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Opern-Kritik: Staatstheater Meiningen – Cardillac

Kaltes Gold und feurige Brillanten

(Meiningen, 13.2.2026) In Paul Hindemiths Oper setzt Regisseurin Giulia Giammona die Psychologie der Titelfigur und der Massen in gleichermaßen Beklemmung und Grauen erregende Wechselwirkung. Auch musikalisch läuft dieser packende „Cardillac“ auf Hochtouren.

vonMichael Kaminski,

Der Mob braucht Stars. Um sie zu vergöttern. Und zu opfern. Cardillac ist das Idol der Pariser Menge. Einerseits ein Bürger mit Werkstatt in der Nachbarschaft. Andererseits ein Geschmeide von bezwingender Aura ersinnender Künstler. Genie und Außenseiter. Ersteres erlaubt, den Goldschmied zu idolisieren. Letzteres eröffnet die Option auf seine Vernichtung. Regisseurin Giulia Giammona setzt die Psychologie der Massen und die der Titelfigur am Staatstheater Meiningen in gleichermaßen Beklemmung und Grauen erregende Wechselwirkung.

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Szenenbild aus „Cardillac“
Szenenbild aus „Cardillac“

Dem Kollektiv wie dem Einzelnen wohnen Mörderseelen inne. Die Reichweite der Justiz ist, wenngleich mit dem unerbittlichen Gerichtshof der „Brennenden Kammer“ für Kapitaldelikte drohend, begrenzt. Selbst im Frankreich Ludwigs XIV., mehr noch in der Weimarer Republik des Uraufführungsjahres 1926. Die hochkochenden Leidenschaften der Masse und des Goldschmieds Wallungen, beide trügen. In Wahrheit beherrscht klirrende Kälte bei Kollektiv und Individuum. Dame und Kavalier treiben angesichts der begehrten und beschafften – Eros und Mordgelüst weckenden – Preziose ihr kaltschnäuziges Balzspiel miteinander und dem Tod, bis der Goldschmied blutigen Ernst daraus macht. Cardillac ist wie das von ihm verarbeitete Material, kalt und gleißend. Wenn er sich mordend Geschmeide wiederbeschafft, so holt er die eigene Seele zurück.

Szenenbild aus „Cardillac“
Szenenbild aus „Cardillac“

Inwendiger Zwang

Weshalb aber Giammona den Schmuck aus Glas imaginiert – mehrfach geht er akustisch zu Bruch – bleibt unerfindlich. Echten Juwelen eignet ganz andere Magie. Aus Glas lässt sich Vergleichbares nicht schaffen. Und jene von Giammona der Titelfigur oft beigesellten Elstern werden darauf gewiss nicht fliegen. Dennoch produzieren die Vögel Grusel und Erkenntnis. Gleich Cardillac können sie – jedenfalls nach populärer Auffassung – gar nicht anders, als Glitzerkram zu stehlen. Goldschmied und Vögel folgen inwendigem Zwang. Für alles dies stellt Susanne Maier-Staufen zimmerhohe Vitrinen auf die Bühne, die sich auf der Drehscheibe bewegen, gegeneinander verschieben oder gar zur Wand formieren, eine – je nach Exponaten – Effekt machende Kombination aus Panoptikum, Museum und edlem Verkaufsraum. Denn des Goldschmieds Opfer finden darin ebenso Platz wie im Austausch ein ornithologisches Elsterndiorama und als fraglose Glanzlichter Cardillacs Geschmeide. Maier-Staufens Kostüme nehmen für die Titelfigur Anleihen beim 17. Jahrhundert, die Übrigen kleiden sich in die Mode der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Wobei das seither reüssierende „Kleine Schwarze“ der Damen wie auch die Herrenanzüge ohne viele Umstände die Brücke ins Heute schlagen.

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Szenenbild aus „Cardillac“
Szenenbild aus „Cardillac“

Musikalisch ungemein packend

Wie szenisch, so läuft der Meininger „Cardillac“ musikalisch auf Hochtouren. Unter Roman David Rothenaicher wandelt sich der Chor des Hauses spielerisch und vokal vom geniegläubigen Pöbel zum Mordgesindel. Im Graben münzen Kilian Farrell und die Meininger Hofkapelle die Unschärfen der Partitur in Vorzüge um. Dirigent und Orchester leisten das unter solchen Umständen Denkbarste an Präzision. Desto frappanter und packender, wie auf orchestral dennoch schwankendem Boden Goldschmied und Mob ins Verhängnis stolpern und rutschen. Der bei diesem Werk dräuenden Gefahr übermäßigen Lärmens wehren Farrell und die Hofkapelle entschieden. Vokal und spielerisch bietet Shin Taniguchi für die Titelpartie eiskalte Expressivität auf. Da stockt das Blut in den Adern. Leuchtkräftig und empfindungsstark bei Stimme und Spiel, sucht Lena Kutzner als des mörderischen Goldschmieds Tochter ihrem Vater wie auch dem geliebten Offizier gerecht zu werden. Die einzige Figur der Oper, die sich durch unzweifelhafte Empathie für ihre Mitmenschen auszeichnet. Denn ob der Geliebte in ihr mehr als ein Juwel in Menschengestalt sieht, bleibt zweifelhaft. Roman Payer verkörpert des Offiziers Ambivalenzen. Payer ist der Mann, mit der seiner Partie von Hindemith zur Maskierung solch‘ fragwürdigen Charakters zugeschriebenen heldentenoral auftrumpfenden Gebärde ebenso durchschlagskräftig wie kultiviert zu prangen.

Nur zwei Wochen nach E.T.A Hoffmanns 250. Geburtstag verfügen die Meininger nun über ein packendes Zeugnis der musiktheatralischen Rezeptionsgeschichte des Dichters.

Staatstheater Meiningen
Hindemith: Cardillac

Kilian Farrell (Leitung), Giulia Giammona (Regie), Susanne Maier-Staufen (Bühne u. Kostüme), Roman David Rothenaicher (Chor), Alessandra Bareggi (Choreografie), Shin Taniguchi, Lena Kutzner, Roman Payer, Selcuk Hakan Tirasoglu, Isaak Lee, Tamta Tarielashvili, Tomasz Wija, Meininger Hofkapelle, Chor des Staatstheaters Meiningen





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