Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – Vasco da Gama

Liebesschwüre in Orange

(Berlin, 4.10.2015) Der groß angelegte Meyerbeer-Zyklus geht zwiespältig an den szenischen Start

© Bettina Stöß

Die Proben wurden überrollt von der Realität, die eine Stellungnahme des Regieteams gleichsam erzwang. Schließlich stellt Giacomo Meyerbeer die Flüchtlingsfrage – im sehr groß gedachten Rahmen der Historienbilder malenden Grande Opéra. Die wartet zwar mit nicht immer zwingend logisch aneinandergereihten Tableaus auf, stellt aber dennoch durchaus vielschichtig das Aufeinanderprallen der Kulturen und Religionen auf die Bühne. Der Berliner Wahlfranzose thematisiert Fanatismus und Kolonialismus, Sklaverei und totbringende Schifffahrten, erzählt von der unmöglichen Liebe einer indischen Königin zum europäischen Entdecker und Eroberer Vasco da Gama. Und deutet im Finale eine Versöhnungsgeste an, die Regisseurin Vera Nemirova denn auch klug nutzt für ein starkes Schlussbild einer visionär bunten Kultur der Kulturen. Das hätte auch der Kanzlerin gefallen.

Nur der Tenorhit ist weltberühmt

Meyerbeers letzte Oper kommt in Berlin in ihrer nur um einige Balletteinlagen gekürzten Urfassung heraus  – als Vasco de Gama und nicht Regionen und Handlungsstränge verfälschend als Die Afrikanerin, so der Titel, unter dem die Oper seit 1865 von Paris aus ihren Siegeszug antrat – übrigens ohne den Komponisten, der ein Jahr zuvor gestorben war. Heute ist, nach der vielbeachteten, glückvollen und auf CD festgehaltenen Ausgrabung und eigentlichen Uraufführung des nicht vollendeten Originals durch das Theater Chemnitz, eigentlich nur die schwärmerische, von der Faszination durch das Fremde durchdrungene Tenorarie des Vasco da Gama bekannt: O, Paradis ist weltberühmt und ziert so manches Galakonzert.

Startenor Roberto Alagna debütiert in der Titelpartie

Naheliegend also die Entscheidung der Deutschen Oper, die Titelpartie mit einem veritablen Tenorstar zu besetzen. Roberto Alagna debütierte als Vasco da Gama. Zwar indisponiert, doch mit so tollkühn schonungslosem Totaleinsatz, bestrickendem Timbre und raumgreifenden Charme und Charisma, das man ihm die paar Intonationstrübungen just in seinem Arienschmankerl gern verzieh. Darstellerisch gibt er im revoluzzerhaften Che Guevara-Outfit den gleichermaßen von einer großen Aufgabe beseelten wie überheblich präpotenten Helden-Rebell, der von der eigenen Unsterblichkeit träumt: Die Rolle passt perfekt zu Alagna, an stimmlich guten Tagen müssen seine Aufritte in dieser Partie sensationell sein.

Baritonkollege Markus Brück stiehlt dem Tenor die Show

 

Bei der Premiere aber stahl ihm sein Baritonkollege Markus Brück die Show, der mit dem seiner Königin devot dienenden und doch heimlich in sie verliebten Nelusco sogar die spannendere Figur zeichnen darf. Er hegt wie ein später eifersüchtig rachelüsterner Osmin Mordsgelüste an seinem Nebenbuhler Vasco und will die portugiesische Flotte intrigant in den Untergang treiben, gewinnt gleichzeitig Sympathien als tragisch Liebender. Mit der schönsten Stimme des Abends und unerhörtem Differenzierungsvermögen zwischen Balsam und Attacke gewinnt Brück die Herzen des Publikums wie kein anderer Sänger der Produktion.

Sophie Koch gibt die Königin der Herzen

Ihm fast ebenbürtig, nur in den vokalen Farbschattierungen zurückhaltender  ist Sophie Koch als Königin Selica. Ihr azurblauer, etwas kühler Mezzo hat Hoheit und geht zu Herzen, gerade weil sie nicht auf die Tränendrüse der von Vasco schnöde verlassenen Frau aus fremdem Land setzt, sondern in Selbstbestimmtheit ihren weisen Weg geht. Dass Vasco am Ende seine Jugendliebe Ines kriegt, folgt gesellschaftlicher Logik, an Nino Machaidzes Gesang kann es nicht gelegen haben. Denn statt mit mädchenhafter Sopranlyrik und der Feinheit eines späten Belcanto wartet sie mit viel Volumen und Vibrato auf.

Dem Orchester fehlen Raffinesse und Parfüm

 

Während der viel geforderte Chor seinen Ausnahmerang in all seinen prachtvollen Szenen bestätigt, fehlt dem effektsicheren Dirigat von Enrique Mazzola denn doch die Raffinesse. Wo Meyerbeers Musik packend ist und mitreißende Melodik bietet, reicht dieser Zugriff. Wo die Komposition indes nur handwerklich gut gemacht wirkt – und solche Passagen gibt es nun mal auch – fehlt es an Parfüm, an Intensität, an Dringlichkeit.

Die Regie betont die Moraldiktatur des Religiösen

Wenn am Ende dennoch ausgerechnet Vera Nemirova die Buhs einstecken musste, spiegelt das nicht den Respekt wider, mit dem sie dem schwierigen Werk begegnet. Sie nimmt es ernst, erstaunlich ernst. Dem Kitsch einer exotischen Erotik in den Indienakten gibt sie mit einem in orangene Blütenblätter getauchten Bett ordentlich Zucker. In ihm dürfen sich Selica und Vasco, beschwipst von einem einheimischen Liebestrank, wenigstens einmal der Illusion einer Beziehung hingeben. Dafür, dass das Werk die Frage religiöser Bindungen und daraus erwachsender Handlungsmotive eher holzschnittig stellt, kann die Regisseurin nichts. Sie zeigt so einfühlsam wie möglich und so deutlich wie nötig, dass beide Systeme, das europäische wie das östliche, sich einer Moraldiktatur des Religiösen unterwerfen, die letzten Endes Gewalt legitimiert.

Deutsche Oper Berlin

Meyerbeer: Vasco da Gama

Enrique Mazzola (Leitung), Vera Nemirova (Inszenierung), Jens Kilian (Bühne), Marie-Thérèse Jossen (Kostüme), Roberto Alagna, Nino Machaidze, Sophie Koch, Markus Brück, Seth Carico, Andrew Harris Clemens Bieber, Dong-Hwan Lee, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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