Musical-Kritik: Operettenhaus Hamburg – Liebe stirbt nie – Phantom II

Meisterwerk? Machwerk!

(Hamburg, 15.10.2015) Zweiter Aufguss: Webbers Fortsetzung seines Welterfolgs Das Phantom der Oper gerät dünn

© Stage Entertainment

Andrew Lloyd Webber kennt sich aus in der Musikgeschichte. Vom gefühlsdichten Melos eines Giacomo Puccini, über den Operettenschmalz von Franz Lehár und die sanfte Schärfe eines Kurt Weill bis hin zum E-Gitarrenschnarrenden Rocksound weiß er genau, wo es sich lohnt, Rezepte fürs eigene Opus zu entlehnen. Nicht etwa, um sie eins zu eins in der eigenen Klangküche auszuprobieren oder gar mutig neu zu mixen. Seine Klangküche bedient sich bewährter Zutaten, um sie massentauglich zu verwässern, bis von der einstigen Substanz nur noch Rudimente übrig bleiben, die gleichwohl ihre Wirkung nicht verfehlen: In seinem Welterfolg Das Phantom der Oper war das Ergebnis dank einer guten Geschichte und einiger einprägsamer Tunes sehr wohl ein packendes.

Die Fortsetzung der Story aber ist so konstruiert wie dünn: Nach seiner Flucht aus den Katakomben der Pariser Opéra Garnier ist das entstellte Phantom nach Amerika gekommen. Dort betreibt der Komponist auf Coney Island das Varietétheater Phantasma. Noch immer sehnt sich der Maskenmann nach seiner großen Liebe Christine. Mit einer List lockt er die Sängerin mit ihrem Mann und Sohn in sein Theater, um ihr Herz endgültig für sich zu gewinnen. Alte Liebe rostet nicht. Oder: Liebe stirbt nie.

Kompositorische Substanz muss man mit der Lupe suchen

Immerhin zündend ist Christines gleichnamiges Lied im zweiten Akt, das dem Stück auch seinen Titel gibt. Das Puccini-Imitat darf Rachel Anne Moore vor entzückender Pfauen-Kulisse im ebensolchen Kleid aus plissierten Rüschen und stolzen 60 Metern Stoff mit ihrem hübschen Sopranstimmchen singen. Divengestik im Callas-Stil geben der Szene eine Spur Grandezza. Kompositorische Substanz sucht man ansonsten vergebens in diesem als neues Meisterwerk angekündigten Machwerk. Das Beste ist noch das stille, flötenumflorte Finale des Stücks, in dem die erschossene Christine in den Armen ihrer beiden Männer ihr Leben aushaucht: wenigstens ein Gänsehautmoment in der dürftigen Komposition.

„Startenor“ als Sänger des Phantoms

Gardar Thor Cortes, das neue Hamburger Phantom, ist durchaus auch als Opernsänger unterwegs. Sein angenehm timbrierter, in der Höhe hübscher lyrischer Tenor bietet freilich kaum Mehrwert gegenüber den Musicalstimmen von der Stange. Wenn er Piano singt, sind trotz der enormen Verstärkung wenig mehr als die Schlusskonsonanten einer Phrase zu hören. In der baritonalen Mittellage fehlen ihm die Farben, das Schillernde, das Verführerische. Dennoch hat der Isländer enormes Charisma, spielt ein viriles, selbstsicheres, die Szene beherrschendes Phantom.

Retten also wenigstens visuelle Einfälle die musikalische Substanzlosigkeit? Zwar bietet die Show durch das Setting des Jahrmarkts von Coney Island manch bunte Revueeinlagen mit Tänzern, Akrobaten, einer Liliputanerin oder einem Kuriositätenkabinett, doch außer willkommener Auflockerung als Divertissement bleibt auch hier wenig: Die Szenen fügen sich nicht dramaturgisch in die Geschichte ein. Nicht zuletzt auch musikalischer Lichtblick der Premiere ist Kim Benedikt als Christines Sohn Gustave: Mit lupenreinem Knabensopran bringt der Solist der Chorakademie Dortmund ein Moment des Authentischen ein. Riesenapplaus für den jüngsten Darsteller der Produktion.

Operettenhaus Hamburg
Webber: Liebe stirbt nie – Phantom II

Ausführende: Gardar Thor Cortes, Rachel Anne Moore, Yngve Gasoy-Romdal, Kim Benedikt, Bernhard Volk (Leitung)

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