Vögel bedürfen eines Flughafens in etwa so nötig wie Fische eines Ankerplatzes für Schiffe. Doch wenn es schon an die Gründung und Errichtung eines Wolkenkuckucksheims geht, dann konsequent. Insoweit finden Menschen wie Hoffegut und Ratefreund auch in Lüften und unter Vögeln latente Bereitschaft zu den Airport noch übertrumpfender Hybris. Jedenfalls in Ersan Mondtags Sicht auf Walter Braunfels‘ Oper am Staatstheater Wiesbaden. Des Regisseurs, Bühnen- und Kostümbildners in Personalunion Perspektive dürfte in der hessischen Landeshauptstadt mit Blick auf die nahe Metropole Frankfurt und deren Großflughafen gewiss viel Zustimmung erfahren. So zeigt sich denn Braunfels‘ Oper in Wiesbaden zum Riesenspektakel aufgeplustert. Nur, dass Mondtags Vögeln außer Flügelansätzen auf den Schultern nichts anhaftet, was Ornithologen zufriedenstellen dürfte. Evolutionär sind diese Vögel entweder auf dem Weg zu Menschen oder haben gar Menschen zu Ahnen.

Einzig die Nachtigall durchschaut menschliche Machenschaften
Schon der Wartebereich des Flughafens für die vermeintlich oder tatsächlich bedeutenden Passagiere erreicht Palastdimensionen. Vogelgestaltige, Cirrus, Cumulus und Stratus durchstoßende Riesentürme formieren sich zur Skyline des Wolkenkuckucksheims. Der Einfall dürfte viel Effekt machen, wenn nicht Videodesigner Alexander Robin Pannier einer überständigen Ästhetik verhaftet wäre, die von jungen Leuten allenfalls mit einem Achselzucken bedacht würde. Vollends von gestern muten videografierter Flughafen und Flugbetrieb an. Arg Ähnliches zeigten Astrid Steiners schon damals leicht patiniert daherkommende Videos für Jörg Widmanns „Babylon“ zur Eröffnung der Maifestspiele 2022. Sei dem, wie ihm sei: Mondtag destilliert aus den die Vogelwelt heimsuchenden Wohlstandsbürgern Ratefreund und Hoffegut demagogisches Potential. Doch bedienen sich beide Volksverhetzer jeweils unterschiedlicher Taktiken.

Während Ratefreund den burschikosen Einpeitscher gibt, attachiert sich Hoffegut an die Vogelwelt, sonderlich die von ihm gleichermaßen begehrte wie einflussreiche Nachtigall. Während Staatschef Wiedehopf sich im kritischen, ihn schwächenden und manipulativen Einflüsterungen zugänglichen Stadium der Mauser befindet, durchschaut die Prominenteste unter den Singvögeln die Avancen des menschlichen Freiers. Sie verführt Hoffegut zum Konsum bewusstseinserweiternder Substanzen, die dem Lüstling die Horrorvision einer Armada von fleischfressenden Pflanzen bescheren. Dennoch scheitern beide Demagogen völlig untragisch, um – als wäre nichts gewesen – in die Menschenwelt zurückzukehren. Der Fragwürdigkeit des göttlichen Strafgerichts über das Wolkenkuckucksheim – der zum Katholizismus konvertierte Braunfels camouflierte den christlichen Vatergott nur fadenscheinig als „Zeus“ – ist letztlich nicht beizukommen, mag immer das Programmheft Gott und Natur nahezu synonym behandeln.
Stentortöne und Nachtigallenschlag
Musikalisch erwerben die Wiesbadener Meriten. Den Chor des Hauses motiviert Aymeric Catalano, sich vokal und spielerisch versiert ins turbulente Geschehen einzubringen. Paul Taubitz entlockt dem Hessischen Staatsorchester Opulenz und Finesse. Kapellmeister und Klangkörper kosten gleichermaßen impressionistisch ausgehörtes Vogelgezwitscher und monumentales Pathos aus. Richard Trey Smagur bietet für Hoffegut beinahe heldentenorale Attitüde auf. Dem Ratefreund verleiht Hovhannes Karapetyan durchschlagskräftigen Aplomb. Sam Park ist der eher charakterbaritonale Wiedehopf. Young Doo Park gibt einen ebenso balsamischen wie hochautoritativen Adler. Kostümlich Otto Dix‘ Porträt der Anita Berber entstiegen, betört Josefine Mindus mit koloraturgespicktem Nachtigallenschlag.
Staatstheater Wiesebaden
Braunfels: Die Vögel
Paul Taubitz (Leitung), Ersan Mondtag (Regie, Bühne & Kostüme), Josa Marx (Co-Kostümbild), Lorenz Stöger (Mitarbeit Bühne & Kostüme), Myriam Lifka (Choreografie), Alexander Robin Pannier (Videodesign), Henning Streck (Lichtdesign), Marcel Hahn (Licht), Aymeric Catalano (Chor), Richard Trey Smagur (Hoffegut), Hovhannes Karapetyan (Ratefreund), Young Doo Park (Stimme des Zeus & Adler), Jonathan Macker (Prometheus), Sam Park (Wiedhopf), Josefine Mindus (Nachtigall), Galina Benevich (Zaunschlüpfer), Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Termintipp
Fr., 27. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Braunfels: Die Vögel
Richard Trey Smagur (Hoffegut), Hovhannes Karapetyan (Ratefreund), Young Doo Park (Stimme des Zeus & Adler), Jonathan Macker (Prometheus), Sam Park (Wiedelhopf), Josefine Mindus (Nachtigall), Paul Taubitz (Leitung), Ersan Mondtag (Regie)
Termintipp
So., 29. März 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Braunfels: Die Vögel
Richard Trey Smagur (Hoffegut), Hovhannes Karapetyan (Ratefreund), Young Doo Park (Stimme des Zeus & Adler), Jonathan Macker (Prometheus), Sam Park (Wiedelhopf), Josefine Mindus (Nachtigall), Paul Taubitz (Leitung), Ersan Mondtag (Regie)
Termintipp
Sa., 11. April 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Braunfels: Die Vögel
Richard Trey Smagur (Hoffegut), Hovhannes Karapetyan (Ratefreund), Young Doo Park (Stimme des Zeus & Adler), Jonathan Macker (Prometheus), Sam Park (Wiedelhopf), Josefine Mindus (Nachtigall), Paul Taubitz (Leitung), Ersan Mondtag (Regie)
Termintipp
Do., 16. April 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Braunfels: Die Vögel
Richard Trey Smagur (Hoffegut), Hovhannes Karapetyan (Ratefreund), Young Doo Park (Stimme des Zeus & Adler), Jonathan Macker (Prometheus), Sam Park (Wiedelhopf), Josefine Mindus (Nachtigall), Paul Taubitz (Leitung), Ersan Mondtag (Regie)
Termintipp
So., 07. Juni 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Braunfels: Die Vögel
Richard Trey Smagur (Hoffegut), Hovhannes Karapetyan (Ratefreund), Young Doo Park (Stimme des Zeus & Adler), Jonathan Macker (Prometheus), Sam Park (Wiedelhopf), Josefine Mindus (Nachtigall), Paul Taubitz (Leitung), Ersan Mondtag (Regie)




