Opern-Kritik: Deutsche Oper Berlin – Aida

Verdi-Verwurstung am Küchentisch

(Berlin, 22.11.2015) Benedikt von Peter hinterlässt ein szenisches Desaster

© Marcus Lieberenz

Es war einmal ein Held: ein junger Mann, der vom König seines Landes dazu auserkoren wird, den Kampf gegen das feindliche Nachbarvolk anzuführen. Davon träumt er gleich zu Beginn der Oper. Dummerweise träumt unser Held aber auch von der Liebe zu einer höheren Tochter aus Feindesland. Politische Ambition und privates Sehnen werden sich folglich niemals versöhnen lassen. Die beiden sterben, eingemauert in ein Grab, den Liebestod. Hätte unser Held Radames also mal lieber die heimische Prinzessin Amneris genommen. Die wollte ihn nämlich auch und hätte ihm sicher ein sorgenfreies Heldenleben beschert und für stets glänzend geputzte Stiefel und frisch gestärkte Hemden gesorgt. Doch die Geschichte einer gutbürgerlich langweiligen Ehe hätte natürlich niemals zur Story für eines der größten Musiktheater-Meisterwerke aus der Feder Verdis getaugt. Ohne Utopie, und möge sie auch gar herzerwärmend scheitern, geht in der Oper der Romantik eben gar nichts.

Wie der Regisseur die Titelfigur aus dem Stück operiert

In Berlin interessiert sich der Regisseur freilich ausgerechnet für die einzige Beziehung, die in dieser ach so bösen Realität eine echte Chance hätte – jene zwischen Feldherr Radames und Prinzessin Amneris. An utopische Liebespaare vom Kaliber „Tristan und Isolde“, die sich erst im Tode auf ewig vereinen, glaubt doch heute eh keiner mehr, glaubt der Regisseur. Folglich schneidet er die Titelfigur – ja wirklich: Aida! – aus dieser Aida in einer gewagten Operation einfach heraus. Will heißen: Benedikt von Peter degradiert Aida zur bloßen Projektion des Helden. Sein Radames schleppt das weiße Brautkleid seiner imaginierten Liebe mit sich herum, bis sein Traumgespinst – die Partitur verlangt es nun einmal so – dann auch mal etwas zu singen hat. Auch jetzt schmachtet er aber am liebsten seinen Fetisch an, die echte und damit auch die singende Aida gibt’s ja eigentlich nur in seinem Kopf. Unser Held ist hier womöglich eine Art Künstler, ein zutiefst deprimierter jedenfalls.

Soap opera-Peinlichkeit statt Grande Opera-Pomp

Das mag ja alles clever gedacht sein. Und es liest sich im Programmheft mit der durchaus gewagten biographischen Parallele zum konfliktreichen Dreiecksbeziehungen zuneigenden Komponisten Verdi auch immerhin interessant: Nur diese Idee fixe Idee entfaltet leider so gar keine theatralische Glaubwürdigkeit. Immerhin: Benedikt von Peter will die Geschichte reduzieren auf die allzu menschliche Grundsituation „Mann und Frau am Küchentisch“. Statt Triumphmarsch-Pomp der Grand Opera gibt’s Radames und Amneris als privaten Kleinkrieg der Soap Opera. Verdis große Oper auf Kammerspiel einzudampfen, ist weder neu noch unbedingt falsch. Darf man das wirklich? Ja, man darf, wenn man kann. Aber Benedikt von Peter kann es nicht. Wenn er könnte, würde er davon erzählen, wer dieser schmerzlich hoffnungslose Held, dieser von Ängsten gepeinigte heimliche Träumer im Jedermann-Pullover denn wohl ist. Der Regisseur würde eine Geschichte erfinden von einer bodenständig bösen, gar nicht desperaten Hausfrau, die ihrem Jammerlappen-Herrn Zukünftigen nach allen Regeln der Weibeskunst unterjocht und ihm seine romantische Schwärmerei auszutreiben sucht.

