Operetten-Kritik: Hamburgische Staatsoper – La belle Hélène

Mit viel Liebe zum Joint-Detail

(Hamburg, 20.9.2014) In der selbsternannten Musikmetropole treffen Renaud Doucet und André Barbe den Operetten-Nerv der Hanseaten

© Klaus Lefebvre

Jennifer Larmore (Hélène), Jun-Sang Han (Pâris)

Läppisches Vergnügen in der heimischen Staatsoper? Nein, das schätzt die Hamburger Presse gar nicht, und so geizen die Kollegen an der Elbe denn auch nicht mit spitzen Bemerkungen nach dem dortigen Saison-Auftakt. Was interessiert die Kritiker da schon, dass das hanseatische Publikum sich prächtig amüsierte, der Premieren-Beifall zuletzt selten so lang und ungetrübt anhielt: Wer das eigene Städtchen gern als Metropole von Weltrang sieht, dem kann eine Operette wie Offenbachs La belle Hélène zur Spielzeit-Eröffnung natürlich nicht genügen, zumal wenn diese in solch deftig-komödiantischer Inszenierung dahinwitzelt wie jetzt in der Hansestadt.

Antike Heldenschar auf dem Kreuzfahrtschiff garantiert doppel-eindeutiges Amüsement

Andererseits: Wenn’s das Publikum goutiert, muss das franko-kanadische Regie-Duo Renaud Doucet und André Barbe mit seinem Musiktheater-Ausflug an Bord des griechischen Luxusliners „Jupiter Stator“ wohl den Nerv der Hamburger getroffen haben. Kurzerhand haben sie die antike Heldenschar aus dem bourgeois ausgehöhlten Sparta auf ein Kreuzfahrtschiff verfrachtet und lassen nun in grell-bunten Kostümen die 60er- und 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts aufleben.

Mit viel Liebe zum Joint-Detail und zur Jimi Hendrix-Frisur, mit deftigen Sado-Maso-Nummern, wenn sich die schöne Helena unter der Leopardenfell-Decke ihrem Paris hingibt, und kleinen Aktualisierungen, wenn Angela Merkel eine Schubkarre voller Euros gen Athen rollt. Vor allem aber mit Tempo und reichlich doppel-eindeutigem Amüsement: Denn so wie Barbe in seinen Bühnenbildern und Kostümen zu poppig-einfallsreichen Höchstleistungen aufläuft, so hat Doucet mit den Solisten wie auch dem sängerisch und komödiantisch trefflich agierenden Chor höchst akribisch gearbeitet. Leerlauf und Rampengestehe gibt es an diesem Abend nicht, da greift ein Schritt in den anderen – und gelegentlich eben auch einer in den Schritt.

Gerrit Prießnitz entlockt Hamburgs Philharmonikern swingenden Offenbach-Klang

Übrigens durchaus auch musikalisch, denn Gerrit Prießnitz entlockt dem Philharmonischen Staatsorchester tatsächlich über weite Strecken einen swingenden, ja perlenden Offenbach-Klang. Dass es da zwischen Orchester und Sängern bei der Premiere gelegentlich noch hakte, ließ sich locker „überhören“, denn wann haben die Hamburger Philharmoniker zuletzt so pointiert im Rhythmischen, so elegant, bisweilen gar geschmeidig im Melodischen und ausbalanciert im klanglichen musiziert wie unter dem jungen Mann von der Wiener Volksoper? Die Herrenriege auf der Bühne ist zwar nicht göttlich, doch zumindest ordentlich irdisch besetzt, Jun-Sang Han bewältigt seine heikle Partie des Paris mit beweglichem Tenor – ohne dass dieser lüsterne Jüngling im Schäfer-Pelz indes Jennifer Larmores schöner Helena das Sing- und Spielwasser reichen könnte. Die Mezzosopranistin weiß einfach um die Lust der Liebe, kennt auch hintergründigen Witz und Selbstironie.

Dass die US-Amerikanerin mit letzterem an diesem Abend über weite Strecke allein auf dem boulevardesken Deck und von Offenbachs Gesellschaftssatire und scharadenhaften Antikenulk nichts mehr übrig bleibt, mag am Ende die Kritiker stören: Die Hanseaten haben sich prächtig amüsiert. Eben so wie das Publikum in jedem anderen mittelstädtischen Opernhaus.

Hamburgische Staatsoper

Offenbach: La belle Hélène

Ausführende: Gerrit Prießnitz (Leitung), Renaud Doucet (Inszenierung & Choreographie), André Barbe (Bühne & Kostüme), Jennifer Larmore, Jun-Sang Han, Peter Galliard, Viktor Rud, Rebecca Jo Loeb, Dovlet Nurgeldiyev, Philharmoniker Hamburg, Chor der Hamburgischen Staatsoper

Weitere Termine und Infos zur Staatsoper Hamburg finden Sie hier.

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