In diesem 1992 in Amsterdam uraufgeführten und seither einige Male nachgespielten neunzigminütigen Zweiakter geht es hoch her. Und in jeder Hinsicht musikalisch und vor allem szenisch ziemlich drunter und drüber! Der Titel von Alfred Schnittkes (1934-1998) Oper hat seinen Grund: „Leben mit einem Idioten“. Da darf man auf alles gefasst sein. Der von Martin Wagner einstudierte Chor stellt klar: „Das Leben mit einem Idioten ist voller Überraschungen.“ Weder die Musik von Schnittke noch die abstruse Geschichte lassen daran einen Zweifel aufkommen. Wobei der „Ich“-Erzähler, der tatsächlich nur „Ich“ heißt, schon hätte ahnen können, welche Art von Überraschungen ihn erwarten.

Zwischen Parabel und politischen Fingerzeig
Die Erzählung, die dem Libretto zugrunde liegt, hatte der seit 2022 im Westen lebende Russe Viktor Jerofejew schon 1980 in der Sowjetunion geschrieben. Erscheinen konnte sie erst nach deren Auflösung 1991 in Russland. Das ist nicht verwunderlich bei so viel entfesselter Lust an grotesken Überzeichnungen, in der Nachbarschaft von Kafkas „Der Prozess“ oder auch Bulgakows „Der Meister und Margarita“.
Bei der Uraufführung von Schnittkes zu dem Libretto entstandener Oper trat der Idiot noch in der Maske des sowjetischen Säulenheiligen Lenin auf. Da der Idiot auf den Namen Wowa hört und dies die Koseform von Lenins (und ja auch Putins) Vornamen Wladimir ist, wurde das als klarer Fingerzeig aufgegriffen. Eine zu der Zeit und bei einer Uraufführung wohl unumgängliche Entschlüsselung der ins psychologisch Parabelhafte verschlüsselten Geschichte. Schon der für ein solches Vorgehen biografisch durch seinen Clinch mit dem Putin-Regime prädestinierte, mittlerweile im westlichen Regiebetrieb fest etablierte Russe Kirill Serebrennikov hatte sich bei seiner fulminanten Zürcher Inszenierung vor zwei Jahren allerdings nicht (mehr) auf diese Perspektive eingelassen. Den Eindringling in die Privatsphäre als Lenin- oder gar Putin-Alter-Ego auftreten zu lassen, schien ihm zu platt.

Strafe, Wahnsinn und die Katastrophe des „Ich“
In der Geschichte muss sich ein „Ich“ als Strafe für ein so merkwürdiges Vergehen wie Empathielosigkeit in der Psychiatrie einen Idioten aussuchen und fortan mit ihm leben. Dass unklar bleibt, wer hier eigentlich das Urteil fällt, gehört zur Undurchschaubarkeit der Verhältnisse, denen der Einzelne ausgesetzt ist.
Was zunächst wie eine milde Strafe (aus der Ableitung Resozialisierung) klingt und bei der Umsetzung noch harmlos mit ein paar Ausrastern beginnt, führt bald zur Zerstörung der Wohnung. Auch der Umgang des sprachlosen, nur „Äch!“ herausbringenden Wowa mit „Ich“ und seiner Frau eskaliert zunehmend, vom manipulierenden Umgarnen der Frau bis zu deren Vergewaltigung. Als er sich dann auch noch dem Hausherrn mit der gleichen sexuellen Übergriffigkeit (mit Erfolg) nähert, ist die Katastrophe unvermeidlich. Sie stellt ihren Mann (also das „Ich“) vor die Alternative: Entweder er oder ich. Die Antwort übernimmt Wowa. Er schneidet der Frau mit der Gartenschere den Kopf ab. Am Ende landet „Ich“ selbst in der Psychiatrie.

Surreale Phantasiewelt auf der Bühne
Bei Julien Chavaz (Regie), Anneliese Neudecker (Bühne) und Severine Besson (Kostüme) ist man sich nicht sicher, ob er dort nicht schon von Anfang an zu den Insassen gehört haben könnte. Die Welt ist hier aus den Fugen, weil niemand ohne Maske auskommt. Alles ist ein großer Zirkus der knallbunten Oberfläche.
Während Serebrennikov die Groteske als Bühnenkunstwerk demaskierte, setzt Chavaz mit dieser phantasievoll bunten Ästhetik noch eins drauf. Er verfremdet die erzählte Parabel auf der Bühne noch einmal durch die surreale Optik. Nur ein Kühlschrank, ein Fernseher und eine Stehlampe tauchen als Versatzstücke der Wirklichkeit in dieser autonomen Fantasiewelt auf vor einem Schlund aus Kulissenhängern und manchmal von einer gerafften roten Vorhangskulptur verdeckt. Das hat für sich genommen seinen Reiz – der Nachvollziehbarkeit des Geschehens und den Assoziationsmöglichkeiten hilft das aber nicht auf die Sprünge. Man muss hier unbedingt die Übertitel mitlesen, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Am Pult der Magdeburgischen Philharmonie sorgt Paweł Popławski allerdings für Durchblick im Stilmix mit all seinen Zitaten, abrupten Wechseln und der emsigen Absicherung des Parlandos (mit etlichen auch schon mal fäkalischen Versatzstücken). Die Leistung des Orchesters ist ebenso überzeugend wie die der Protagonisten. In der Titelpartie, die auf „Äch!“ beschränkt ist, erweist sich der Interpret Timur als wahrer Wortakrobat. Man muss bei seinen Variationen des immer Gleichen unweigerlich an das von Herbert Fritsch inszenierte „Murmel Murmel“-Unikum an der Volksbühne denken. Der ungarische Bariton Gyula Nagy imponiert ebenso als „Ich“ wie die traumwandlerisch höhensichere Alison Scherzer als dessen Frau. Vincent Casagrande als Marcel Proust und Johannes Stermann als Wärter stehen ihnen, wie alle anderen, mit ihren kleineren, aber wahrnehmbaren Rollenporträts in nichts nach.
Theater Magdeburg
Schnittke: Leben mit einem Idioten
Paweł Popławski (Leitung), Julien Chavaz (Regie), Anneliese Neudecker (Bühne), Séverine Besson (Kostüm), Eloi Gianini (Lichtdesign), Christoph Clausen (Dramaturgie), Gyula Nagy (Ich), Alison Scherzer (Frau), Timur (Idiot), Vincent Casagrande (Marcel Proust), Johannes Stermann (Wärter), András Adamik (Bursche)
Sa., 28. März 2026 19:30 Uhr
Musiktheater
Schnittke: Leben mit einem Idioten
Gyula Nagy (Ich), Alison Scherzer (Frau), Timur (Idiot), Vincent Casagrande (Marcel Proust), Johannes Stermann (Wärter), András Adamik (Bursche), Paweł Popławski (Leitung), Julien Chavaz (Regie)
So., 12. April 2026 16:00 Uhr
Musiktheater
Schnittke: Leben mit einem Idioten
Gyula Nagy (Ich), Alison Scherzer (Frau), Timur (Idiot), Vincent Casagrande (Marcel Proust), Johannes Stermann (Wärter), András Adamik (Bursche), Paweł Popławski (Leitung), Julien Chavaz (Regie)
So., 03. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Schnittke: Leben mit einem Idioten
Gyula Nagy (Ich), Alison Scherzer (Frau), Timur (Idiot), Vincent Casagrande (Marcel Proust), Johannes Stermann (Wärter), András Adamik (Bursche), Paweł Popławski (Leitung), Julien Chavaz (Regie)
So., 17. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Schnittke: Leben mit einem Idioten
Gyula Nagy (Ich), Alison Scherzer (Frau), Timur (Idiot), Vincent Casagrande (Marcel Proust), Johannes Stermann (Wärter), András Adamik (Bursche), Paweł Popławski (Leitung), Julien Chavaz (Regie)




