Verdi: Aida

(UA Kairo 1871)

Wenn die ersten Takte der Aida-Melodie in gedämpften Violinen erklingen, sehen wir ein Gesicht vor uns: zwei lang gezogene Augenbrauen – die eine stolz, die andere sanft, die Gegenbewegung wirkt wie ein gradliniger, tief atmender Nasenrücken, die Kadenz wie geschwungene Lippen – sinnlich und schmerzvoll bebend.

Legenden ranken um diese Oper – wahr ist: Aida  war zur Eröffnung des Suezkanals 1869 im gleichzeitig erbauten Opernhaus Kairo gedacht. Doch Verdi ließ sich nicht drängen – und man spielte Rigoletto. Erst 1870 kam es zum Vertrag. Er enthielt die bisher höchste Summe für einen Kompositionsauftrag: 150.000 Francs. Die Uraufführung verzögerte sich, da im deutsch-französischen Krieg 1870/71 die Dekorationen im belagerten Paris eingeschlossen waren – „maledetti Goti!“ kommentierte Verdi, „verdammte Goten!“

Der Dramatiker Antonio Ghislanzoni schrieb das Libretto sozusagen unter den Augen Verdis und nach dessen detaillierten Wünschen für parole sceniche (Bühnensprache). Verdi reiste nach Ägypten und ließ sich von der Sonne und den Pyramiden zu glühender Melodik und exotischer Harmonik inspirieren. Auf Darstellungen in den Königsgräbern sah er langhalsige Blasinstrumente, die er in Mailand nachbauen ließ: die Aida-Trompeten.

Zwei Frauen – die Pharaonentochter Amneris, und die in Ägypten gefangen gehaltene äthiopische Königstochter Aida kämpfen um die Liebe des Feldherrn Radames. Dieser kehrt als Sieger vom Kampf gegen die Äthiopier heim, aber sein Herz schlägt für Aida. Dem inneren Verrat folgt der äußere, er wird verurteilt und lebendig eingemauert. Aida stirbt mit ihm – sie hatte sich in der Grabkammer verborgen. Über dem geschlossenen Stein trauert Amneris und in der Ferne rufen die Priester – mit dieser Simultanszene endet die Oper: „O Erde, lebe wohl, du Tal der Tränen.“

Ergreifende Arien, dramatische Ensembles, mystische Tempelgesänge, grandiose Massenszenen mit Triumphmarsch und Ballett, reiches Orchesterkolorit mit ausdrucksvollen Soli vom Kontrabass bis zur Flöte – Aida ist Musikdrama und große Oper in einzigartiger Steigerung.

Verdi war bei der Premiere nicht anwesend. Aber er dirigierte Aida überall in Italien vor ausverkauften Häusern, um die von Krisen geschüttelten Theater zu unterstützen. Er selbst geriet nach dem Aida-Triumph in eine Krise – stand er nicht auch zwischen zwei Frauen? Wurde er nicht von der Presse als von Wagner beeinflusst des Verrates beschuldigt? Lebte er nicht in Sant’Agatha wie eingemauert? Einen begonnenen Lear gab er auf. Bis zu Otello sollten fünfzehn Jahre vergehen. Mit dem Requiem versuchte er, seine innere Krise zu bewältigen.

(Mathias Husmann)

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