Opern-Kritik: Staatstheater Wiesbaden – Fidelio

Fidelio in der Handschrift einer Existenzialistin

(Wiesbaden, 16.10.2022) Die Sängerdarstellerinnen-Legende Evelyn Herlitzius gab am Staatstheater Wiesbaden mit Beethovens „Fidelio“ ihr Regiedebüt und übertrug ihre eigene kompromisslose Darstellungskunst in ein Regiekonzept.

© Lena Obst

Chor hinter Gittern: „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Chor hinter Gittern: „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Bekanntermaßen ist Beethovens einzige Oper „Fidelio“ mit ihrer Thematisierung der Gefahr, politischen Widerstand zu leisten, kein leichter Stoff. Über die fundamentale Tragweite des persönlichen Risikos kann man sich angesichts des euphorisch-überbordenden Pathos in der Musik jedoch durchaus hinwegtäuschen lassen. In ihrem Regiedebüt am Staatstheater Wiesbaden zielt Evelyn Herlitzius darauf ab, unmissverständlich und spürbar zu machen, was es für einen Menschen bedeutet, als politischer Häftling zwei Jahre in einem kalten, lichtlosen Kerker zu vegetieren.

Schattenspiel der eingeschränkten Bewegungsfreiheit

Der narrative Bogen, um dies auszuerzählen, wird mit Beginn der Ouvertüre aufgespannt, während der ein Video die Hochzeitsfeier von Leonore und Florestan zeigt. Die Zuschauer sehen zwei lebensfrohe Menschen, die an einer Tafel im Freien miteinander anstoßen. Im ersten Aufzug erblicken die Zuschauer den Innenhof des Gefängnisses, das im Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann als grauer, dreistöckiger Betonbau dargestellt ist. In dessen Fenstern bietet der Männerchor ein Schattenspiel der eingeschränkten Bewegungsfreiheit von Inhaftierten. Als wir Leonore, gesungen von Barbara Haveman, wiederbegegnen, ist sie ganz von der Hoffnung vereinnahmt ist, ihren Gatten retten zu können. Zumindest das: So weit, so üblich.

© Lena Obst

Szenenbild aus „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Szenenbild aus „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Zu Beginn des zweiten Aufzuges ist Florestan zunächst nicht zu sehen, denn das Publikum sitzt gemeinsam mit ihm in nahezu völliger Finsternis, wenn er singt: „Gott, welch Dunkel hier!“ Das von Andreas Frank raffiniert gestaltete Licht, das nun allmählich die Szene sichtbar werden lässt, erweckt weniger den Eindruck von Beleuchtung als die Empfindung, die Augen des Zuschauers gewöhnten sich an die Dunkelheit.

Begeisterung, die an Wahnsinn grenzt

Florestan, interpretiert von Marco Jentzsch, sitzt in einem (geöffneten) Käfig, in dem er nicht einmal stehen könnte, trägt laut rasselnde Ketten und macht mit seinen wilden, langen Haaren sowie seiner abgetragenen, verstaubten Kleidung einen verwahrlosten Eindruck. Die Begeisterung, in die er in der Erinnerung an Leonore verfällt, grenzt in seiner sängerschauspielerischen Darstellung tatsächlich an Wahnsinn. Gerade so, wie es in einer Regieanweisung des Librettos nahegelegt, aber keineswegs immer umgesetzt wird.

© Lena Obst

Szenenbild aus „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Szenenbild aus „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

In den Szenen, in denen Rocco und Leonore in den Kerger hinabsteigen, die Zisterne freilegen und mit Florestan sprechen, gibt es zunächst wenig Überraschendes zu sehen. Auch der Auftritt und der Mordversuch Pizarros, gesungen von Claudio Otelli, sind recht konventionell dargestellt. Interessant wird es dann ab der Rettung Florestans, da dieser kaum auf seine Befreiung reagiert. Auch nachdem alle anderen abgegangen sind und das lang getrennte Paar endlich wieder vereint ist, bleibt er weitestgehend reglos, die beiden schauen sich lange Zeit überhaupt nicht an. Im Duett, in dem beide von himmlischem Entzücken singen, wird nicht in erster Linie Wiedersehensbegeisterung gemimt, sondern es dominiert auf beiden Seiten die körperliche und emotionale Erschöpfung.

