Operetten-Kritik: Oper Chemnitz – Südseetulpen

Fräulein Operette anno 2017

(Chemnitz, 14.1.2017) Im Totaleinsatz für eine neue Operette entzieht sich Komponist Benjamin Schweitzer comedyflott den gängigen Gattungsvorbildern

© Dieter Wuschanski / Die Theater Chemnitz gGmbH

Premieren von Uraufführungen haben nicht immer viele Trümpfe in der Tasche: Oft verzweifeln Solisten mit Müh‘ und Not an den extrem schweren Parts, versuchen Dirigenten mit Nerven wie Stahl Orchester und Gesang zusammenhalten. Alles findet deshalb oft erst in Folgevorstellungen annähernd zu einem jener Klangbilder zusammen, das Schöpfern und Machern vorschwebt. In der Oper Chemnitz sah sich das Publikum dazu betrogen an seinem ureigenen Verständnis von Operette – durch den Komponist Benjamin Schweitzer und seinen Textautor Constantin von Castenstein (beide wurden 1973 geboren), deren Operetten-Experiment „Südseetulpen“ nicht so ganz stimmen wollte. Die Oper Chemnitz ist aber ein Ort mit vielen Positionen für gegenwärtiges Musiktheater. Also dankten die Anwesenden zum Schluss unverzagt mit langem Applaus, der trotzdem nicht so ganz überzeugt wirkte.

Zeitreise zu Wirtschaftsdesastern von Welt

Bei der Suche nach einem heute attraktiven Operettenstoff kamen Schweitzer und Castenstein im Dunkel der Rezession 2010 auf das Sujet mit Gründung und Pleite der „South Sea Company“: Der Südseehandel nach 1711 sollte die Kriegsschulden der Queen Anne ausgleichen und den Staatsbankrott verhindern. Die smarten Möchtegern-Wirtschaftsgewinner George Caswell (Andreas Kindschuh) und John Blunt (Reto Raphael Rosin) fallen von unserem Heute nicht nur zurück ins 18. Jahrhundert, sondern auch noch ins 17. Jahrhundert. Hier ist es umgekehrt wie im Märchen, wo Abu Hassan zum Kalif wird: Die beiden bleiben in der Vergangenheit ebenso miese Schaumschläger und Glücksritter wie im Jetzt. Nach der Pause geht es in Holland um den Handel mit Tulpen, bis die Südseeschönheit Pandora mit dem Geschäftsmann Peter Stuyvesant (Hans Gröning, erst spät zum Ensemble dazugekommen) zur eigenen turbokapitalistischen Eroberungsfahrt aufbricht.

© Dieter Wuschanski / Die Theater Chemnitz gGmbH

Die Bildungs- und Figurenfülle macht Eindruck und irritiert

Die Figurenfülle von Castensteins Textbuch ist erschlagend, ebenso die Mehrfachbesetzungen aus dem Chemnitzer Ensemble. Dazu kommt noch, dass infolge von Erkrankungen die beiden zentralen Frauenfiguren geteilt werden mussten: Als Pandora rückt in der Mitte des Holland-Teils Sylvia Rena Ziegler mit ihrem der jungen Brigitte Fassbaender bemerkenswert ähnlichem Timbre auf die Position der stimmlich ganz anders aufgestellten Elisabeth Holmer. Die aus Jamaica zurück wollende Lady Margaret teilen sich Sylvia Schramm-Heilfort (szenisch) und Sophia Maeno (musikalisch). Franziska Krötenheerdt ist nicht nur Queen Anne und Königin Amalie der Niederlande: Die Sympathieträgerin schlüpft (Bonus!) auch noch in die Rolle der Fernseh-Ikone Frau Antje, die für Holland steht wie Clementine für Ariel.

Diese Überfülle macht Eindruck, schafft aber auch Missverständnisse. Von „Glotzt nicht so romantisch“ bis zum schwülen und dumpfigen Kämmerlein eines gewissen Gretchens von Goethe häufen sich in enormer Bildungsfülle Myriaden von Andeutungen und Ahnungen, sodass die Nervenfasern schon vor dem ersten Finale erschlaffen. Ein riesiger Teil dieser Collage mit Historienreport, Fernsehfiktionen und komödiantischen Klappdialogen sind Worthülsen aus der wunderbaren Welt des Marketings und ersetzen locker einen IHK-Kurs für Fortgeschrittene. Hier dämmert es, was die Anwesenden im Saal vermisst haben könnten: Das fast restlose Fehlen von Liebe, Balz, Koketterie und Seitensprung als Tanz auf dem Vulkan der sozialen und wirtschaftlichen Katastrophen – einfach das, was die gute alte Fernsehoperette ebenso zu feiern versuchte wie heute die neue Operetten-Sucht an der Komischen Oper Berlin. Feiern und Flirten, „trotzdem“ und „erst recht“!

© Dieter Wuschanski / Die Theater Chemnitz gGmbH

Was kann heute eine Operette sein?

Dabei ist es doch legitim, wenn sich Schweitzer und Castenstein den Gattungsvorbildern mit Komiker, Seelenkokotte und Bon-Vivant entziehen und dafür mit einem Hybrid wie Bernsteins „komischer Operette“ „Candide“ flirten oder mit Musiksatiren in zwei Welten wie Janaceks „Broucek“. Der Anspruch von Schweitzers Partitur ist da den Zeichen, Zitaten, Informationen und dem Feinsinn von Castensteins Text mindestens ebenbürtig, übertrifft diesen vielleicht sogar. Der erste Teil in der Südsee und London ist eine lange, lange musikalische Fläche, ein Werk der allerfeinsten Übergänge von vertrackt synkopischen Akkordschichtungen, atmosphärischen Pizzicato- und Percussion-Reihen im Orchester. Über all dem tasten sich die Soli mit ebenbürtig allerfeinsten Übergängen zwischen Melodram, extra trockenen und seltener etwas fruchtigeren Rezitativen, ariosen Gebilden und wenigen Melodien vorwärts. Da hat – leider nur ein Anspiel von wenigen Takten – die „South Sea Company“-Hymne Hitpotenzial und wird sofort gekappt, als wären die Macher darob geniert. Irrwitziges leistet der Chor unter Stefan Bilz – als Matrosen, Jamaikaner, Briten, Holländer und-und-und: Immens schwer die Einwürfe und umfangreich der Part, dabei aber nur wenig dankbar.

