Liegt Schnee auf dem Brokeback Mountain, dem Berg der Rückschläge und Pleiten? Man könnte es jedenfalls vermuten: Terrassenförmig ist die Bühne des Theater Erfurt hochgefahren, ein weißer Untergrund lässt Unschuld assoziieren, eine einsame Strommast-Leiche steht in der Gegend herum – schon ist das Bild eines Amerika vollständig, das rückständiger und konservativer und hoffnungsloser kaum sein könnte.
Küssende Cowboys
Auf dieser Bühne küssen sich zwei Cowboys – das ist schon längst kein Aufreger mehr. Aber dürfen sie es? Können sie damit leben? Und was macht das mit ihrer Umgebung? Zweieinhalb lange Stunden wird diese Frage in der Neuinszenierung von „Brokeback Mountain“ in Erfurt verhandelt, und leicht machen sie es dem Publikum nicht. Das liegt nicht am Thema, sondern an der Unbedingtheit, mit der der 2020 verstorbene amerikanische Komponist finnischer Abstammung Charles Wuorinen die Literaturvorlage von Annie Proulx in aleatorische Klänge verwandelt, so weit weg wie möglich von der Oscar-prämiierten Filmvorlage des Sujets von 2005.
Dass sich Rodeoreiter Jack und Rancher Ennis auf einem Berg zum Schafehüten treffen, ineinander verlieben und doch nicht zueinander finden, weil die Zeit für ein öffentliches Coming-out noch nicht reif scheint, ist nicht nur eine tragische Liebesgeschichte, sondern vor allem ein Porträt gesellschaftlicher Konvention, nicht nur 1963 zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens, sondern über 20 weitere Jahre hinweg. Jack und Ennis heiraten ihre jeweiligen Verlobten und gründen ihre eigenen Familien, die aber daran zerbrechen, dass beide ihre Gefühle füreinander nicht verleugnen können. Sie enden im Tod – der eine offensichtlich aus Homophobie ermordet, der andere an gebrochenem Herzen. Dass auch ihre jeweiligen Pseudo-Ehefrauen an der Situation leiden, wird thematisiert, aber nicht ausgewalzt.

Die Geschichte ist aktueller, als die Inszenierung es zeigt
Eigentlich ein gutes Setting, um Querverbindungen in die Gesellschaft unserer Zeit zu ziehen: Wie würde die Geschichte auf dem, sagen wir, Petersberg verlaufen, direkt gegenüber dem Erfurter Theater? Denn man täusche sich nicht: Nur weil das Haus nach einigen anderen deutschen Bühnen seit der Uraufführung 2014 in Madrid die Oper auf eine thüringische Bühne gebracht hat, heißt das noch lange nicht, dass man sich eins fühlen dürfte in der Wahrnehmung, die Schwierigkeiten queeren Lebens seien heute bei uns doch längst überwunden. Da muss man nicht mal wirklich die Stadt verlassen, um auf die gleichen Vorurteile wie Jack und Ennis zu treffen. Ein aktueller Verweis auf diese Problematik wäre wohl allzu wohlfeil gewesen, aber das Stück in einer recht zeitlosen Vergangenheit spielen zu lassen, hinterlässt dann doch einen schalen Eindruck von Feigheit in der Regie von Jakob Peters-Messer.

Diese Liebe wird geächtet und verleugnet
Die eigentliche Tragik der Opern-Dramatisierung des Stoffs besteht aber leider schon darin, dass ihr Schöpfer die verdrucksten und unterdrückten Gefühle um keinen Preis in die Partitur heben wollte, um hier quasi eine zusätzliche Erzählebene einzuweben: Seine Klänge bleiben rau, verweigernd, kalt. Dass die Landschaft, im Film eine großartige Kulisse und damit auch eine Metapher für die Natürlichkeit der schwulen Liebe, von Wuorinen als bedrohlich behauptet wird, macht den Berg eher zu einem strengen, strafenden Wächter, zum Feind. Wir lernen immer wieder schabloniert: Diese Liebe wird geächtet und verleugnet. Nur kann man sich damit auch alles Lyrische kaputtmachen, das dem Stoff ja tief zu eigen ist – die Spannung erwüchse ja gerade aus dem Kontrast zwischen frigide-grauem Konservatismus und der Wahrhaftigkeit eines echten Gefühls. Will sagen: der Oper fehlt die Expressivität.

Der Komponist gibt sich hart und unsentimental
Damit tut der Komponist seinen Hauptpersonen ungewollt unrecht. Es geht auf Gedeih und Verderb hart zu und unsentimental, und traurigerweise höhlt das die Glaubwürdigkeit der Emotionen aus. Das Ergebnis ist eine konversationsversessene Anhäufung rezitativisch kurzer Szenen, die für das Publikum gerade noch dort interessant und nachvollziehbar sind, wo sie das Ankämpfen gegen die banale Realität porträtieren, etwa in den verzweifelten Ausbrüchen der gehörnten Ehefrauen oder in der stillen Trauer von Jacks Eltern – übrigens großartig gespielt von Jörg Rathmann und Katja Bildt.
In kurzer Szenenfolge fahren die spießigen Wohnungen oder das Motel als Liebesnest aus dem Bühnenboden hervor (Pascal Seibicke), aber es wollen sich dadurch weder Fluss noch echte Dramatik einstellen. Das recht eindimensionale Geschehen, sekundiert von einem dramaturgisch nicht eben geschickten Libretto der Urautorin, ist vom Alltäglichen bestimmt, aber es erwachsen daraus im Laufe des Abends keine neuen Botschaften. Eigentlich ist das Stück damit schon früh auserzählt.

Künstlerisches Herzblut der Protagonisten
Dass die Oper – musikalisch eine Herausforderung für das gesamte Ensemble – trotzdem sehenswert bleibt, liegt am künstlerischen Herzblut ihrer Protagonisten. Besonders Máté Sólyom-Nagy legt seinen Ennis stimmlich variantenreich an: von zuerst karger Aufgerautheit zu expressiver Verzweiflung. Damit durchlebt seine Figur fast als einzige eine echte Entwicklung. Michael Smallwood ist ihm technisch (vor allem in der Höhe) nicht ganz ebenbürtig, legt aber alle Kraft in die Unbekümmertheit, die seinen Jack am Ende das Leben kostet. Ihrer beider Ehefrauen Daniela Gerstenmeyer und Marlene Gaßner holen aus ihren schmal angelegten Partien alles heraus, was möglich ist.
Vor allem aber ist es Hermes Helfricht, der als neuer Generalmusikdirektor des Hauses die halsbrecherischen Tempowechsel und heiklen Intervallsprünge ganz großartig organisiert, so dass auch das Philharmonische Orchester gut behütet aufschreien, kommentieren, angreifen kann. Das gelingt vor allem im Blech nicht immer ruckelfrei, aber es zeigt den unbedingten Willen, auch abseits des Standardrepertoires künstlerisch ambitioniert zu bleiben. Umso tragischer, dass dieses Stück wohl kein langes Leben in Erfurt haben wird: Der Saal bietet für die nächsten Vorstellungen fast noch seine komplette Kapazität.
Theater Erfurt
Wuorinen: Brokeback Mountain
Hermes Helfricht (Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie), Pascal Seibicke (Ausstattung), Thomas Spangenberg (Licht), Máté Sólyom-Nagy, Michael Smallwood, Daniela Gerstenmeyer, Jörg Rathmann, Katja Bildt, Opernchor des Theaters Erfurt, Philharmonisches Orchester Erfurt
Termintipp
Sa., 04. April 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Wuorinen: Brokeback Mountain
Máté Sólyom-Nagy (Ennis del Mar), Michael Smallwood (Jack Twist), Rainer Zaun (Aguirre), Daniela Gerstenmeyer (Alma Beers), Hermes Helfricht (Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie)
Termintipp
Fr., 10. April 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Wuorinen: Brokeback Mountain
Máté Sólyom-Nagy (Ennis del Mar), Michael Smallwood (Jack Twist), Rainer Zaun (Aguirre), Daniela Gerstenmeyer (Alma Beers), Hermes Helfricht (Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie)
Termintipp
So., 03. Mai 2026 15:00 Uhr
Musiktheater
Wuorinen: Brokeback Mountain
Máté Sólyom-Nagy (Ennis del Mar), Michael Smallwood (Jack Twist), Rainer Zaun (Aguirre), Daniela Gerstenmeyer (Alma Beers), Hermes Helfricht (Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie)
Termintipp
Mi., 27. Mai 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Wuorinen: Brokeback Mountain
Máté Sólyom-Nagy (Ennis del Mar), Michael Smallwood (Jack Twist), Rainer Zaun (Aguirre), Daniela Gerstenmeyer (Alma Beers), Hermes Helfricht (Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie)
Termintipp
Sa., 06. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Wuorinen: Brokeback Mountain
Máté Sólyom-Nagy (Ennis del Mar), Michael Smallwood (Jack Twist), Rainer Zaun (Aguirre), Daniela Gerstenmeyer (Alma Beers), Hermes Helfricht (Leitung), Jakob Peters-Messer (Regie)