Konterkarierte Freudenausbrüche

Zurück im Licht des Tages, bei der Ankunft des Ministers Fernando, gesungen von Christopher Bolduc, haben weder Leonore noch Florestan die Kraft, in freudige Begeisterung zu verfallen, und er bleibt lange in ihren Armen liegen. Am Jubel des Chores nehmen sie kaum Anteil. Als Fernando seinen totgeglaubten Freund wieder erkennt und ihm aufhilft, geleitet er ihn an einen Tisch, der an die Hochzeitstafel des Videos zur Ouvertüre erinnert. Das Paar setzt sich nieder und lässt sich in erster Linie passiv feiern, während über die Requisite eine Neuvermählung angedeutet wird.

© Lena Obst

Szenenbild aus „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Szenenbild aus „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Als die Menschen auf ihren politischen Helden Florestan einstürmen wollen, hält Leonore sie in einem Aufbäumen von Kraft zurück. Die Gefährlichkeit einer begeisterten Masse für jemanden, der wie Florestan von Strapazen gezeichnet ist, wird bedrückend greifbar. Und mit gespenstisch weit aufgerissenen Augen singt Marco Jentzsch Florestans Soli im Finale, Beethovens auskomponierte Freudenausbrüche damit konterkarierend. Während der letzten Takte des Schlusschores wird vor dem Bühnenraum schließlich wieder ein Video gezeigt, das im Porträt die von dem Erduldeten ermattete Leonore zeigt.

Geschlossenes Klanggewebe aus dem Orchestergraben

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter Leitung von Will Humburg setzt die vielen instrumentalen Soli, die wegen ihrer starken semantischen Aufgeladenheit wie zusätzliche Gesangsstimmen aus dem Orchestergaben wirken können, weniger deutlich ab, als man das sonst hört und bietet die Partitur eher als ein geschlossenes Klanggewebe dar. Während das durchaus gut klingt, wäre es an zahlreichen Stellen sinnvoll gewesen, dass sich der Klangkörper zu Gunsten der Sängerinnen und Sänger etwas zurückgenommen hätte. Damit wäre die großartige gesangliche Leistung von Barbara Haveman, die sich in den Ensemblenummern bewusst zurücknimmt, um sich in das Ensemble einzufügen, besser zur Geltung gekommen.

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Szenenbild aus „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Szenenbild aus „Fidelio“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Ausgefeilte Darstellung des Charakters der Marzelline

Anastasiya Taratorkina, seit der Spielzeit 2022/23 Ensemblemitglied am Staatstheater Wiesbaden, trat als Marzelline im Kostüm von Frank Philipp Schlößmann als Schulmädchen auf und gab die Partie mit jugendlicher Frische, damit vergegenwärtigend, dass die Figur der jungen, in Fidelio verliebten Frau tatsächlich erst 16 Jahre alt sein soll. In die Darstellung der Marzelline ist viel Liebe zum Detail geflossen und der Interessenkonflikt mit dem in sie verliebten Jaquino, dargestellt von Ralf Rachbauer, aufgrund seiner körperlichen Übergriffigkeit als konkrete Bedrohung vermittelt.

Als Marzelline am Ende der Oper erkennt, dass ihr Fidelio eine Frau ist, ist ihr enttäuschtes Schmollen als jugendliche Schwärmerei zu erkennen und nicht als große Liebe. Da passt es dann, dass sie während des Finales mit geschultertem Rucksack zu Schule geht. Die Partie ihres Vaters Rocco übernahm Dimitry Ivashchenko, der die wohl hervorstechendste sangliche Leistung des Abends lieferte und sich mit seinem glasklaren Bass durchweg mühelos über das Orchester hinwegsetzte.

Staatstheater Wiesbaden
Beethoven: Fidelio

Will Humburg (Leitung), Evelyn Herlitzius (Regie), Frank Philipp Schlößmann (Bühne & Kostüme), Andreas Frank (Licht), Albert Horne (Chor), Barbara Haveman, Marco Jentzsch, Claudio Otelli, Dimitry Ivashchenko, Anastasiya Taratorkina, Ralf Rachbauer, Christopher Bolduc, Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

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