Operette trifft Musical und Comedy

Im zweiten Teil wird es etwas musical-operettiger und sogar comedygemäß heimeliger – auch dank der Inszenierung Robert Lehmeiers, der einige Ballettherren zu Holzschuhtänzerinnen macht und aus Männern grüne Tulpenstengel mit pastellfarbenen Blätterkronen formt. Das ist voll trendkonform die genderkorrekte Umkehrung jener Tänzerinnen (!) mit Palmblattgürteln in früheren „Blumen von Hawaii“, an die sich reifere Operetten-Connaisseurs noch bestens erinnern. Da wogt es aus Partitur und Graben fast ebenso flirrend wie bei Schreker und Lehár. Aber in der Begegnung zwischen Pandora II und Herrn Peter Stuyvesant tönt es gleich wieder wissenslastig: Beider Duett ist in allen Attributen und Aktionsmomenten eine Collage, als ob Arabella und Mandryka sich wünschten, endlich einmal Elektra und Orest zu sein und sich gleich noch von Mariettas Lautenlied aus der „Toten Stadt“ überwältigen lassen. Sehr gekonnt ist das, doch allerspätestens hier dämmert einigen, was diese Operette nicht hat und für das Genre doch existenziell ist: Die zündenden abgeschlossenen musikalischen Perioden, der signalisierende Gebrauch aller Parameter zwischen Dialog und Melodie.

© Dieter Wuschanski / Die Theater Chemnitz gGmbH

Die Welt ist ein großes Theater

Robert Lehmeier und Tom Musch pressen die Wirtschaftswelt von heute, die Tulpen und den Warenwirbel von gestern auf eine Bühne, die zu sehen ist von vorne und später von hinten. Das ist eine aufhellende Raumidee für die verwirrende Gedankenvielfalt. Voll im Operettenmetier sind die heutigen Kostüme mit barockem Zitat-Appeal von Ingeborg Bernerth. Sie vergisst auch bei den virilen Tulpenbombern nicht Karl Kraus‘ Hinweis, dass für eine gute Operette der Bart echt, der Dackel aber falsch ist und bei einer nicht ganz so geglückten Operette der Dackel echt, aber der Bart falsch. Ultimativer Superstar dieser „Südseetulpen“ ist die schwarze Bassett-Dame Hariett Lady of Orplid. Wie sie mit hochadelig angedeutetem Hohlkreuz, distinguiert gesenktem Nacken und edler Schnauze ohne Bodenkontakt ihrem nachtrottenden Luxusleinen-Lakai die Schrittgeschwindigkeit diktiert – das ist fürwahr der Auftritt einer majestätisch hinschreitenden Königin. Hariett Lady of Orplid nickt hier und da mit echter Gloria, sie kann es!

Rätsel des Castings

Angesichts der Noblesse von Hariett Lady of Orplid schweigen alle Zweifel und Klagen zu den Verfänglichkeiten der Besetzung. Sogar Georg F. Händel (nobel Thomas Mäthger) und John Gay (André Riemer) als Opfer der Schrumpfaktien verblassen, die Fragen nach Rollenwechseln, sängerischen Schwierigkeiten, dem „Qui-pro-Quo“ und dem ganzen Unterschied auch. Eine ganz starke Leistung zwischen Bühne und Graben zeigt am Pult Ekkehard Klemm, das Adelsprädikat zum Operettensouverän und Avantgardeexperten hat er längst vom Gärtnerplatztheater München. Er reißt die Sänger ebenso hoch wie die mit spürbarer Konzentration und bewundernswerter Solidarität aufspielende Robert-Schumann-Philharmonie. Schon allein wegen dieses Totaleinsatzes kann man sicher sein, dass sich das Klanggepräge dieses neuen und letztlich doch artistisch verspielten Musiktheaters im Lauf der Vorstellungsserie wesentlich verändern und steigern wird. Genau dafür gab es am Ende den Löwenanteil des Publikumszuspruchs für Ekkehard Klemm.

Oper Chemnitz

Schweitzer: Südseetulpen

Ekkehard Klemm (Leitung), Robert Lehmeier (Regie), Tom Musch, Jule Heidelbach (Bühne), Ingeborg Bernerth (Kostüme), Stefan Bilz (Chöre), Danny Costello (Choreographie), Elisabeth Holmer (Pandora I / Glück), Sylvia Rena Ziegler (Pandora II), Sylvia Schramm-Heilfort (Lady Margaret Hamilton, szenisch), Sophia Maeno (Lady Margaret Hamilton, musikalisch), Reto Raphael Rosin (John Blunt), Andreas Kindschuh (George Caswall), Hans Gröning (Sir Robert Harley), Franziska Krötenheerdt (Zufall / Queen Anne / Mrs. Hutchinson / Frau Antje / Königin Amalie), Edward Rendall (Smith / Koopmann), André Riemer (Sir Issac Newton / Mr. Woodgate / Gouverneur Hamilton / John Gay), Thomas Mäthger (Kapitän Brigwater / Georg F. Händel / van Wucheren), Opernchor der Oper Chemnitz, Ballett Chemnitz, Robert-Schumann-Philharmonie

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