Opern-Kritik: Opernhaus Zürich – Orest

Aufklärungs-Antike

(Zürich, 26.2.2017) Manfred Trojahn schreibt Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal triumphal fort

© Judith Schlosser

Szenenbild aus "Orest"

Orest/Opernhaus Zürich

Ein solches Espressivo des orchestralen Ausrasens, kontrastdynamisch gesteigert durch ein inniges Frauen-Terzett von utopischer Wirkungsmacht, scheinen wir nur von Richard Strauss, dem alten Hexenmeister, zu kennen. Doch Manfred Trojahn ist klug genug, in seiner Fortsetzung der „Elektra“ des genialen Gespanns von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss bei aller unbestreitbaren Nähe nicht in die Falle der Stilkopie zu tappen. Er knüpft indes in „Orest“ in etwa dort an, wo der freudianische Atriden-Schocker von 1909 endet, erzählt uns also, was aus dem Bruder der Elektra werden wird, nachdem er die Mörder seines Vaters zur Strecke gebracht hat. Geht das Schlachten weiter? Gilt die antike Logik des „Auge um Auge“ ohne Unterlass? Oder gibt es ein Entrinnen aus dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt?

Ein antiker Himmel ohne Götter schafft brennende Aktualität

© Judith Schlosser

Szenenbild aus "Orest"

Orest/Opernhaus Zürich

Es gehört von jeher zu den Markenzeichen des Mythos, dass jede Zeit ihre eigene Lesart all der uralten Geschichten kreiert: Mythen sind, so lehrte uns einst ein Richard Wagner, immer wieder wahr und immer wieder aktuell. Manfred Trojahns doppeltes Gegenlesen, mithin seine Anverwandlung der Vor- und Grundlage des Euripides und das Fortschreiben der „Elektra“ von Strauss, gleicht im Ergebnis einer Art aufgeklärten Antike. Sehr im Einvernehmen mit Regiealtmeister Hans Neuenfels, der die Züricher Erstaufführung jetzt demütig fokussierend in Szene gesetzt hat, forscht Trojahn nach höchst modernen Fragen: Wie entscheidet sich Orest in einer Welt, aus deren Himmel die Götter längst vertrieben sind? In dem Apoll und Dionysos keine absolute Macht mehr haben, sondern nurmehr Projektionen allzu menschlicher Triebe sind? Wie steht’s denn dann mit der menschlichen Verantwortung, wenn individuelles Handeln nicht mehr durch die Fremdbestimmung höherer Mächte begründbar und dadurch letztlich gar entschuldbar ist? Was heißt Schuld in einem derart neu verstandenen Kontext von tragischem Handeln, tragischem Verstricktsein? Dieses Neulesen des Mythos erhält im gegenwärtigen Aufflammen von religiös motivierten Kulturkämpfen eine gleichsam brennende Aktualität.

Poetisch realistische Hoffnungszeichen von Zukunft

Es gleicht schon einem Wunder, wie perfekt Trojahn nun allen Fallstricken entgeht, die ein solches Unterfangen der Mythenbefragung bereithält. Er erzählt Orests Vergangenheitsbewältigung als kontinuierlichen Emanzipationsprozess, als Weg der Rückeroberung von menschlicher Freiheit, der den Rächer-Bruder der Elektra zwar nicht seiner Schuld beraubt, ihm aber eine Rückkehr ins Leben eröffnet, die Elektra und Chrysothemis verwehrt bleibt. Während Elektra, der Ruxandra Donose grandios mezzodüster dräuende Töne schenkt, im Panzer ihrer seelischen Verhärtung verharrt und aus der Befreiung von den Mördern ihres Vaters keinerlei individuelle Kraft des Aufbruchs schöpft, kann Orest entscheidende Schritte nach vorn gehen.

© Judith Schlosser

Szenenbild aus "Orest"

Orest/Opernhaus Zürich

Es gibt in dieser aufklärerischen Logik gleichermaßen poetische wie realistische Hoffnungszeichen von Zukunft, weil Orest dem einengenden Denken seiner Schwester, die allein auf Gerechtigkeit durch Rache setzt, Wege der Freiheit wagt. In einer wiederum utopischen Partnerschaft mit Hermione, der Ballerina-Tochter der legendär schönen, hier extra perückenblonden Helena (Claudia Boyle als höchst dramatische Koloraturrakete), wird dieses Potenzial offenbar. Jeden plumpen Happy End-Kitschverdacht meidend, setzt Neuenfels diesem Finale freilich auch ein dialektisches Fragezeichen hintan: Nach dem so langen wie tiefen, stummen wie erotisch noch unschuldigen Blick zwischen Orest und Hermione, bleibt diese weise junge Frau der Zukunft noch zögernd stehen. Die Stimmen der Vergangenheit, die Orests Hirn von Beginn an peinigen, sind noch nicht verstummt. Aber Heilung scheint möglich.

Bariton Georg Nigl als Orest kreiert den Mann der Zukunft

© Judith Schlosser

Szenenbild aus "Orest"

Orest/Opernhaus Zürich

Hans Neuenfels und seine Bühnenbildnerin Katrin Connan führen das bewegende Geschehen auf Antike und Moderne geschickt annäherde Grundsymbole zurück, die klären statt zu verklären, sie präziseren die Figuren, so mätzchenfrei und stark wie lange nicht. Im Zentrum dieses bedeutenden Abends, dessen Partitur Erik Nilsen am Pult der bestens disponierten Philharmonia Zürich mit einer an Hans Werner Henzes Sogkraft entfaltet, steht freilich ein Sängerdarsteller von einsamer Wucht: Georg Nigl ist die Baritonwonne schlechthin, so hoch intelligent und doch emotional überwältigend, so gleichermaßen wortbezogen wie farbenschillernd verkörpert der Wiener diesen Orest als einen die Rache fahren lassenden Menschen der Zukunft.

Opernhaus Zürich
Trojahn: Orest

Erik Nielsen (Leitung), Hans Neuenfels (Regie), Katrin Connan (Bühne), Andrea Schmidt-Futterer (Kostüme), Franck Evin (Licht), Ernst Raffelsberger (Choreinstudierung), Fabio Dietsche (Dramaturgie), Georg Nigl (Orest), Raymond Very (Menelaos), Airam Hernandez (Apollo/Dionysos), Claire de Sévigné (Hermione), Claudia Boyle (Helena), Ruxandra Donose (Elektra), Evelyn Angela Gugolz (Klytämnestra), Benjamin Mathis (Ägisth), Frank Metzner & Sascha Majer (Page), Samuel Castro Bastos (Solo-Heckelphon), Philharmonia Zürich, Statistenverein am Opernhaus Zürich

Termine: 26.2. (Premiere), 2.,7.,10., 12., 19. & 24.3.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *