Opern-Kritik: Staatstheater Kassel – Siegfried

Ein Held in kurzen Hosen und mit langem Atem

(Kassel, 14.9.2019) In Kassel wird der neue Ring mit einem bejubelten „Siegfried“ packend weitergeschmiedet.

© N. Klinger

Daniel Brenna (Siegfried), Arnold Bezuyen (Mime), Dalia Velandia (Gestalt Waldvogel)

Daniel Brenna (Siegfried), Arnold Bezuyen (Mime), Dalia Velandia (Gestalt Waldvogel)

Kassel liegt näher am fränkischen Bayreuth als die Entfernungskilometer verraten. Zumindest was die Leidenschaft fürs „Ringe“-Schmieden anbetrifft. Der aktuelle, der jetzt beim zweiten Tag von Wagners Tetralogie angekommen ist, ist schon der Fünfte seit 1961. In Kassel jedenfalls musste seither keine Generation von Opernfreunden dem Ausnahmewerk hinterherreisen. Es kam zuverlässig zu ihnen. Solche Art von spezieller Tradition führt zu Souveränität im Umgang damit. Im Graben und auf der Bühne. Man weiss halt, dass man es kann. Auch die Zuschauer fangen nicht bei Null an. Die älteren unter ihnen haben sogar gleich mehrere hauseigene Vergleichsmöglichkeiten.

Szenische Leitmotive

Francesco Angelico als GMD des Staatsorchesters steht erneut im Graben. Sicher auf dem Weg zum Wagnerlorbeer. Und der schauspiel- und längst auch opernerfahrene Oberspielleiter des Hauses Markus Dietz führt Regie. Es gibt also keine separierende „Ring“-Aufteilung wie jüngst ziemlich erfolgreich in Karlsruhe und in Chemnitz, sondern den Blick aus einem Auge. Der sucht auch ästhetisch nach dem großen Zusammenhang der Geschichte in ihren Teilen und stellt so die menschlichen bzw. bei den Göttern menschelnden Aspekte in einen großen Zusammenhang. Dietz, Ines Nadler (jetzt wieder wie im „Rheingold“ für die Bühne), Henrike Bromber (Kostüme) und David Worm (Video) müssen sich also nicht vier verschiedene (Bild-)Welten ausdenken, sondern einen Ansatz verfolgen, szenisch gewissermaßen den musikalischen Leitmotiven folgen.

© N. Klinger

Arnold Bezuyen (Mime)

Arnold Bezuyen (Mime)

Klare, reduzierte wie überlegte Opulenz

So taucht etwa mit dem wandernden Wotan auch das große stilisierende Neon W (W wie Wotan, Wallhall oder Walkürenfelsen) im Hintergrund auf. Dominiert bei seinem eskalierenden Streit mit Erda (solide: Edna Prochnik) über die Zukunft der (Götter-)Welt und beginnt sich flackernd nach und nach zu verabschieden, wenn Jung-Siegfried gegen seinen ihm unbekannten Großvater revoltiert und dessen Speer und damit das Symbol der Macht zerschlägt. Das greift die Ansätze der vorangegangenen Teile auf und ist mit einer klaren, so reduzierten wie überlegten Opulenz ins Bild gesetzt.

Zu Hause bei Messie Mime

Im ersten Akt bei Siegfried und Mime daheim geht es allzu menschlich zu. Der Alte ist als erziehender Messie zwischen all seinem Werkstattkrempel in den Regalen heillos mit dem Wunderknaben überfordert, der ihm mal eben einen toten Bären vor die Füsse wirft. Der macht, was er will, und will wissen, was er nicht soll. Es gibt Momente, wo man Mime die Fürsorge, die er dem Ziehsohn immer wieder vorhält, durchaus abnimmt. Vor allem aber verfolgt er einen perfiden Plan mit dem Jungen als Werkzeug. Er ist aber von dem immer wieder scheiternden Versuch, die Bruchstücke des Wunderschwertes Nothung zu reparieren, so besessen, dass er die Chance, die ihm Wotan mit seinem Ratespiel auf dem Silbertablett serviert, nicht erkennt.

Das ist mit viel Eltern-Teenager-Erfahrung im Detail ausgespielt, hält die Spannung gleichsam von selbst. Vor allem, weil der rollenerfahrene Arnold Bezuyen zu schauspielersicher und darstellerischer Hochform aufläuft. Er ist ein in jeder Hinsicht referenzverdächtiger Mime. Das gilt auch für Egils Silins als vitaler und sicherer Wotan. Besonders aber für den kurzbehosten Siegfried von Daniel Brenna. Imponierend seine dunkel eingefärbte, kraftvolle Stimme und Kondition, hinreißend sein überbordend jungenhaftes Spiel. Da er sich beim Abgang in der zweiten Pause übel am Bein verletzt hat, absolviert er den dritten Akt sichtbar lädiert mit Verband und offenbar auch geradezu heldenhaft Schmerzen überspielend, was man zwar manchmal seiner Miene ansieht aber nie anhört. Respekt! Die Sympathie des Publikums hatte er eh auf seiner Seite.

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Daniel Brenna (Siegfried), Arnold Bezuyen (Mime)

Daniel Brenna (Siegfried), Arnold Bezuyen (Mime)

Felsenfrau und ihr Erwecker im wer weiss wievielten Himmel

Kelly Cae Hogan als Brünnhilde hat es hier immer leichter. Gut ausgeruht – nicht nur in der Rolle, sondern auch in diesem Teilstück – steigt sie ein, wenn Siegfried schon zwei Akte Schwerstarbeit hinter sich hat. In einem separaten weißen Rahmen wartet sie auf ihren Erwecker. Der muss vorn und hinten einen weißen Gaze-Schleier entfernen, bevor er sie aus ihrer Rüstung auspacken und beim Ertasten ihres Busens zu seinem Erschrecken als Frau erkennen kann. Dietz hat neben ihrem Schlafplatz einen Karton mit einem Brautkleid und – das ist wirklich eine nette Geste für die Dauerschläferin – dazu einen Apfel aus Freias Garten gelegt. In dem Karton ist auch ein Jackett für Siegfried – Braut und Bräutigam soll das heißen, sie legen beides für einen Moment, nicht ganz korrekt, an, um dann, nach einigem Herumgerede als Paar in den wer weiss wievielten Himmel zu entschweben.

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Kelly Cae Hogan (Brünnhilde)

Kelly Cae Hogan (Brünnhilde)

Lagerassoziationen als intellektuell schärfstes Leitmotiv

Dieser eher optimistischen Handlungsebene, in der sich zwei Götternachkommen als Menschen finden, steht im Hintergrund eine sehr düstere gegenüber. Wenn man dachte, dass es nach der vermüllten Bleibe von Mime nicht noch schlimmer kommen könnte, hatte man sich geirrt. Bei Fafner (voluminös: Rúni Brattaberg) lässt man jede Hoffnung fahren. Hier wird Dietz todernst. Selbst der Witz ist böse. Dunkelheit, Bühnendampf, herumliegende Menschen in Unterwäsche und ein böse aggressives Husten (von der Marke: können ruhig alle hören, dass ich noch lebe), das man für Momente für echt hält, kommt von der Bühne.

Obwohl das Publikum in Kassel höchst aufmerksam Musik und Handlung folgt. Bis der finster blutverschmierte Fafner aus einer Bodenklappe kommt und das hustende Etwas auf seinen Speiseplan unten in der Tiefe setzt. Menschen unter der Knute, in Gefangenschaft und Abhängigkeit als der eigentlich Schatz. Dieses intellektuell schärfste Leitmotiv nimmt Dietz damit wieder auf und schärft es bis an die Grenze der Erträglichkeit mit der Lagerassoziation durch den Zaun und dem Gas-Einsatz gegen Menschen. Das sitzt. Ohne sich allzu plakativ mit den Schreckensbildern des Grauens einzulassen. Markus Dietz lässt dem Zuschauer mit seiner exemplarischen Deutung genug Raum, um die Geschichte, die erkennbar auf einen Untergang hinausläuft, mit seiner Welterfahrung zu konfrontieren.

Am Staatstheater Kassel ist ein grandioser „Ring“ weit fortgeschritten!

Die musikalische Suggestionskraft dieses exzellenten Ensembles und ein Orchester, das hochsouverän zwischen dem spannenden Streit-Parlando (ob nun zwischen Mime und Siegfried, Wotan und Erda oder Mime und Thomas Gazhelis Alberich), dem Flirren der Waldatmosphäre samt Gezischter von Waldvogel Elizabeth Bailey) und den großen Bögen von tiefer Verzweiflung und auffahrender Utopie einer ja doch unmöglichen Liebe wechselt, lässt diese Lücken nicht. Die packt durchweg. Am Staatstheater Kassel ist ein grandioser „Ring“ weit fortgeschritten!

Staatstheater Kassel
Wagner: Siegfried

Francesco Angelico (Leitung), Markus Dietz (Regie), Ines Nadler (Bühne), Henrike Bromber (Kostüm), David Worm (Video), Daniel Brenna, Arnold Bezuyen, Kelly Cae Hogan, Egils Silins, Thomas Gazheli, Rúni Brattaberg, Elizabeth Bailey, Edna Prochnik

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