Opern-Kritik: Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf – Aida

Liebestod ohne Ägyptenkitsch

(Düsseldorf, 28.11.2014) Philipp Himmelmann verlegt Verdis Aida klug aus dem Alten Ägypten ins Italien des 19. Jahrhunderts

© Matthias Jung

Morenike Fadayomi (Aida)

Sie dürfen nicht und würden so gern: Aida, die schwarze Hausangestellte in diesem hochherrschaftlichen Salon des 19. Jahrhunderts, und Radamès, der noch ledige Juniorchef, für den seine Familie natürlich längst eine standesgemäße Braut, die Principessa Amneris, ausgesucht hat. Als Radamès in die teure unheil’ge Halle tritt, wo Aida gerade die garantiert staubfreien Polstermöbel entstaubt, da treffen sich ihre heimlichen Blicke – und die sprechen Bände: von einer alle Grenzen sprengenden Glut der Liebe.

Über dem hier sicher nie gespielten alten Bechstein-Flügel recken die beiden sich die Hände entgegen. Vor der sauschweren Arie des Radamès, in der er seine „göttliche Aida“ hier direkt im Angesicht der Angebeteten preist, gibt es einen leidenschaftlichen Kuss. Nur Minuten später tönt dann zum ersten Mal des Chores Begeisterungsruf „Guerra!“. Mit ihm sollen die Mannen des Radamès gegen das feindliche Heer von Aidas Vater in die Schlacht ziehen sollen. Ausgerechnet ihr Geliebter wird zum Feldherrn auserkoren.

Private Passion vs. politische Pflicht

Wunderbar präzise, mit feinen kleinen Gesten, exponiert Philipp Himmelmann zu Beginn seiner Aida-Inszenierung Verdis so oft variiertes Leidens- und Leitmotiv: Private Passion und politische Pflicht beißen sich – mit aller Härte eines psychologisch durchdrungenen Musiktheater-Realismus. Letzteren schärft der kluge Berliner Don Carlo-Regisseur, indem er dieser Aida allen exotikkitschigen Ägyptenprunk nimmt und die Handlung in die Entstehungszeit der Oper verlegt. Der bei Verdi, Wagner, Strauss & Co. immer wieder gern genommene und wahrlich nicht immer erhellende Ansatz geht hier hervorragend auf, ohne dass den Figuren durch die Behauptung historisch eindeutiger Gleichsetzungen Gewalt angetan würde.

Klar: Die ägyptischen Priester sind – Verdis ausgeprägter Ekel vor der Enge und Anmaßung seiner Kirche legitimiert diese Entscheidung – katholische Würdenträger, die nur zu gern mit den ultraschick gewandeten kichernden Damen des Chores flirten, und den Waffengang, der alsbald seine Opfer fordert, segnen. Die herbeigeschleppten Särge im Triumphmarsch sehen dann für sich genommen nach einer ziemlich verblichenen Regietheater-Konvention aus; Himmelmann inszeniert hier freilich geschickt und assoziationsreich, ohne jeden Holzhammer eine doppelbödige Gesellschaftanalyse. Die gleichsam sexuelle Lust des Tötens versinnbildlicht die toll tanzende Tempelsängerin (Eva Bodorová): eine ekstatisch Trauernde, die sich auf einem der Särge mit einem Gefallenen zu vereinen glaubt.

Präzise Personenregie wie weiland bei Kupfer und Konwitschny

Das Beglückende an dieser Inszenierung aber sind gar nicht die pompösen Massenszenen, die Gesine Völlm mit tollen Roben und Johannes Leiacker mit seiner imposanten schrägen Bühne ausgestattet haben; es ist vielmehr Philipp Himmelmanns unaufgeregte, ganz genaue Personenregie, mit der er an die, wie es zuletzt schien, lange vergangenen Zeiten der großen alten Meister Kupfer oder Konwitschny anknüpft. Das Duett der beiden konkurrierenden Damen – ein packender Showdown. Die Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter – ein böses Beispiel familiärer Gewalt, die in Amonasros einer Vergewaltigung nahekommendem Satz gipfelt: „Du bist nicht meine Tochter, die Sklavin der Pharaonen bist Du!“

Die Begegnungen der Liebenden – ausgefeilte, durch alle Höhe und Tiefen gehende Szenen einer unmöglichen Beziehung, die geradewegs zum gemeinsamen Liebestod führt. Verdi und Wagner sind sich zwar nie begegnet, und doch gibt es da jenes heimliche Band, das die beiden Giganten der Oper des 19. Jahrhunderts eint: eben die romantische Vorstellung einer alle Grenzen transzendierenden Liebe.

Starke Sängerdarsteller machen die Krise des Verdigesangs nicht vergessen

Himmelmann hat mit starken Sängerdarstellern gearbeitet, allen voran Morenike Fadayomi, die als Aida das Schicksal all jener geschundenen, gedemütigten und dennoch mutigen heimatlosen Frauen mitschwingen lässt, die es von den Zeiten der Pharaonen bis heute gegeben haben mag. Gesanglich kann aber auch sie die Krise des Verdigesangs nicht vergessen machen. Zwar niemals spintospitz und durchaus mit manch schönen Piani, aber zu oft mit unklaren Konsonanten, qualligem Forte und kehliger Tongebung führt sie ein im Ganzen dann doch nur durchschnittliches Ensemble an, dem die an Wagner geschulte Amneris von Susan MacLean, der souverän durchschlagskräftige Amonasro des Boris Statsenko und der ungewöhnlich differenzierende, die Klippen der Partie klug umschiffende, schon etwas reife Radamès des Sergej Khomov neben den vorzüglich profunden Bässen Thorsten Grümbel (König) und Andrian Sâmpetrean (Ramfis) angehören. Generalmusikdirektor Axel Kober hat die Düsseldorfer Symphoniker zu einem Verdi-Orchester der fein ausgehörten, pastellschattierten Farben erzogen, auch wenn er der Triumphmarsch-Knalligkeit mitunter zuungunsten der Sänger ihren Lauf ließ.

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf

Verdi: Aida

Ausführende: Axel Kober (Leitung), Philipp Himmelmann (Inszenierung), Johannes Leiacker (Bühne), Gesine Völlm (Kostüme), Morenike Fadayomi, Susan Maclean, Sergej Khomov, Boris Statsenko, Thorsten Grümbel, Andrian Sâmpetrean, Eva Bodorová, Düsseldorfer Symphoniker

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *