Ballett-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Tatjana

Neumeier, der Ästhet

(Hamburg, 29.6.2014) John Neumeier vertanzt Pushkins Versroman Eugen Onegin zur grässlichen Musik von Lera Auerbach neu

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Wer ein Handlungsballett choreographiert, braucht zunächst zweierlei Zutaten: eine Geschichte, die uns etwas angeht, und eine Musik, die zwingend Tanz auslöst. John Neumeier hat für seine jüngste Kreation, die anlässlich der 40. Hamburger Ballettwochen ihre Uraufführung feierte, gleich zwei gefährliche Entscheidungen gefällt. Denn ein neues Ballett nach Pushkins Versroman Eugen Onegin muss sich mit dem Klassiker von John Cranko messen lassen, der mit seinem Onegin anno 1965 eines der zentralen und meistgespielten Handlungsballette des 20. Jahrhunderts schuf. Tschaikowkys Oper zwingt zudem, dem Stoff mit den Mitteln des Tanzes dezidiert eigene Dimensionen zu erschließen.

Neumeier nennt seine Schöpfung Tatjana, weicht geschickt den Vergleichen aus und stellt die weibliche und reifste Figur der weltliterarischen Pushkin-Vorlage in den Fokus seiner Sichtweise. Die zweite Entscheidung betrifft die Wahl der Musik. Der Hamburger Ballett-Chef beauftragte mit Lera Auerbach eine russisch-stämmige Komponistin der Gegenwart, die er von seiner Zusammenarbeit an Die kleine Meerjungfrau kannte und schätzte. Der Amerikaner vertraute damit offensichtlich auf die Nähe der Neutönerin zum urrussischen Sujet. Pushkins Eugen Onegin saugen gebildete Russen schließlich gleichsam mit der Muttermilch ein.

Musikalisch zu plakativ

Auf Auerbach zu setzen, erwies sich freilich als fatale Wahl. Natürlich kennt sie jede Farbe und jeden Zwischenton des Textes. Ihre Vertonung krankt indes an der allzu plakativen Übersetzung der Worte in die Welt der Töne. Auerbach reiht Affekt-Klischees aneinander, als hätte sie es mit einer Schnulze aus Hollywood zu tun. Sie gibt sich gefühlsecht, komponiert aber eine glutamatklebrige Sehnsuchtssoße aus melancholischem Streichermelos und trompeten- und posaunenschwerem Schicksalsdröhnen, die sich über zweieinhalb Stunden über uns ergießt. Hier fehlt eine ehrliche eigene Musiksprache, hier fehlt zumal der Biss gegenüber dieser bösen guten Gesellschaft eines nur vorgeblich heilen Russlands. Natürlich werden hier und da die Sarkasmen eines Schostakowitsch bemüht, ohne aber je dessen Verfremdungs-Schärfe zu erreichen. Auerbach wirkt unberührt von der Erkenntnis und der Erfordernis, dass Kunst auch mal eines doppelten Bodens bedarf. Ihr buchstabengetreues Übersetzen beleidigt damit nicht nur das Original, es verhindert, dass an diesem Abend eine wirklich neue Sicht auf den großen alten Stoff entstehen könnte.

Die von Neumeiers stupender Compagnie, die er selbst in formidable Roben gesteckt hat, gezeigten Gesellschaftsszenen sind dann zwar mitsammen hübsch anzusehen, sie lockern den Abend episodisch filmschnittschnell auf, gewinnen im gern aseptischen Design-Schick aber kaum über das Dekorative hinausweisende Dimensionen von Ironie, Brechung, Kritik. John Neumeier ist und bleibt der große Ästhet des Tanzes, und das ist ja auch gut so. Doch dass diese vielschichtige, so bewegende Geschichte dann so wenig berührt, ist einfach schade.

Dabei hat der dramaturgische Kniff Neumeiers, sein Tatjana-Ballett als Wechselspiel von Traumsequenzen und Realität zu erzählen, an sich große Vorteile. Die an einem dämlichen Ehrbegriff zerbrechende und gar tödliche endende Männerfreundschaft von Onegin und Lenski und die große ungelebte Liebe von Tatjana und Onegin werden zwar ohne jeden Anflug von Gesellschaftskritik vertanzt, zumal die (alp)traumhaften Rückblenden und Vorausschauen verorten das Geschehen dafür immer wieder im Kopf der fantasiebegabten neuen Titelfigur.

Echte Gefühle im Stillen

Hélène Bouchet als anmutig graziles, leserattig somnambules, seiner selbst immer bewusster werdendes Wunderwesen rückt die Tatjana auf sehr behutsame Weise in den Mittelpunkt des ansonsten männlich dominierten Abends. Entzückender Gegenpol ist ihr mädchenhaft quirliges, sonnenstrahlendes Schwesterchen Olga (Leslie Heylmann). Intensive Charakterportraits bieten Edvin Revazov als sich vor lauter Langeweile polygam verausgabender, dauerblasser Glatzkopf Onegin, Alexandr Trusch als Olgas hier komponierender, sportiv kreativitätssprudelnder Dichterfreund und Sympathieträger Lenski und Carsten Jung als prachtvolles Mannsbild Prinz N., Tatjanas späterer Ehemann.

Die bewusst konventionellen Hebungen und Schrittfolgen im Pas de deux von Tatjana und ihrem Generalissimo Prinz N. nutzt Neumeier nicht zur Hinterfragung dieser Ehe, er offenbart vielmehr, dass die Beziehung dieses enorm schönen Paares durchaus von Wahrhaftigkeit und echten Gefühlen geprägt ist. Liebe, verzehrende Leidenschaft gar prägt demgegenüber freilich die finale Wiederbegegnung Tatjanas mit Onegin. Tatjanas Eingeständnis dieser Liebe zeigt Neumeier mit einem Kuss, der – ein wirklich bewegend starker Moment des Balletts – endlich einmal musikfrei praktiziert wird. Ein Mehr an solchen Generalpausen hätten der Wirkungsmacht der Geschichte nur gut getan.

Hamburgische Staatsoper

Auerbach / Neumeier: Tatjana

Ausführende: Simon Hewett (Leitung), John Neumeier (Choreographie, Inszenierung, Kostüme, Bühnenbild), Hélène Bouchet. Leslie Heylmann, Edvin Revazov, Carsten Jung,  Alexandr Trusch, Philharmoniker Hamburg

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