Choreographie), Matthieu Wolfgng Götz (Bühne), Evelyn Schönwald (Kostüme), Thorsten Teubl (Dramaturgie), Laja Field, Gotaute Kalmataviciute, Isadora Wolfe, Rémi Benard, Ann-Christin Zimmermann, Ákos Dózsa, Martin Durov, Victor Adrian Marinus Andreas Rottier, Shafiki Sseggayi

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