Opern-Kritik: Theater Erfurt – Fra Diavolo

Das Böse lauert immer und überall

(Erfurt, 6.10.2018 ) Hendrik Müller amüsiert sein Publikum mit einer fulminant artgerechten Inszenierung von Aubers Komischer Oper.

© Lutz Edelhoff

Szenenbild aus "Fra Diavolo"

Fra Diavolo/Theater Erfurt

„Fra Diavolo oder Das Gasthaus zu Terracina“ ist eine Komische Oper aus dem Jahre 1830. Immerhin hat der Superstar der Librettisten seiner Zeit, Eugène Scribe, das Libretto geschrieben, und im Vornamen des Komponisten Daniel-François-Esprit Auber (1782 -1871) findet sich die Vokabel Esprit.

Fra Diavolo: Sogar Meister Proper und Frau Antje haben es unters Personal geschafft

Im Opernhaus Erfurt, wo sie jetzt ausgegraben und in der sozusagen artgerechten Inszenierung von Hendrik Müller das Publikum amüsierte, hätte sie auch das (Beinahe-)Wirtshaus im (Fast-)Spessart heißen können. Wenn unter der bunten Gesellschaft, die sich da auf der Durchreise zusammenfindet, auch noch Hercule Poirot in der Maske von Peter Ustinov oder Liselotte Pulver aufgetaucht wären, dann hätte man sich auch nicht gewundert. Meister Proper und Frau Antje aus der TV-Werbung von ehedem haben es jedenfalls unters Personal geschafft und mit einem „mächtig gewaltig“ lässt auch die Olsenbande grüßen.

© Lutz Edelhoff

Szenenbild aus "Fra Diavolo"

Fra Diavolo/Theater Erfurt

Der Regisseur hat die deutsche Dialogfassung von Gerhard Schwalbe und Walter Zimmer zeitgemäß und maßgeschneidert aufgemöbelt. Die opulenten Kostüme von Silke Willrett machen ebenso pure Freude wie das Hotelfoyer von Marc Weeger. Dem hat er einen Panoramablick (bzw. eine Wandtapete) mit Matterhorn und röhrendem rosafarbenen Hirsch auf felsiger Höhe verpasst, das in seinem XXL-Kitsch schon als Vorhang während der Ouvertüre belustigt.

So ein charmanter Räuber fasziniert die Damenwelt ganz ungemein

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Szenenbild aus "Fra Diavolo"

Fra Diavolo/Theater Erfurt

Wir erleben eine bunte Gesellschaft im Hotel, die wirklich auch so aussieht. Beim Hotelpersonal geht es gerade darum, ob die flotte Zerline, so wie es der Papa (Caleb Yoo ist dieser väterlich fürsorgende Empfangschef des Hotels) vorgesehen hat, einen reichen Alten heiraten soll, oder ihren smarten, jungen, aber armen Leutnant Lorenzo nehmen darf. Da platzt der britische Lord Kookburn, nebst seiner frisch angetrauten aufgedrehten Lady Pamela, mit der alle schockierenden Botschaft herein, ausgeraubt worden zu sein.

Messerscharf folgert der Vertreter der Staatsmacht, dass das nur auf die Kappe des berühmten Räubers Fra Diavolo gehen kann. Der hat sich freilich längst als falscher Marquis unter den Gästen abgetarnt. Wenn er ziemlich unverfroren sowohl mit der Lady als auch mit Zerline charmiert, profitiert er vom Image eines Räubers, der zumindest die Damenwelt auch fasziniert. Mit der Lady bandelt der falsche Marquis allerdings nur deshalb an, weil seine Leute das viele Geld, das die Briten bei sich haben sollten, bei ihrem Überfall nicht gefunden hatten. Das Bargeld hatten die Engländer vorsorglich in ihre Kleider eingenäht.

Zusammen mit Beppo und Giacomo (Jörg Rathmann und Máté Sólyom-Nagy machen das mit der unverkennbaren Freude daran, auch mal die Knallchargen zu sein!), die als Nonnen verkleidet gerade noch ein Zimmer in der Herberge bekommen, will er in einer nächtlichen Aktion an das Geld rankommen.

Zwei grandios entfesselte Finalszenen mit Totalchaos

Auf dem Weg in das sich schnell abzeichnende Happyend gibt es noch Gelegenheit für einen ausgiebigen Aufenthalt im Wellnessbereich des Hotels (wo sich Zerline nach Dienstschluss ein Bad gönnt, das von der Sauna aus von den Gangstern beobachtet wird), eine kleine Intrige, mit der der Marquis, sprich Obergauner, Eifersucht zwischen den Briten und den Jungverliebten sät, und zwei grandios entfesselte Finalszenen mit Donnerwetter und einem ziemlich glaubhaft choreografierten Totalchaos.

Da wird kein affektiertes Britenklischee ausgelassen

© Lutz Edelhoff

Szenenbild aus "Fra Diavolo"

Fra Diavolo/Theater Erfurt

Fra Diavolo stapft inkognito (und einmal auch als er selbst mit diabolisch schwarzen Flügeln) mit Silberstiefeletten in einem Aufzug durch die Szene, als hätte sich Rudolph Moshammer ein Adelskostüm kreiert. Zum Glück singt Alexander Voigt um Klassen besser als die Münchner Ikone und verkauft seine selbstbewusste Frechheit auch vokal zielsicher. Juri Batukov und Katja Bildt geben als beraubtes Ehepaar ihr bestes und lassen dabei kein gesprochenes oder affektiertes Britenklischee aus.

Auf der Seite der uniformierten Ordnungsmacht auf Freiersfüßen gilt das auch für Julian Freibott, der sich voll in die Rolle von Zerlines Bräutigam Lorenzo hineinsteigert. Aus dem spielfreudigen Ensemble ragt Leonor Amaral als Zerline heraus. So wie sie ihre Koloraturkünste beim Wäschesortieren (bzw. Durcheinanderwerfen) vorführt, so hört man das auch an größeren Häusern nicht oft. Dafür gab es sofort eine lange Applausquittung.

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Fra Diavolo/Theater Erfurt

Chanmin Chung hat am Pult des Philharmonischen Orchesters Erfurt offenkundig ein Händchen für die perfekt gebaute, höchst vergnüglich süffige Musik Aubers, die manchmal wie ein gezügelter Rossini daherkommt. Zum Happyend-Hochzeits-Finale ist Fra Diavolo (natürlich wieder) verschwunden, und die Briten warnen die Zuschauer: Das Verbrechen lauert überall. Ist es nötig zu sagen, wer aus dem Gewand des Priesters, der grade die Trauung vorgenommen hat, ins Publikum grinst?

Theater Erfurt
Auber: Fra Diavolo

Chanmin Chung (Leitung), Hendrik Müller (Regie), Marc Weeger (Bühne), Silke Willrett (Kostüme), Stefan Winkler (Licht), Alexander Voigt, Juri Batukov, Katja Bildt, Julian Freibott, Caleb Yoo, Leonor Amaral, Jörg Rathmann, Máté Sólyom-Nagy

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