Radames als ängstlicher Antiheld des postheroischen Zeitalters ist schrecklich uninteressant

 

Doch allzu viel fällt unserem Regisseur zu dieser möglichen Geschichte nicht ein. Mehrfach schmiert Amneris (Anna Smirnova mit grandioser Mezzowucht) ihrem unglücklichen Radames-Jedermann-Niemand (mit stets kultiviertem Forte: Alfred Kim) eine Stulle und schnibbelt ihm eine Scheibe Fleischwurst ab. Doch durch diese küchenpsychologische Verkleinerung großer Operngefühle bringt der Regisseur uns die Figuren mitnichten näher. Natürlich ist Radames als Behauptung eines exotischen Helden auch ein entsetzlicher Waschlappen, der uns wenig angeht. Doch diese Ausgeburt eines ängstlichen Antihelden des postheroischen Zeitalters ist leider noch uninteressanter als ein präpotenter Kämpfer mit Brustpanzer und Plastikschwert in einer handelsüblichen Arenaproduktion der Aida.

Die Inszenierung verkommt zum szenischen Konzert

 

Von Peters Verdi-Verwurstung am Küchentisch meidet Pathos und Pomp, verbannt die Chöre in Parkett und Logen, was ja alles in Ordnung ginge, würde er all seinem klugen Nicht-Wollen auch theatralisch triftige Gegenbilder beimischen. Doch die Nicht-Begegnungen und Fast-Begegnungen von Radames und Aida geraten szenisch hilflos. Ein Kollateralschaden des nicht aufgehenden Konzepts ist das Verschwinden von Aidas Vater Amonasro. Der grandios heldische Bariton von Markus Brück muss die bedeutendste Vater-Tochter-Auseinandersetzung der Operngeschichte als szenische Nullnummer aus dem Parkett singen, während Aida (Tatiana Serjan mit aufregend dunkler Sopranfarbe und berückenden Piani) auf der Bühne die in Konvention und Leiden erstarrte Diva geben muss. Hier verkommt die Inszenierung zum szenischen Konzert.

Surround-Sound und die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik

 

Positiv verstanden heißt das aber auch: In den besten Momenten des Abends entsteht ein instrumentales Theater, das allein durch die Macht der Musik überwältigt: Auf der Bühne nämlich und nicht im Graben ist das Orchester positioniert, das bestens sichtbar ist und dank eines ganz neuen Surround-Sounds für eine Verdi-Passion allererster Güte sorgt. So entfaltet sich eine Tragödie ganz aus dem Geiste der Musik. Andrea Battistoni am Pult lässt mit einer so ausgefeilt prallen, fantastisch zugespitzen und ausmusizierten Saftigkeit spielen, dass es eine Wonne ist, ihm zuzusehen und zuzuhören. Die Aufteilung von Chören und Instrumenten im Raum ist nie nur gut koordiniert, sie bietet ein Klang-Raum-Erlebnis von ganz eigener Qualität. Da werden wir gleichsam Teil der Musik, spielen quasi mit. Die Chöre singen famos, die Solisten exzellent, von der vielbeschworenen Krise des Verdi-Gesangs ist hier mal so gar nichts zu spüren. Von der Krise eines klugen Regisseurs, der so gern klüger wäre als der Komponist, umso mehr. Der kopiert sein früheres Erfolgsrezept der radikalen Reduktion, das in La Traviata noch verblüffend aufging, das beim Aufkochen in Aida indes nur mehr heiße Luft hinterlässt.

Deutsche Oper Berlin

Verdi: Aida

Andrea Battistoni (Leitung), Benedikt von Peter (Inszenierung), Katrin Wittig (Bühne), Lene Schwind (Kostüme), Anna Smirnova, Tatiana Serjan, Alfred Kim, Markus Brück, Ante Jerkunica, Simon Lim, Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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