Opern-Kritik: Musiktheater im Revier Gelsenkirchen – Albert Herring

Machtversessene Village-Society

(Gelsenkirchen, 4.5.2014) Der Dirigent und das Sängerensemble machen Brittens Albert Herring zu einem außergewöhnlichen Ereignis, leider nicht die Inszenierung

© Pedro Malinowski

Hongjae Lim (Albert)

Das Miniaturdorf mit Leuchtturm und Early-English-Kirche vorn rechts vor dem geschlossenen Vorhang scheint eine Erzählung aus der Vogelperspektive anzukündigen. Genau das macht der österreichische, von seiner Arbeit mit der bremer shakespeare company her bekannte Regisseur Thomas Weber-Schallauer indes nicht. Er verlässt sich ganz auf sein handwerkliches Geschick und die englische Exzentrik pittoresk ausbeutenden Kostüme von Martina Feldmann. Dieses Nicht-Interpretieren verschiebt die Akzente im Stück. Weg von der Plotterin, der sittenstrengen Lady Billows, die das Dorf unter ihrer sittenstrengen Fuchtel hat. Karen Fergurson singt und spielt kompetent, auch wenn ihr vokal die Monstrosität abgeht. Sie darf keine satirisch überspitzte, blaublütige Moral-Hexe sein, sondern ist als fast liebenswerte Exzentrikerin gezeichnet.

Zaghaftes Selbstporträt des Komponisten

So rückt, wie von selbst, der Titelheld tatsächlich ins Zentrum, von seinem ersten Auftritt an. Aus dem Struktur-Vakuum heraus gelingt Hongjae Lim mit angenehm nuanciert und zurückhaltend eingesetztem Tenor eine spannende Figur. Dieser Albert, der unter der Knute seiner Mutter steht, aus Mangel an „moralisch integren“ Mädchen gegen seinen Willen zum Maikönig gemacht wird, aus Versehen Schnaps trinkt, für eine Nacht auf Sauftour verschwindet und so desillusioniert wie gestärkt zurückkommt, ist ein echter Anti-Antiheld. Er möchte so gern dazu gehören und bleibt doch introvertierter, in sich selbst gefangener Rebell. Damit wird er nicht nur zu einem sanften Gegenbild zu Brittens Peter Grimes, sondern auch zu einem zaghaften Selbstporträt des Komponisten mit seiner dominanten Mutter, seinen dominanten Lehrern, seiner nur unter Schwierigkeiten ausgelebten Homosexualität, seiner lebenslang unterdrückten Pädophilie.

Klarer musikalischer Ausdruck

Das Ereignis dieses Abends im Musiktheater Gelsenkirchen sind die 12 Musiker und 13 Sänger, die in seltener Geschlossenheit miteinander musizieren. Die vielen Ensembles waren wohl selten so wach und entspannt zu hören. Der Zitatcharakter vieler Momente – von Siegfrieds Hornruf bis zu einem Lamento von Purcell – wird prägnant und unaufdringlich offengelegt. Alles hört man. Alles hat eine Bedeutung. Jedes Pianissimo-Zirpen der Geige, jedes sanfte Klavier-Arpeggio, jeder kleine Percussion-Witz.

Valteri Rauhalammi gräbt unerbittlich die gesellschaftskritischen Wurzeln dieser Partitur aus, entblößt die Machtversessenheit dieser Village-Society, ihre – vor allem geistige – Kinderlosigkeit. Auch wenn er Brittens Hoffnungen nachzeichnet, die sich, operngeschichtlich betrachtet höchst ungewöhnlich, auf die Integrationskraft fröhlicher, junger Menschen gründen, bleibt Rauhalammi klar im Ausdruck. Stets behält er einen Rest Strenge, streift nicht einmal Untiefen der Gefühligkeit. Die Sänger wissen sich auf Händen getragen und danken es mit Schönklang, Expressivität und fantastischem Timing. Man hört einander zu und artikuliert bestechend. Wer Schulenglisch kann, braucht keine Untertitel!

 

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Britten: Albert Herring

Ausführende: Valteri Rauhalammi (Leitung), Thomas Weber-Schallauer (Inszenierung), Britta Tönne (Bühne), Martina Feldmann (Kostüme), Hongjae Lim (Albert), Karen Fergurson (Lady Billows), Almuth Herbst (Florence Pike), Alfia Kamalova (Mrs. Wordsworth), Piotr Prochera (Mr. Gedge), William Saetre (Mr. Upfold), Dong-Won Seo (Mr. Budd), Michael Dahmen (Sid), Anke Sieloff (Nancy), Noriko Ogawa-Yatake (Mrs. Herring), Jasmin Dommen (Emmy), Betty Graces (Cis), Eva Nikolaus (Harry)

Termine: 04.05., 08.05., 10.05., 23.05., 25.05., 07.06. & 05.07.

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