Opern-Kritik: Nationaltheater Mannheim – Ernani

Plumpes Plädoyer

(Mannheim, 25.2.2018) Erfolgsregisseurin Yona Kim fällt nur wenig Erhellendes zu Verdis Frühwerk ein

Ernani/Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Szenenbild aus "Ernani"

Giuseppe Verdis „Ernani“ am Nationaltheater Mannheim: Die Erwartungen an diese Produktion waren groß. Der stellvertretende GMD Benjamin Reimers hat hier vor kurzem eine rundum gelungene „Norma“ dirigiert, die Sängerin der Norma, Miriam Clark singt die weibliche Hauptrolle, gilt manchem Fachmann als ein Shootingstar unter den Sopranistinnen und ist beim Publikum äußerst beliebt. Und die Regisseurin des Abends, Yona Kim, hat von der Kammeroper Wien übers Staatstheater Braunschweig bis zu den Schwetzinger Festspielen in den letzten acht Jahren eine Reihe hoch ambitionierter und auch oft sehr gelungener Inszenierungen auf die Bühne gebracht.

Und nun das selten gespielte Frühwerk „Ernani“, eine Oper nach einem Roman Victor Hugos, dem damaligen Marktführer des historischen Kolportageromans. Die Geschichte um den Rebell Ernani und seine von noch zwei weiteren Figuren geliebte Elvira, abstruse Versprechungen und kaum nachvollziehbare Ehrversprechungen bietet reichlich Möglichkeit, die extremen Gefühle musikalisch vorzuführen.

Szenenbild aus "Ernani"

Ernani/Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Muss diese Ausgrabung wirklich sein?

Verdi lässt sich voll auf dieses Libretto ein und versucht, daraus Funken zu schlagen. Allein, es fällt ihm nicht viel ein. Seine musikalischen Wendungen sind oft stereotyp. Nicht selten merkt man, dass die eine oder andere musikalische Idee, derer es ohnehin nicht gerade viele gibt in diesem Werk, in späteren Stücken noch eine profiliertere Ausformung erfahren wird. Hier erweist sich der Verdi des „Ernani“ als ein suchender Komponist, der noch weit entfernt ist von der handwerklichen Meisterschaft späterer Jahre. Und seltsamerweise erscheint hier Verdis Erfindungsgeist nicht annähernd so ausgeprägt wie ein paar Jahre später. Da nützt es auch nur bedingt etwas, dass Reiners Dirigat als stil- und weitgehend effektsicher herüber kam, ohne allerdings die musikalischen Kontraste vollends auszureizen.

Reiners hatte das Nationaltheaterorchester gut präpariert und vor allem die Bläser prägnant eingesetzt, aber Italianitá konnte er seinen Musikern nicht recht vermitteln. Vor allem störte es, dass ein Teil des Ensembles keineswegs den Eindruck vermittelte, zu verstehen, was es da gerade sang. Sung Has von balsamischem Schönklang getragenen Silva konnte man so gut wie nie verstehen. Er sang fast nur Vokale mit der Folge, dass selbst ein Mindestmaß an Verständlichkeit des Textes nicht erreicht wurde. Has Verdi klang kaum anders als an anderen Tagen sein Wagner. Das ist dann doch ein Problem, denn die zu vermittelnde Emotion muss sich doch gerade beim Verdisänger durch die Einfärbung der Stimme vermitteln.

Szenenbild aus "Ernani"

Ernani/Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Sopranistin Miriam Clark – musikalisch überlegen

Zum Glück hatten Has sängerische Mitstreiter mehr Sinn für wahrhaftigen Operngesang im Sinne Verdis. Vor allem Irakli Kakhidze als Ernani und Evez Abdulla überzeugten in hohem Maße. Und zwar weniger wegen des Stimmklangs als stimmcharakterlich. Miriam Clarks Elvira hingegen gefiel vorwiegend wegen ihrer so ausgewogenen Stimme und ihrer technischen wie musikalischen Überlegenheit. In der stimmlichen Charakterisierung ihrer Figur hatte sie aber nicht das zu bieten, was von einer so angesehenen Künstlerin vielleicht zu erwarten gewesen wäre.

Szenische Verdopplung und banale Illustration des Textes

Szenenbild aus "Ernani"

Ernani/Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Und die Regie des Abends: Kim versuchte zu Recht erst gar nicht, die krude Pseudologik des Textes zu vermitteln. Vielmehr möchte sie die Ursachen der Emotionen jeder einzelnen Szene freilegen. Dies wiederum aber kann nur dann funktionieren, wenn die Affekte auch musikalisch und sängerisch vermittelt werden. Das klappt aber nur in wenigen Szenen. Ansonsten rettet sich Kim in szenische Verdopplung und banale Illustration des Textes. So platziert Kim im Bühnenhintergrund geschundene Kreaturen, wenn es im Text um Gewalt geht. Wie plump. Und zwei der um Elvira werbenden Männer tragen, na was wohl, fast die gleiche Kleidung und haben auch ähnliche Stimmen, nämlich Ernani und Don Carlo. Das macht ein Verstehen der Handlung nicht einfacher.

Eindrucksvolle Einzelbilder

Die hinten verspiegelte Bühne (Heike Scheele) wirkt beliebig, lediglich die Gruftszene wirkt optisch beeindruckend und stimmig. Da wird dann die nach vorne gekippte, verspiegelte Bühnenrückwand durch eine gigantische Grabplatte ersetzt. Wenn diese sich langsam absenkt, entsteht ein eindrucksvolles Bild, das hängen bleibt. Einzelne szenisch starke Momente des Abends, ein mit Abstrichen hohes sängerisches und musikalisches Niveau, aber insgesamt kein Abend, der in Erinnerung bleiben wird. Da hat Mannheim manch deutlich bessere Produktion zu bieten.

Nationaltheater Mannheim
Verdi: Ernani

Benjamin Reiners (Leitung), Yona Kim (Regie), Keike Scheele (Bühne), Falk Bauer (Kostüme), Irakli Kakhidze, Evez Abdulla, Sung Ha, Miriam Clark, Nationaltheaterorchester Mannheim

Sehen Sie den Trailer zu Verdis „Ernani“:

Weitere Termine: 4., 9. & 29.3., 6. & 11.4., 16. & 19.6., 1.7.2018

Eine Antwort zu “Plumpes Plädoyer”

  1. Gustav Müllenbach sagt:

    Ich finde es ziemlich abgehoben, Sung Ha hier als einen Sänger zu bezeichnen, der mit seiner Rolle fehl am Platz war. Fragen Sie mal das Publikum bevor Sie hier ein Multitalent kritisieren.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *