Der Vorhang ist ein Monumentalgemälde. Auf Felsenhöhe dräut die Burg, im Tal strömt der Rhein. Die fischleibige Wassermaid darin scheint sich weniger zu tummeln, als von den Fluten mitgerissen zu werden. Im Nachen naht der Tod. In der Pose von Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebel“ steht ein Beobachter am Ufer. In Rückansicht zwar, doch an seiner schlanken Gestalt, Mantel, Hut und Gehstock klar als Markus Lüpertz kenntlich. Doch begnügt sich der Bühnen- und Kostümbildner sowie Regisseur in Personalunion – und in eben dieser Reihenfolge – am Staatstheater Meiningen für sein „Rheingold“ keinesfalls mit bloßer Romantik. Kaum hat sich der Vorhang gehoben, schieben die Rheintöchter Hochreliefs mit ganzfigurigen und lebensgroßen Nixenkonterfeis über den Grund des Rheines, um Alberich unter Darbietung weiblicher Schlüsselreize übel mitzuspielen. Dann – im wahrsten Wortsinn – die Wende. Die Kehrseite der Reliefs weist gülden-glatte Tafeln. Sexus und materieller Besitz, die beiden Seiten ein und derselben Medaille: Gier.

Konflikte und Kostümparade
Wie auf des Stromes Grund, so herrscht die Raffsucht an dessen Ufer. Nur vertrackter. Denn dort suchen sich nicht allein Lichtalben und Riesen wechselseitig über den Leisten zu ziehen, überdies stimmen die Innenverhältnisse beider Parteien bedenklich. Wotans und Frickas Ehe hält allein beider Machtstreben zusammen. Er will die Welt beherrschen, sie ihn. Und auch die Riesen sind sich nicht wirklich grün. Wie auf dem Vorhang, so zeigt der Prospekt, vor dem sich alles dies zuträgt, Strom und Burg. Während in der Flussaue des Vordergrundes Wotansraben auf des Chefgottes Befehle harren, um in deren Erledigung über den Erdkreis auszuschwärmen. Amüsant die Kostümparade von Brünnen und Flügelhelmen. Fricka und Freia vereinen Blümchenkleid und Germanenchic. Loge steht vom züngelnden Irokesenscheitel bis zu den brandroten Schuhen in kostümlichen Flammen.

Kunstautonomie
Worauf die Lüpertzsche Bilderwelt hinaus will, enthüllt sich spätestens in Nibelheim. Rückwärtiger Prospekt, Gasse und Soffitten greifen Grundelemente der Kulissenbühne auf. Malerisch aber sind sie heutig. Lüpertz‘ Stil ist sofort identifizierbar. In Nibelheim führt der Altmeister in eine Art Beinhaus, worin sich dekorativ Schädel türmen. Im Hintergrund fronen gemalte Werktätige. Es ist diese Synchronität von historischer Kulissenbühne, wie sie im nahen Theatermuseum zu besichtigen ist, und sich auf diesem traditionellen Fond vom Stück emanzipierender Gegenwartskunst, aus der das Meininger „Rheingold“ seine optischen Reize bezieht. Alles dies will nichts sein außer Theater. Autonome Kunst. Angesichts der gegenwärtig allenthalben gegenüber den Künsten erhobenen Forderung nach Empowerment geradezu ein Befreiungsschlag.

Orchestral packend
Musikalisch nehmen allererst Killian Farrell und die Meininger Hofkapelle für sich ein. Das Vorspiel gewinnt durch eine Transparenz, wie sie in mythischer Vorzeit die Fluten des Rheins gestattet haben mögen. Auch vergegenwärtigen Kapellmeister und Klangkörper das einst Unerhörte in der orchestralen Schilderung von Loge und Nibelheim. Gestrige Avantgarde gerät so zur aktuellen. Für Wotan wird David Steffens im Verlauf der Aufführungsserie gewiss zu erheblicher vokaler Statur finden. Noch stehen Momente der Indifferenz neben solchen des machtvollen Auftrumpfens. Boaz Daniel steigert seinen Alberich im Lauf des Abends bis hin zum durchschlagskräftigen Fluch auf den Ring. Tenoral kompakt der Loge von John Heuzenroeder. Viel lyrische Emphase bietet Lubov Karetnikova für Freia auf. Die Erda von Tamta Tarielashvili tönt aus vorzeitlichen Tiefen. Gediegen alle weiteren Ensemblemitglieder.
Staatstheater Meiningen
Wagner: Das Rheingold
Killian Farrell (Leitung), Markus Lüpertz (Regie, Bühne & Kostüme), David Steffens, Mark Hightower, Garrett Evers, John Heuzenroeder, Marianne Schechtel, Lubov Karetnikova, Tamta Tarielashvili, Boaz Daniel, Tobias Glagau, Keith Klein, Selcuk Hakan Tiraşoğlu, Monika Reinhard, Hannah Gries, Julia Rutigliano, Meininger Hofkapelle
Termintipp
So., 05. April 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Das Rheingold
David Steffens (Wotan), John Heuzenroeder (Loge), Marianne Schechtel (Fricka), Lubov Karetnikova (Freia), Tobias Glagau (Mime), Tamta Tarielashvili (Erda), Boaz Daniel (Alberich), Killian Farrell (Leitung), Markus Lüpertz (Regie)
Termintipp
So., 19. April 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Das Rheingold
David Steffens (Wotan), John Heuzenroeder (Loge), Marianne Schechtel (Fricka), Lubov Karetnikova (Freia), Tobias Glagau (Mime), Tamta Tarielashvili (Erda), Boaz Daniel (Alberich), Killian Farrell (Leitung), Markus Lüpertz (Regie)
Termintipp
Sa., 09. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Wagner: Das Rheingold
David Steffens (Wotan), John Heuzenroeder (Loge), Marianne Schechtel (Fricka), Lubov Karetnikova (Freia), Tobias Glagau (Mime), Tamta Tarielashvili (Erda), Boaz Daniel (Alberich), Killian Farrell (Leitung), Markus Lüpertz (Regie)
Termintipp
Mo., 25. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Wagner: Das Rheingold
David Steffens (Wotan), John Heuzenroeder (Loge), Marianne Schechtel (Fricka), Lubov Karetnikova (Freia), Tobias Glagau (Mime), Tamta Tarielashvili (Erda), Boaz Daniel (Alberich), Killian Farrell (Leitung), Markus Lüpertz (Regie)




